der Auftakt weckte Erinnerungen: Die deutsche Nationalelf spielte gegen Curaçao so kombinationsstark und treffsicher (und ihre Gegner nicht minder schön, auch wenn sie seltener Gelegenheit dazu hatten), dass ich an ein Sommermärchen vor zwanzig Jahren dachte: Während der Fußball-WM 2006 zog wochenlang eine gesellschaftsverbindende Begeisterung durchs Land, Millionen jubelten, Fans aus aller Welt fühlten sich willkommen und feierten mit. Damals überzeugte Deutschland als sympathische, gefestigte, weltoffene Nation. Heute, zwanzig Jahre später, sieht die Welt sehr anders aus. Und das Bild, dass Deutschland in ihr abgibt. Denn das Image, das ja auch erklärtes Selbstbild war („Die Welt zu Gast bei Freunden!“), hat heftige Kratzer bekommen. Symptomatisch ist Deutschlands gescheiterte Bewerbung für den UN-Sicherheitsrat Anfang des Monats. Manche führen das Wahlergebnis auf taktische Fehler zurück, andere verweisen auf Ukraine und Nahost als kontroverse Reizthemen. Die tieferliegende Frage aber scheint mir zu sein: Will Deutschland überhaupt noch das Land sein, als das es sich beworben hat: multilateral, ehrlicher Makler, Verfechter fairer Regeln für alle, das sich auch für die kleinen Staaten einsetzt. Oder nehmen ihm das viele Staaten nicht mehr ab? Deutschland betont, international Verantwortung übernehmen zu wollen; gleichzeitig werden Mittel für humanitäre Hilfe, Entwicklungszusammenarbeit und Friedensförderung um teils mehr als die Hälfte gekürzt. Deutschland beansprucht, das globale Gemeinwohl zu befördern, doch im politischen Raum greift ein Diskurs um sich, der nur noch nach dem kurzfristigen Eigennutz fragt. Deutschland verweist auf seinen Einsatz für die Menschenrechte, beteiligt sich aber daran, Standards zur Einhaltung von Menschenrechten in globalen Lieferketten zu diskreditieren und abzubauen. Wie schön wäre es, wenn Deutschlands Partner in der Welt wieder mehr von dem Bild sähen, für das wir geschätzt werden wollen. Übrigens gab es wenige Tage nach Start des Sommermärchens 2006 ein weiteres verheißungsvolles Weltereignis: die Gründung des UN-Menschrechtsrats. Schaut man auf die steigende Zahl von Menschenrechtsverletzungen und Autokratien, vom fernen Weltfrieden ganz zu schweigen, haben sich die Hoffnungen nicht erfüllt. Und doch, schreibt Johannes Icking in seinem Blog zum zwanzigjährigen Jubiläum, ist dieses Gremium ein kostbares Gut. Schon weil dort Einzelne Menschenrechtsverletzungen mächtiger Staaten vor der versammelten Weltgemeinschaft anprangern können. Etwas Ähnliches geschieht bei der aktuellen WM: Tanja Vultier schildert, wie Aktivist*innen das Umfeld der Arenen in Mexiko nutzen, um auf Menschenrechtsverletzungen hinzuweisen. Auf einem Fußballfeld erinnern sie an Zehntausende verschwundene Angehörige, mutmaßliche Opfer staatlich oft kaum verfolgter Verbrechen. Die Familien suchen seit Jahren, kämpfen für Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden – und geben nicht auf.
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