Wie bewertest du vor dem Hintergrund des jüngsten Ebola-Ausbruchs den Einfluss der aktuellen WHO-Kürzungen auf die Fähigkeit zur Pandemieprävention?
Julia Stoffner: Die WHO-Kürzungen haben einen realen Einfluss auf die Handlungsmöglichkeiten der Organisation, aber man darf die Verantwortung nicht allein bei der WHO abladen. Entscheidend ist, dass traditionelle Geberländer ihre Beiträge für Globale Gesundheit reduziert haben. Das trifft Länder wie die Demokratische Republik Kongo hart. Aufgrund intensiver Konflikte und Bevölkerungsvertreibung ist die Situation schon herausfordernd. Erschwerend kommt nun hinzu, dass wir es mit einer Virusvariante zu tun haben, für die es weder eine Impfung, weder anschlagende Schnelltests noch eine spezifische Therapie gibt. Der Wegfall signifikanter Mittel, insbesondere die Unterstützung durch die USA, vergrößert die Lücken im Gesundheitssystem. Langfristig sind die Kürzungen fatal: Wenn internationale Mittel fehlen, schrumpft im Globalen Süden auch die Fähigkeit zur Prävention, zur schnellen Reaktion und zur Unterstützung lokaler Partnerorganisation, die Vertrauen in den Gemeinden haben und entscheidende Sensibilisierungsarbeit leisten.
Welche konkreten politischen Maßnahmen müssten jetzt auf internationaler Ebene ergriffen werden, damit sich ähnliche Ausbrüche künftig schnell eindämmen lassen?
Im akuten Ausbruch zeigt sich zunächst, wie überrascht die WHO und andere Akteure von der Geschwindigkeit und der Zahl der Verdachtsfälle waren. Dabei ist es weder der erste Ausbruch noch die erste Epidemie. Die Blaupausen für diese Fälle sind längst klar: Gelder müssen schnell und unbürokratisch freigegeben werden, damit vor Ort reagiert werden kann. Das heißt nicht nur Geld für Notfallteams, Tests und Logistik, sondern auch für persönliche Schutzmaßnahmen wie Masken, Ganzkörperanzüge und Desinfektionsmittel.
Strukturell müssen Staaten massiv in die Impfstoff- und Therapie‑Forschung bislang vernachlässigter Erreger investieren – Ebola gehört dazu. Forschungsergebnisse, etwa Gensequenzen, wie sie beim jetzigen Ebola-Ausbruch bereits geteilt wurden, müssen genutzt werden, um Impfstoffe zu entwickeln. Hier liegt aber eine zentrale politische Baustelle: Wenn öffentliche Mittel in die Entwicklung fließen, darf das Ergebnis nicht hinter Patenten verschwinden, die dann wenigen Unternehmen die Kontrolle über Zugang und Preis geben. Wir brauchen verbindliche Bedingungen für öffentliche Fördermittel: die Ergebnisse müssen als öffentliches Gut behandelt werden. Patente sollten in Gesundheitskrisen ausgesetzt werden, so dass weltweit ein gerechter Zugang garantiert ist. Zudem sollte ein Technologie‑ und Knowhow‑Transfer verpflichtend sein.
Außerdem ist das Internationale Pandemieabkommen der WHO äußerst relevant: Deshalb muss sein Annex schnell ausgehandelt werden. Die derzeit harten Fronten zwischen Globalem Norden und einem Großteil des Globalen Südens verzögern das Inkrafttreten des Abkommens, das dürfen wir uns nicht leisten.
Welche Rolle spielen lokale Gesundheitsstrukturen und unsere Gesundheitspartner bei der Eindämmung solcher Ausbrüche beziehungsweise bei der Prävention von Pandemien?
Julia Stoffner: Lokale Strukturen und Partnerorganisationen sind zentral. Sie haben Zugang zu Gemeinden, genießen Vertrauen und können zielgerichtet sensibilisieren - in Schulen, auf Märkten, an öffentlichen Treffpunkten. Ihre Aufgaben reichen von der Aufklärung über nötige Maßnahmen über die Behandlung von infizierten Personen bis zur Verteilung von Schutzmaterial. Die Belastung für Mitarbeitende vor Ort ist hoch. Fehlende Schutzmaßnahmen erhöhen das Risiko und die psychische Belastung enorm. Deshalb sind unsere Projektmittel flexibel: Partner müssen Mittel umschichten können, um akut zu reagieren, und zugleich sollten langfristig Gesundheits- und Hygienesysteme gestärkt werden. Nur mit funktionierenden, lokalen Gesundheitsstrukturen sind schnelle Eindämmung und nachhaltige Prävention möglich.
Die aktuelle Situation macht deutlich: Gegen solche Ausbrüche hilft keine Einzelmaßnahme. Es braucht ausreichend verlässliche, internationale Finanzierung, gezielte solidarische Forschung und vor allem gestärkte lokale Kapazitäten. Ohne diesen Dreiklang aus Geld, Wissenschaft und lokalen Akteuren wird es nicht besser werden. Dann steht die nächste Gesundheitskrise ins Haus.
Unsere Schwesterorganisation Diakonie Katastrophenhilfe ruft zu Spenden für die Menschen im Kongo auf.


