Interview

Ebola-Ausbruch und Kürzungen treffen Kongo doppelt

Ein Ebola-Ausbruch im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo ist besorgniserregend. In den Provinzen Ituri und Nord-Kivu steigen Verdachtsfälle und bestätigte Fälle schnell an. Auch in Uganda wurden Fälle gemeldet. Der Ausbruch entfacht erneut die Debatte über Kürzungen bei der WHO und die internationale Pandemie-Vorsorge, so Gesundheitsreferentin Julia Stoffner.

Von Online-Redaktion am
Portrait Julia Stoffner

Julia Stoffner ist Referentin für internationale Gesundheitspolitik bei Brot für die Welt.

Wie beschreiben unsere Partnerorganisationen aktuell die Lage vor Ort, was hören Sie?

Unsere Partner in Ituri und Nord-Kivu im Osten Kongos beschreiben die Lage als dramatisch. Sie betreiben unter anderem Krankenhäuser, die stark überlastet sind. Aktuell herrscht großer Bedarf an Schutzmaterial. Unsere Partner engagieren sich mit anderen Organisationen bei der Aufklärungsarbeit rund um das Ebolavirus. Die kirchlichen Akteure vor Ort spielen eine zentrale Rolle bei der Pandemievorsorge und -eindämmung und im Gesundheitsbereich allgemein. Kirchliche Einrichtungen decken 40 Prozent der Gesundheitsversorgung in Afrika ab. Unsere Partner sind oft dort, wo es keine staatlichen oder privaten Gesundheitseinrichtungen gibt.

Wie bewerten Sie vor dem Hintergrund des jüngsten Ebola-Ausbruchs den Einfluss der aktuellen WHO-Kürzungen auf die Fähigkeit zur Pandemieprävention?

Die WHO-Kürzungen haben einen Einfluss auf die Handlungsmöglichkeiten der Organisation, aber man darf die Verantwortung nicht allein bei der WHO abladen. Entscheidend ist, dass traditionelle Geberländer ihre Beiträge für globale Gesundheit reduziert haben. Das trifft Länder wie die Demokratische Republik Kongo hart. Aufgrund heftiger Konflikte mitsamt Vertreibungen ist die Situation ohnehin herausfordernd. Erschwerend kommt nun hinzu, dass wir es mit einer Virusvariante zu tun haben, für die es weder eine Impfung noch Schnelltests noch eine spezifische Therapie gibt. Der Wegfall signifikanter Mittel, insbesondere die Unterstützung durch die USA, vergrößert die Lücken im Gesundheitssystem. Langfristig sind die Kürzungen fatal: Wenn internationale Mittel fehlen, schrumpft im Globalen Süden auch die Fähigkeit zur Prävention, zur schnellen Reaktion und zur Unterstützung lokaler Partnerorganisation, die Vertrauen in den Gemeinden haben und entscheidende Sensibilisierungsarbeit leisten.

Welche konkreten politischen Maßnahmen müssten jetzt auf internationaler Ebene ergriffen werden, damit sich ähnliche Ausbrüche künftig schnell eindämmen lassen?

Beim aktuellen Ausbruch zeigt sich zunächst, wie überrascht die WHO und andere Akteure von der Geschwindigkeit und der Zahl der Verdachtsfälle waren. Dabei ist es weder der erste Ausbruch noch die erste Epidemie. Eine angemessene Reaktion auf diese Fälle ist, Gelder schnell und unbürokratisch freizugeben, damit die Menschen vor Ort reagieren können. Das heißt nicht nur Geld für Notfallteams, Tests und Logistik, sondern auch für persönliche Schutzmaßnahmen wie Masken, Ganzkörperanzüge und Desinfektionsmittel.

Strukturell müssen Staaten massiv in die Impfstoff- und Therapie‑Forschung bislang vernachlässigter Erreger investieren – Ebola gehört dazu. Forschungsergebnisse, etwa Gen-Sequenzen, wie sie beim jetzigen Ebola-Ausbruch bereits geteilt wurden, müssen genutzt werden, um Impfstoffe zu entwickeln. Hier liegt aber eine zentrale politische Baustelle: Wenn öffentliche Mittel in die Entwicklung fließen, darf das Ergebnis nicht hinter Patenten verschwinden, die dann wenigen Unternehmen die Kontrolle über Zugang und Preis geben. Wir brauchen verbindliche Bedingungen für öffentliche Fördermittel: Die Ergebnisse müssen als öffentliches Gut behandelt werden. Patente sollten in Gesundheitskrisen ausgesetzt werden, sodass weltweit ein gerechter Zugang garantiert ist. Zudem sollte ein Technologie‑ und Knowhow‑Transfer verpflichtend sein.

Außerdem ist das Internationale Pandemieabkommen der WHO äußerst relevant: Deshalb muss der letzte Teil schnell ausgehandelt werden. Die derzeit harten Fronten zwischen Globalem Norden und einem Großteil des Globalen Südens verzögern das Inkrafttreten des Abkommens, das dürfen wir uns nicht leisten.

Welche Rolle spielen lokale Gesundheitsstrukturen und unsere Partner bei der Eindämmung solcher Ausbrüche und bei der Prävention?

Lokale Strukturen und Partnerorganisationen sind zentral. Sie haben Zugang zu Gemeinden, genießen Vertrauen und können zielgerichtet sensibilisieren – in Schulen, auf Märkten, an öffentlichen Treffpunkten. Ihre Aufgaben reichen von der Aufklärung über die Behandlung infizierter Personen bis zur Verteilung von Schutzmaterial. Die Belastung für Mitarbeitende vor Ort ist hoch. Fehlende Schutzmaßnahmen erhöhen das Ansteckungsrisiko und die psychische Belastung enorm. Deshalb sind unsere Projektmittel flexibel: Partner müssen Mittel umschichten können, um akut zu reagieren, und zugleich sollten langfristig Gesundheits- und Hygienesysteme gestärkt werden. Nur mit funktionierenden, lokalen Gesundheitsstrukturen sind die schnelle Eindämmung und eine nachhaltige Prävention möglich.

Die aktuelle Situation macht deutlich: Gegen solche Ausbrüche hilft keine Einzelmaßnahme. Es braucht ausreichende und verlässliche internationale Finanzierung, gezielte solidarische Forschung und vor allem gestärkte lokale Kapazitäten. Ohne diesen Dreiklang aus Geld, Wissenschaft und lokalen Akteuren wird es nicht besser. Dann ist die nächste Gesundheitskrise nur eine Frage der Zeit.

Unsere Schwesterorganisation Diakonie Katastrophenhilfe ruft zu Spenden für die Menschen im Kongo auf.

Das Interview führte Prokop Bowtromiuk.

Dieser Blog erscheint auch im Politik-Brief, Ausgabe Juni 2026

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