Auf dem Asphalt wird das Spiel zur politischen Intervention: rote Karte für die Gleichgültigkeit.
© Tanja Vultier
Im Vorfeld der Fußball-WM protestieren Familien von Verschwundenen in Mexiko-Stadt. Mit Trikots, Sammelbildern, einem Axolotl-Maskottchen und einem Fußballspiel machen sie auf eine der schwersten Menschenrechtskrisen des Landes aufmerksam – und zeigen, warum die Suche nach Verschwundenen auch Friedensarbeit ist.

Mit Trikots und Plakaten machen Angehörige von Verschwundenen das Fussballfest zum Protest gegen das Wegsehen.
Mitten in Mexiko-Stadt, dort, wo sonst der Verkehr rauscht, ist an diesem Tag ein Fußballfeld auf den Asphalt gemalt. Dahinter erhebt sich die Glorieta de las y los Desaparecidos – ein Ort, an dem Suchplakate, Fotografien und Namen von Verschwundenen den öffentlichen Raum in ein kollektives Gedächtnis verwandeln. Hier, wo Angehörige seit Jahren an die Verschwundenen erinnern, entsteht im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft auch eine Bühne.
Als der Ball ins Spiel kommt, tragen viele der Teilnehmenden Trikots der mexikanischen Nationalmannschaft. Doch auf Brust und Rücken stehen nicht die Namen bekannter Spieler, sondern es sind die Gesichter verschwundener Söhne, Töchter, Schwestern, Brüder oder Partner*innen zu sehen. Das Match ist keine sportliche Inszenierung, sondern eine politische Intervention. Während die Welt bald auf Stadien und Fanmeilen schauen wird, erinnern die Familien daran, dass in Mexiko mehr als 130.000 Menschen als verschwunden oder nicht lokalisiert gelten. Auf Plakaten steht: „México campeón mundial en desaparición“ – Mexiko, Weltmeister im Verschwindenlassen. Andere fordern die „rote Karte“ für die Gleichgültigkeit und staatliches Versagen.
Die Aktion an der Glorieta reiht sich ein in eine längere Geschichte von Menschenrechtsinitiativen, die internationale Sportereignisse nutzen, um Aufmerksamkeit für ihre Anliegen zu schaffen. Ein oft genanntes Beispiel sind die Madres und Abuelas de Plaza de Mayo in Argentinien, deren Suche nach den Verschwundenen während der Fußball-Weltmeisterschaft 1978 internationale Sichtbarkeit erlangte. Die politischen Kontexte unterscheiden sich grundlegend. Dennoch verweist die Erinnerung daran auf eine wiederkehrende Frage: Welche Themen geraten ins Blickfeld der Weltöffentlichkeit, wenn ein Land Gastgeber eines globalen Sportereignisses wird – und welche drohen dahinter zu verschwinden?
Rund um das improvisierte Fußballfeld liegen Banner mit Porträts verschwundener Menschen, manche gestaltet wie Sammelbilder in einem Panini-Album. Doch statt sportlicher Karrieren erzählen sie von unterbrochenen Lebensgeschichten. Ein pinkes Axolotl-Maskottchen, ein lokales Identifikationssymbol, läuft zwischen den Plakaten umher. Auf seinem Rücken steht: „+133 Tausend Verschwundene“. Was auf den ersten Blick verspielt wirken könnte, ist eine präzise Form politischer Kommunikation. Die Familien greifen die Symbolwelt eines Großereignisses auf und konfrontieren sie mit einer Realität, die im nationalen und internationalen Diskurs oft an den Rand gedrängt wird: jene der Mütter, Väter, Geschwister, Ehefrauen und Kinder, die seit Jahren Polizeiakten lesen, Hinweise verfolgen, Druck auf Behörden ausüben und eigene Suchbrigaden organisieren.
„Las familias buscadoras se la juegan en la cancha de la búsqueda“ – die suchenden Familien setzen auf dem Spielfeld der Suche alles aufs Spiel. Der Satz beschreibt mehr als eine Metapher: Wer in Mexiko nach Verschwundenen sucht, fordert Wahrheit ein – und stellt damit bestehende Machtverhältnisse infrage. Viele Angehörige werden bedroht, kriminalisiert oder stigmatisiert. Dennoch setzen sie ihre Suche fort, weil hinter jeder Akte ein Mensch steht – und hinter jedem Hinweis die Hoffnung auf eine Antwort.
Das Verbrechen des Verschwindenlassens endet nicht mit dem Moment, in dem eine Person verschwindet. Für Angehörige dauert die Gewalt an, solange unklar ist, was mit ihren Familienmitgliedern geschehen ist. Die Suche nach Wahrheit und Gewissheit wird so zu einer Aufgabe, die sich über Jahre hinweg zieht. Zudem verweist diese Suche auf ein tieferliegendes Problem: Wo Menschen verschwinden, Ermittlungen scheitern und Täter straflos bleiben, schwindet das Vertrauen in staatliche Institutionen. Die Folgen reichen weit über die betroffenen Familien hinaus und prägen ganze Gemeinden.
Mexiko ist von anhaltender und fragmentierter Gewalt geprägt, in der organisierte Kriminalität, Korruption, die Schwäche staatlicher Institutionen und Straflosigkeit eng miteinander verwoben sind. Medial wirksame Militärschläge gegen Kartellbosse lösen diese Gewaltherrschaft nicht auf, denn die dahinter liegenden Strukturen bleiben intakt. Ohne funktionierende Institutionen, wirksame Ermittlungen und Schutz für Betroffene organisieren sich Gewaltakteure neu, die Bedrohungslage für die Zivilbevölkerung besteht fort.
Deshalb ist die Suche nach Verschwundenen mehr als eine humanitäre Aufgabe. Sie trägt dazu bei, die Wahrheit ans Licht zu bringen, staatliche Verantwortung einzufordern und das Vertrauen in rechtsstaatliche Strukturen zu stärken. Damit wird sie zu einem zentralen Baustein von Konflikttransformation und nachhaltiger Friedensarbeit.
Der Zivile Friedensdienst von Brot für die Welt und Dienste in Übersee arbeiten in Mexiko mit Organisationen zusammen, die Angehörige von Verschwundenen begleiten, Menschenrechte verteidigen und Friedensarbeit leisten. Die Partnerorganisationen unterstützen Familien dabei, ihre Rechte einzufordern, sich zu vernetzen und ihre Anliegen öffentlich sichtbar zu machen. Sie leisten psychosoziale Begleitung, stärken Schutzstrategien und fördern den Dialog zwischen Zivilgesellschaft und staatlichen Institutionen. Ziel ist nicht, staatliche Verantwortung zu ersetzen. Vielmehr geht es darum, die Beteiligung der Betroffenen zu stärken und Räume zu schaffen, in denen Wahrheit, Anerkennung und Rechenschaft möglich werden – zentrale Voraussetzungen für Frieden und Nichtwiederholung.
Für Deutschland und die Europäische Union sollte die Weltmeisterschaft deshalb mehr als ein Sportereignis sein. Sie bietet die Gelegenheit, auf wirksame Such- und Ermittlungsstrukturen, den Schutz von Angehörigen und Menschenrechtsverteidiger*innen sowie die Beteiligung der Familien an politischen Entscheidungen zu drängen. Wenn am 11. Juni der Ball rollt, wird Mexiko der Welt ein Fest präsentieren. Die Familien an der Glorieta erinnern daran, dass der Erfolg eines Landes nicht allein im Stadion gemessen wird, sondern auch an der Frage, ob ein Staat seine Bürger*innen schützt – auch jene, die fehlen. Ihre Frage darf im Jubel nicht untergehen: Wo sind sie?
Dieser Text wurde verfasst von Tanja Vultier, Koordinatorin des ZFD-Programms von Brot für die Welt in Mexiko.
Hinweis: Die Spendenbeispiele sind symbolisch. Durch Ihre zweckungebundene Spende ermöglichen Sie uns dort zu helfen, wo es am dringendsten ist.
56 € ( Spendenbeispiel ) Mit 56 € kann zum Beispiel ein Hygiene-Paket für eine geflüchtete Familie finanziert werden.
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148 € ( Spendenbeispiel ) Mit 148 € kann zum Beispiel ein Regenwassertank mit 2.000 Liter Fassungsvermögen gekauft werden.
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