Der abgesteckte Suchbereich wird systematisch für die forensische Untersuchung vorbereitet.
© Tanja Vultier / Brot für die Welt
In Coahuila im Norden Mexikos suchen Familien seit über 15 Jahren nach ihren verschwundenen Angehörigen. Was als verzweifelter Ruf einzelner Familienmitglieder begann, ist heute ein organisierter Kampf um Wahrheit, forensische Identifizierung und Gerechtigkeit. Das Menschenrechtszentrum Fray Juan de Larios, ZFD-Partner von Brot für die Welt, stärkt die Familien, schafft Schutzräume und vermittelt.

Eine forensische Anthropologin des CRIH sucht in Coahuila nach menschlichen Überresten.
In Mexiko begann die Suche nach verschwundenen Menschen nicht durch den Staat, sondern durch die Familien: in Coahuila organisieren sich seit 2009 Mütter, Väter, Geschwister, um die Suche nach ihren verschwundenen Angehörigen einzufordern – inmitten einer Gewaltwelle, die den Bundesstaat tiefgreifend verändert hat. Aus diesem Prozess entstand das Kollektiv FUUNDEC-FUNDEM (Fuerzas Unidas por Nuestros Desaparecidos en Coahuila y en México), ein Zusammenschluss von Familien, der die Suche nach Verschwundenen von einer lokalen Forderung zu einer nationalen Menschenrechtsfrage machten. Begleitet wurde dieser Prozess unter anderem vom Menschenrechtszentrum Fray Juan de Larios, das als Partnerorganisation des Zivilen Friedensdienstes (ZFD) die Angehörigen unterstützte und dazu beitrug, dass aus individuellem Leid kollektive Handlungsfähigkeit wurde.
Wie dramatisch die Lage ist, zeigt auch ein aktueller Schritt der Vereinten Nationen: Der UN-Ausschuss gegen das Verschwindenlassen aktivierte im April diesen Jahres den Artikel 34 des Internationalen Übereinkommens zum Schutz aller Personen vor dem Verschwindenlassen – ein außergewöhnliches Verfahren, das auf ernsthafte Hinweise auf systematisches oder großflächiges Verschwindenlassen verweist: in Mexiko gelten mehr als 130.000 Menschen als verschwunden, über 70.000 menschliche Überreste sind nicht identifiziert.
Besonders sichtbar wird diese Krise bei den sogenannten jornadas de búsqueda, organisierten Suchaktionen nach lebenden Verschwundenen, etwa in Haftanstalten oder Suchteinrichtungen, und nach menschlichen Überresten in abgelegenen Gebieten. An diesen Suchaktionen sind verschiedene staatliche Stellen, wie die Staatsanwaltschaft, Ermittlungsbehörden und die staatliche Sucheinheit von Coahuila beteiligt, sowie das Regionale Zentrum für menschliche Identifizierung (CRIH), ein Labor zur Analyse menschlicher DNA und Identifizierung menschlicher Überreste. Dass solche Einsätze überhaupt stattfinden und Angehörige daran teilnehmen können, ist Ergebnis jahrelanger politischer Arbeit. Fray Juan de Larios spielt dabei eine zentrale Rolle: als vermittelnde, begleitende und koordinierende Instanz zwischen Familien und Behörden. Dabei wird sie durch den Zivilen Friedensdienst (ZFD) unterstützt.
Eine Suchaktion nahe Saltillo, begleitet im Rahmen des ZFD von Brot für die Welt, macht die Dimension dieser Arbeit begreifbar: das zu durchsuchende Gebiet umfasst rund 800 Hektar Wüstenlandschaft. Erde, Steine, Kakteen, Himmel – und dazwischen die Suche nach kleinsten menschlichen Fragmenten. Die Landschaft besitzt eine stille Schönheit und zugleich könnte sie Tatort schwerster Verbrechen sein.
Das Gelände wird systematisch abgesucht, markiert, untersucht und dokumentiert. Doch die Gewalt, deren Spuren hier gesucht werden, scheint jedes methodische Vorgehen zu übersteigen: bei diesem Einsatz werden mehr als 700 menschliche Knochenfragmente gefunden, außerdem Zähne, ganze Rippen, Kugeln, Patronenhülsen, ein ringähnlicher Gegenstand und ein Baseballschläger. Jeder Fund zwingt zum Innehalten: All das gehörte einmal zu jemandem. Für die Familien verdichten sich in solchen Momenten Hoffnung, Angst, Wut und Erschöpfung. Sie suchen eine Antwort – und fürchten zugleich die Gewissheit, die sie bringen könnte.
Ziel der Gewalt in Coahuila ist häufig, Körper und Spuren auszulöschen: Menschen werden ermordet, ihre Körper zerstückelt, verbrannt und Überreste weiter zerkleinert. Dies stellt die Identifizierung vor große Herausforderungen. Oft sind seitdem Jahre vergangen, die Fragmente sind oftmals sehr klein, verbrannt oder der Witterung ausgesetzt; verwertbare DNA zu gewinnen, gelingt nicht immer. Die Krise des Verschwindenlassens ist deshalb auch gleichzeitig eine forensische Krise.
Umso wichtiger ist die Arbeit des CRIH und die politische Forderung der Familienangehörigen nach sauberen, transparenten Verfahren. Sie fordern nicht nur, dass der Staat die Suche nach ihren verschwundenen Familienmitgliedern aufnimmt, sondern diese auch identifiziert und die Aufklärung der Verbrechen und eine Wiedergutmachung garantiert. Jeder Knochen, jedes Fragment muss daher sorgfältig gesichert werden, weil darin womöglich die einzige Chance liegt, einem verschwundenen Menschen seinen Namen zurückzugeben.
Das Kollektiv FUUNDEC-FUNDEM treibt die Suche nach Verschwundenen seit Jahren voran. Zugleich ist die Haltung des Kollektivs klar: Die Suche selbst ist Aufgabe und Pflicht des Staates. Die Angehörigen begleiten die Suchaktionen vor Ort, um zu beobachten, Sorgfalt einzufordern und sichtbar zu machen, dass hinter jeder Spur ein Mensch und eine Familie stehen. Das ist nicht zuletzt auch juristisch entscheidend: werden Funde nicht fachgerecht und unter Wahrung der Beweiskette gesichert, können diese später in rechtlichen Verfahren nicht verwendet werden.
Suchen heißt in Coahuila deshalb auch Frieden schaffen: es geht um Wahrheit, Würde, Gerechtigkeit und um die Garantien der Nichtwiederholung – und somit um die Bedingungen, unter denen nachhaltiger Frieden überhaupt erst möglich wird. Die Begleitung durch Fray Juan de Larios, die Arbeit von FUUNDEC-FUNDEM und der Beitrag des ZFD sind damit Teil eines „Friedensaufbaus von unten“: ausgehend von lokal verankerten Initiativen, in denen der Schmerz der Einzelnen zu einem kollektiven Kampf wird, um Rechte einzufordern.
Die Ansätze des ZFD angesichts der Krise des Verschwindenlassens reichen jedoch über einzelne Suchaktionen hinaus: zur Unterstützung, die durch den ZFD geleistet wird, zählen auch Schutzkonzepte und psychosoziale Begleitung für Suchkollektive, die aufgrund ihres Engagements selbst zur Zielscheibe von Drohungen und Gewalt werden, Sicherheitsstrategien, Schulungen für Behörden zur Analyse der Zusammenhänge und der kriminellen Muster, die sich hinter den einzelnen Fällen von verschwundenen Personen verbergen – sogenannte makrokriminelle Muster, sowie Lobby- und Advocacy-Arbeit auf nationaler und internationaler Ebene. So wird die Krise sichtbar gemacht, der politische Druck erhöht und staatliche Verantwortungsübernahme eingefordert.
Nach verschwundenen Menschen zu suchen heißt, dem Schweigen etwas entgegenzusetzen. Es heißt, sich zu weigern, dass menschliche Überreste auf Zahlen oder Akten reduziert werden. Es heißt, Würde und Wahrheit einzufordern und darauf zu bestehen, dass der Name verschwundener Personen wieder hergestellt wird – und darauf, dass der Staat weiterhin zur Verantwortung gezogen wird, solange Familien selbst nach Antworten suchen müssen. Zugleich eröffnet sich durch die Suche die Möglichkeit auf der Grundlage von Wahrheit und Würde einen Weg zum Frieden in Mexiko zu bauen.
Dieser Text wurde verfasst von Tanja Vultier, Koordinatorin des ZFD-Programms von Brot für die Welt in Mexiko.
Hinweis: Die Spendenbeispiele sind symbolisch. Durch Ihre zweckungebundene Spende ermöglichen Sie uns dort zu helfen, wo es am dringendsten ist.
56 € ( Spendenbeispiel ) Mit 56 € kann zum Beispiel ein Hygiene-Paket für eine geflüchtete Familie finanziert werden.
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148 € ( Spendenbeispiel ) Mit 148 € kann zum Beispiel ein Regenwassertank mit 2.000 Liter Fassungsvermögen gekauft werden.
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