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„Die Frauen sollen lernen, ihre Rechte zu verteidigen“
Seit mehr als 20 Jahren setzt sich die Organisation „Corsorcio para el diálogo parlamentario en Oaxaca“ für Frauen ein, denen Gewalt angetan wurde. Was die Organisation in dieser Zeit erreicht hat und wie sich ihre Arbeit verändert hat, erzählt Direktorin Yésica Sánchez Maya.
Frau Sánchez Maya, wie hat sich die Arbeit Ihrer Organisation entwickelt?
Die „Vereinigung für den parlamentarischen Dialog in Oaxaca“ wurde 2003 gegründet, als Interessensgruppe, die Einfluss auf die parlamentarische Arbeit nehmen wollte. Wir sagten, dass Frauen auch in die Sphären der Macht kommen müssen, dorthin wo Entscheidungen getroffen werden. Aber dann haben wir festgestellt, dass die Gewalt gegen Frauen zunahm, in den Familien, am Arbeitsplatz, selbst in sozialen Bewegungen. Das, was diese Gewalt bei Frauen verursacht, verhindert jegliches Leben in Würde. Solange diese Gewalt existiert, kann keine der betroffenen Frauen an eine bessere Welt denken.
Kann man das so zusammenfassen: Vom Lobbyismus zur konkreten Arbeit mit der Bevölkerung?
Ja, und man muss hinzufügen: mit der indigenen Bevölkerung. Drei Viertel der Einwohnerinnen und Einwohner des Bundesstaates Oaxaca sind Indigene. Wir haben mit unserer Arbeit in den Bergen bei den Mixe angefangen, sie dann auf die Triqui im Westen und die Mixteken im Nordwesten ausgedehnt und kamen so schließlich bis an die Küste. Wir arbeiten mit Frauen, die unter Gewalt leiden, mit Jugendlichen, mit Menschenrechtler*innen, und wir vernetzen uns mit anderen sozialen Bewegungen.
Wie begann eure Arbeit ganz konkret?
Wir machten Öffentlichkeitskampagnen, veranstalteten Gesprächskreise und Workshops. Und wir begannen, Feminizide zu dokumentieren. Der Staat behauptete immer, es gebe solche Fälle kaum, wir würden übertreiben. Also begannen wir zu zählen. Wie haben jetzt seit 20 Jahren eine Datenbank über Fälle von Gewalt gegen Frauen. Seit 15 Jahren ist sie digitalisiert und öffentlich zugänglich.
Karte macht Gewalt gegen Frauen sichtbar
In einer digitalen Datenbank erfasst Consorcio seit Jahren Misshandlungen und Femizide, sowie verschwundene Frauen und Suizide infolge von Gewalt. Die Plattform steht öffentlich zur Verfügung, macht das Ausmaß der Gewalt sichtbar und hilft, Gerechtigkeit einzufordern.
Hatte diese Datenbank auch Einfluss auf die Politik?
Sie nützte uns, um Berichte zu erstellen und damit dem Parlament Gesetzesvorschläge zu machen. Es gab da zum Beispiel einen Mann, der seine Frau ermordet und behauptet hatte, er habe es zur Rettung seiner Ehre getan, weil sie ihm untreu gewesen sei. Wir haben uns danach beim Interamerikanischen Menschenrechtsgerichtshof und bei anderen Institutionen dafür eingesetzt, dass der juristische Begriff des „Ehrenmords“ aus dem Gesetzbuch verschwindet, weil er in aller Regel zu Strafminderungen führte. Und wir haben uns darum bemüht, dass das Delikt des Feminizids ins Strafgesetz aufgenommen wird. Das ist uns 2012 gelungen. Zudem haben uns erfolgreich für das Recht auf Abtreibung nach einer Vergewaltigung eingesetzt. 2019 wurde Oaxaca nach dem Hauptstadtbezirk der zweite Bundesstaat, in dem Abtreibungen legalisiert wurden.
Was gibt dir besondere Befriedigung bei der Arbeit von Consorcio?
Es freut mich, dass wir immer bei unserer Sache geblieben sind. So haben wir uns in eine Organisation verwandelt, auf die die Menschen hören. Wir können Hoffnung auf Würde geben angesichts eines Staats und eines Männlichkeitswahns, die Frauen zum Schweigen bringen wollen.
Etliche von Ihnen unterstützte Frauen haben uns erzählt, dass ihnen nicht nur die juristische Hilfe nützt, sondern auch die Teilnahme an euren Workshops. Welches Ziel haben die?
Es ist ein Fehler, die Frauen nur als Opfer zu sehen. Wir wollen vermeiden, dass sie sich nur auf sich selbst konzentrieren, dass sie denken: „Ich Arme, ich habe Gewalt erlitten, jemand muss mir helfen.“ Unsere Workshops sind zwar der Achtsamkeit mit sich selbst gewidmet, sie haben aber immer auch ein politisches Ziel. Die Frauen sollen lernen, ihre Rechte zu verteidigen.
Welche Rolle spielt bei eurer Arbeit die Unterstützung durch Brot für die Welt?
Brot für die Welt hat uns von Anfang an unterstützt. Dass man auf eine feministische Organisation setzte, sagt viel über die Vision des Werkes. Brot für die Welt sieht Frauenrechte als Teil seiner strategischen Ausrichtung. Dass wir schon so lange unterstützt werden, zeigt auch, dass die Organisation anders denkt als die meisten Hilfswerke, die mit Projekten von zwei oder drei Jahren Grundsätzliches verändern wollen. Brot für die Welt weiß, dass man eine bessere Welt und ein besseres Leben nicht per Dekret verordnen kann. Das sind lange Prozesse, man muss ihnen Zeit geben.
Yésica Sánchez Maya, 48 Jahre, ist Rechtsanwältin, Verteidigerin der Menschenrechte und Feministin. Seit 20 Jahren ist sie im Vorstand der Organisation „Consorcio para el Diálogo Parlamentario en Oaxaca“ (Vereinigung für den parlamentarischen Dialog in Oaxaca).
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