Oaxaca, Mexiko, 20.11.2025: Blick auf Zeitungsausschnitte im Büro von Consorcio, welche das tägliche Grauen der Gewalt gegen Frauen und Kinder zeigen. Die Berichterstattung über die Taten wird vom BfdW Partner Consorcio akribisch dokumentiert.
Damit Gewalt nicht Normalität bleibt

Rechtsbeistand für Frauen in Mexiko

Nur wenn Gewalttaten endlich Konsequenzen haben, wird sich etwas ändern: Gewalt gegen Frauen ist auch in Mexiko ein gravierendes gesellschaftliches Problem und für Millionen Frauen und Mädchen Teil des Alltags. Die meisten Täter gehen straflos aus. Täglich fallen im Schnitt etwa zehn Frauen einem Femizid zum Opfer. Unsere Partnerorganisation Consorcio Oaxaca sorgt dafür, dass betroffene Frauen und ihre Angehörigen in den langwierigen und oft ungerechten Mühlen der Justiz nicht zermahlen werden

Schreiende Ungerechtigkeit

Es ist später Nachmittag in Salina Cruz, einer Hafenstadt an Mexikos Pazifikküste, als Abigail Hay Urrutia im Auto mit ihrem Mann in Streit gerät. Die 30jährige Mutter zweier Kinder war von ihm bereits zuvor misshandelt worden. An diesem Tag ruft ihr Mann die Polizei. Den Beamten sagt er, sie sollen Abigail mitnehmen, sie sei aggressiv geworden.

„Ein paar Stunden später erhielt mein Vater einen Anruf“, erzählt Abigails Schwester Margarita. „Man sagte ihm, Abigail habe sich im Gefängnis das Leben genommen. Doch die Obduktion zeigte, dass es kein Selbstmord war. Die Polizisten hatten sie so sehr geschlagen, dass sie starb.

Kampf gegen Institutionen

In langjährigen Gerichtsprozessen erreichte Abigails Familie, dass sowohl mehrere Polizisten als auch ihr Mann wegen ihres Todes und der zuvor ausgeübten Gewalt verurteilt wurden. Immer wieder gab es Berufungen, Verzögerungen und Versuche, die Tat herunterzuspielen.

Derartige Verfahren sind für Angehörige juristisch, finanziell und emotional kaum ohne Unterstützung zu bewältigen. Consorcio Oaxaca, ein feministisches Bündnis aus Juristinnen, Aktivistinnen und Menschenrechtsverteidigerinnen, stand Abigails Schwester Margarita und weiteren Familienmitgliedern zur Seite und drängte – auch öffentlich – vehement darauf, die Tat als das zu benennen, was sie ist: ein Femizid.

Stärken Sie mit uns Frauenrechte – in Mexiko und weltweit!

In einer Vielzahl von Projekten stärkt Brot für die Welt zusammen mit den lokalen Partnerorganisationen die Rechte von Frauen und verbessert Lebensbedingungen. In Mexiko und in vielen anderen Ländern weltweit. Seien Sie dabei: Gemeinsam können wir die Welt zu einem besseren Ort für Frauen machen.

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Kein Einzelfall

Consorcio Oaxaca bietet Frauen, die Gewalt erfahren haben und Angehörigen von Femizid‑Opfern rechtlichen und psychologischen Beistand, übersetzt juristische Sprache, begleitet Klagen, Anhörungen, Berufungen und Verfahrensänderungen, gräbt in Akten nach widersprüchlichen Erklärungen, unterstützt bei der Dokumentation von Misshandlungen - und schafft öffentliche Sichtbarkeit auch dort, wo Frauen politisch und institutionell ausgeblendet werden.

Der Bedarf an dieser Arbeit ist groß in Oaxaca, jenem Bundesstaat im Südwesten Mexikos, der zu den fünf Regionen des Landes mit den höchsten Femizidraten zählt. Wie Abigail werden Frauen nicht selten als Verursacherinnen der Konflikte dargestellt. Ihre Aussagen werden bezweifelt, Übergriffe relativiert, vertuscht - oder aus berechtigt fehlendem Vertrauen in die Behörden von den Frauen gar nicht erst angezeigt.

Indigene Frauen fordern ihre Rechte ein

Mexikos Frauen sind nicht still – ihnen fehlen nur häufig die Möglichkeiten. In den indigenen Mixe-Gemeinschaften hoch in den Bergen Oaxacas, wo die Arbeit von Consorcio ihren Ursprung fand, gibt es beispielsweise eine starke Tradition des Widerstands. Doch gerade Frauen aus indigenen und ländlichen Gemeinden fehlen häufig sowohl der Zugang als auch das Vertrauen zu staatlichen Institutionen. Selten sehen sie ihre Rechte durch das kolonial geprägte, patriarchalische Justizsystem geschützt. Sprachbarrieren, Analphabetismus und prekäre Arbeitsverhältnisse verschärfen ihre Lage.

Femizid und Feminizid – Eine Begriffsklärung

Femizid bezeichnet die Tötung von Frauen als Ausdruck geschlechtsspezifischer und patriarchaler Gewalt.

In Mexiko wurde der Begriff angesichts der schweren Gewaltkrise gegen Frauen weiterentwickelt: Feminizid beschreibt nicht nur die Tat selbst, sondern auch das Versagen staatlicher Institutionen. Gemeint sind Fälle, in denen Behörden Gewalt ignorieren, Ermittlungen verschleppen oder Täter straflos bleiben.

Ein Feminizid macht deutlich: Diese Verbrechen geschehen nicht im luftleeren Raum – sie werden durch Straflosigkeit und staatliches Wegsehen begünstigt.

Eine, die nicht schweigen wollte

Rund 30.000 Frauen gelten in Mexiko als verschwunden oder als vermisst. Ende 2024 verschwand Sandra Domínguez. Die Anwältin aus dem indigenen Volk der Mixe setzte sich für die Rechte indigener Frauen ein. „Meine Schwester Sandra war immer stolz darauf, zum Volk der Mixe zu gehören. Sie fühlte sich stark, wenn sie unsere Tracht trug“, erzählt ihre Schwester Kisha. „Wir zeigten ihr Verschwinden bei der Staatsanwaltschaft an, wurden dort aber eingeschüchtert. Obwohl wir Angst hatten, veranstalteten wir mithilfe von Consorcio Demonstrationen und Versammlungen und verlangten, dass nach ihr gesucht wird.“

Im April 2025 werden Sandra und ihr Mann tot aufgefunden. Die Menschenrechtsanwältin hatte eine WhatsApp-Gruppe öffentlich gemacht, in der Regierungsbeamte pornografische Fotos austauschten, vor allem von Mixe-Frauen. „Domínguez hat lokale Würdenträger angezeigt. Deshalb hat man sie verschwinden lassen“, sagt Finja Henke, eine deutsche Fachkraft des Zivilen Friedensdienstes bei Consorcio.

Wer in Oaxaca Menschenrechte verteidigt, lebt gefährlich

Mexiko gilt als extrem gefährliches Pflaster für all jene, die laut werden für die Gerechtigkeit. Der Bundesstaat Oaxaca nimmt dabei eine traurige Spitzenposition ein. Wer hier aufsteht gegen Femizide – oder beispielsweise gegen Landraub und Behördenwillkür, riskiert Bedrohung, Kriminalisierung und im schlimmsten Fall das Leben.

Besonders gefährdet sind Frauen, die unbequeme Wahrheiten aussprechen, ob Lehrerinnen, Journalistinnen, Bäuerinnen oder Aktivistinnen. Consorcio Oaxaca legt deshalb einen Schwerpunkt auf den Schutz dieser Menschenrechtsverteidigerinnen. Die Organisation, die auch selbst schon zur Zielscheibe wurde, bietet Rechtsberatung, unterstützt bei physischer und digitaler Sicherheit - und fördert nicht zuletzt die Selbstfürsorge, welche im Aktivismus häufig zu kurz kommt.

Tiefgreifender Wandel nötig

Hinter der vielschichtigen Arbeit von Consorcio Oaxaca steht ein großes, übergeordnetes Ziel: ein grundlegender gesellschaftlicher Wandel, der partiarchale Gewalt dauerhaft und strukturell überwindet.

Der Weg dorthin bleibt steinig. Brot für die Welt unterstützt Consorcio Oaxaca dabei, dass Frauen ihre Rechte wahrnehmen können, Schutz finden und gesellschaftlicher Wandel möglich wird. Seien Sie mit einer Spende dabei.

 

Lesen Sie mehr über das Projekt:

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Oaxaca, Mexiko, 23.11.2025: Frauen verschiedener feministischer und Menschenrechts- Organisationen kommen am frühen Abend im Parque de Llano in der Altstadt von Oaxaca zusammen, um gemeinam Plakate, Banner und andere Materialien für eine am 25.11.2025, dem Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen-Orange Day-, stattfindende Demonstration zu gestalten. Auch einige Kinder und Männer unterstützen sie dabei. Oaxaca, Mexiko, 25.11.2025: Im Bild ist das Antimonumenta zu sehen, eine Protestinstallation, die als öffentlicher Erinnerungsort und Forderung nach Gerechtigkeit für die Opfer von geschlechtsspezifischer Gewalt und Femiziden  dient. Am Orange Day, dem internationalen  Aktionstag zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und Mädchen, versammelt sich hier der Demozug für seine Marsch ins histroische Zentrum.

Hinweis: Die Spendenbeispiele sind symbolisch. Durch Ihre zweckungebundene Spende ermöglichen Sie uns dort zu helfen, wo es am dringendsten ist.

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