Etappe in Burkina Faso, Besuch einer kleinerbäuerlichen Kooperative
© Aichata Koné
Tausende Kilometer und unzählige Begegnungen: Die Westafrikanische Karawane für Land, Wasser und bäuerliches Saatgut bringt lokale Kämpfe und politische Forderungen zusammen.

Aichata Koné während einer Etappe der Karawane in Burkina Faso. Sie ist Mitarbeiterin der malischen Partnerorganisation UACDDDD (Union des Associations et des Coordinations d’Associations pour le Développement et la Défense des Droits des Démunis / Union der Vereinigungen und Verbände für Entwicklung und die Verteidigung der Rechte benachteiligter Menschen).
Zwei Wochen sind sie durch Westafrika gereist, tausende Kilometer liegen hinter ihnen – doch kurz vor dem Ziel ist plötzlich Schluss. Auf dem Weg zum Weltsozialforum in Cotonou wird der Konvoi der Westafrikanischen Karawane an der Grenze zu Benin gestoppt. Die Aktivist*innen müssen zurück nach Togo – doch sie lassen sich nicht aufhalten. Denn bei dieser Karawane ist der Weg selbst die politische Aktion.
Verzögerungen und Unklarheiten rund um den offiziellen Beginn des Weltsozialforums hatten zunächst auch die Einreise der Karawane verhindert. Für die Teilnehmenden heißt es: warten, beraten, neu organisieren. Dann ist es endlich so weit. Am Donnerstagnachmittag erreicht der Konvoi aus Lomé das Gelände der Universität Abomey-Calavi. Mit Gesängen und Jubel werden die Aktivist*innen von Mitstreiter*innen aus aller Welt empfangen. Erschöpft von der langen Reise und den turbulenten letzten Tagen, aber immer noch voller Tatendrang, steigen sie aus den Bussen. Schnell entstehen Gespräche, Umarmungen und Wiedersehen.
Und bald beginnen sie zu erzählen: von Gemeinden, die um ihr Land kämpfen, von Frauen, die mehr Mitsprache bei der Nutzung natürlicher Ressourcen fordern, von Küstenorten, die den steigenden Meeresspiegel bereits heute erleben – und von bäuerlichen Initiativen, die mit lokalem Saatgut und Agrarökologie eigene Lösungen entwickeln.
Unter diesem Motto waren sie in den vergangenen Wochen unterwegs. Die fünfte Westafrikanische Karawane für Land, Wasser und bäuerliches Saatgut führte über mehrere Routen durch zahlreiche Länder der Region. Ihr Ziel: Menschen und Bewegungen über Grenzen hinweg zusammenzubringen, lokale Kämpfe sichtbar zu machen und den Stimmen derjenigen politisches Gewicht zu verleihen, die direkt von Landraub, Klimakrise, Rohstoffabbau oder dem Verlust der Kontrolle über Saatgut und Wasser betroffen sind.
Die Karawane wird von der Convergence Globale des Luttes pour la Terre et l’Eau en Afrique de l’Ouest - CGLTE-AO (Westafrikanisches Bündnis von Bewegungen für Land, Wasser und bäuerliches Saatgut) getragen, die 2026 zugleich ihr zehnjähriges Bestehen feierte. Seit einem Jahrzehnt verbindet sie die Verteidigung von Land, Wasser und bäuerlichem Saatgut mit Fragen von Ernährungssouveränität, Frauenrechten sowie sozialer und Klimagerechtigkeit. Ein wesentliches Prinzip: Die Karawane fährt dorthin, wo Konflikte, aber auch Alternativen konkret sichtbar werden – in Dörfer und landwirtschaftliche Betriebe, zu Frauenkooperativen, Fischer*innen und von Landkonflikten betroffenen Gemeinden. Dort wird diskutiert, Wissen ausgetauscht und gemeinsam nach politischen Antworten gesucht.
Was das bedeutet, zeigte sich auf den verschiedenen Routen der fünften Karawane. Die Kleinkarawanen führten unter anderem durch Guinea, Mali, Burkina Faso, Côte d’Ivoire, Ghana und Senegal und trafen schließlich in Togo zusammen.
In Faranah in Guinea, am Oberlauf des Niger, ging es um eine Lebensader der Region: Wie lässt sich der Fluss schützen – und wer entscheidet darüber, wie sein Wasser genutzt wird? Diskutiert wurde, wie die Erfahrungen von Kleinbäuer*innen, Fischer*innen, Viehhalter*innen und anderen lokalen Gemeinschaften stärker in die Wasserpolitik einfließen können. Auch bäuerliches Saatgut und die zentrale Rolle von Frauen für Ernährungssouveränität und den Erhalt natürlicher Ressourcen standen im Mittelpunkt. In Sérédou in der guineischen Waldregion wurde es noch konkreter. Frauen diskutierten darüber, welche Hindernisse ihnen den Zugang zu und die Kontrolle über Land und Wasser erschweren, und entwickelten Empfehlungen für eine gerechtere und inklusivere Landpolitik. Beim Besuch eines agrarökologischen Zentrums demonstrierten Frauen die Herstellung des organischen Düngers Bokashi – ein Beispiel dafür, wie lokales Wissen, Frauenrechte und agrarökologische Praxis zusammenkommen.
In Burkina Faso rückten solche praktischen Alternativen noch stärker in den Mittelpunkt. Nach einem Empfang am Thomas-Sankara-Memorial in Ouagadougou führte die Route unter anderem nach Tenkodogo. Dort trafen die Teilnehmenden Vertreter*innen der Kommune und traditionelle Autoritäten und besuchten eine Frauenkooperative, die lokale Produkte verarbeitet. Auf einem agrarökologischen Betrieb tauschten Delegationen aus Burkina Faso, Mali, Niger und Mauretanien anschließend Erfahrungen über Praktiken aus, die an die Bedingungen des Sahel angepasst sind: bäuerliches Saatgut, organische Düngung, Bodenregeneration und Techniken zur Wasserkonservierung.
Wie unmittelbar die Klimakrise bereits heute Lebensgrundlagen bedroht, zeigte sich in Agavedzi an der Küste Ghanas. Bewohner*innen berichteten von Küstenerosion und steigenden Meeresspiegeln. Häuser und landwirtschaftliche Flächen sind ebenso betroffen wie die Fischerei und damit die Einkommen ganzer Familien. Gemeinsam mit Frauen, Jugendlichen, Gemeindeverantwortlichen und zivilgesellschaftlichen Organisationen diskutierte die Karawane nicht nur über die Folgen, sondern auch über politische Antworten: einen besseren Schutz der Küstengebiete, mehr Unterstützung für bereits betroffene Gemeinden und eine stärkere Beteiligung der Menschen vor Ort an politischen Entscheidungen.
In Togo weitete sich der Blick noch einmal. An der Universität von Lomé diskutierten Teilnehmende aus verschiedenen westafrikanischen Ländern über eine gerechte Transformation der Ernährungssysteme, agrarökologische Ansätze und Klimaresilienz. Gleichzeitig ging es um die Folgen extraktiver Industrien. Am Beispiel der Präfekturen Vo und Zio wurde gefragt, welche Rolle Frauen bei Verhandlungen über Umsiedlungen und Vertreibungen spielen – und wie ihre Beteiligung an Entscheidungen gestärkt werden kann. Ein Theaterstück griff die Risiken irregulärer Migration und der informellen Vermittlung von Hausangestellten auf und verband sie mit der Forderung nach einem besseren Schutz von Frauen und Mädchen. Am folgenden Tag berichteten Frauen aus dem informellen Sektor über ihre Erfahrungen, über Fortschritte beim Zugang zu Land und bei der politischen Beteiligung – aber auch über weiterhin bestehende Hindernisse. Ein weiterer Programmpunkt führte zur Maison des Esclaves in Agbodrafo. Der Besuch verband die Erinnerung an Sklaverei und koloniale Gewalt mit heutigen Fragen von Selbstbestimmung und Souveränität. Massa Koné, Sprecher der CGLTE-AO und seit Jahren eine der prägenden Stimmen der Karawane, erinnerte daran, dass die Auseinandersetzung mit dieser Geschichte auch das Bewusstsein für gegenwärtige Formen von Abhängigkeit und Dominanz schärfen müsse.
Für Koné gehören Landrechte, das Recht auf Wasser, der Schutz bäuerlichen Saatguts und Ernährungssouveränität zusammen. Dabei geht es ihm auch darum, nicht stellvertretend für Gemeinden zu sprechen, sondern Menschen darin zu stärken, selbst bei Entscheidungen über ihr Land und ihre natürlichen Ressourcen mitzubestimmen. Zum zehnjährigen Bestehen der Karawane wurde Koné während des Weltsozialforums für sein Engagement als „Guerrier du Monde“ – „Kämpfer für eine bessere Welt“ – gewürdigt.
Aus den Begegnungen mit den Gemeinden entstehen politische Forderungen: nach mehr Mitsprache bei Entscheidungen über Land und natürliche Ressourcen, einem gerechteren Zugang von Frauen zu Land und Wasser sowie einem besseren Schutz vor Landraub und den Folgen extraktiver Industrien. Hinzu kommen Forderungen nach ambitionierteren Maßnahmen zum Schutz besonders von der Klimakrise betroffener Gemeinden und einem besseren Zugang lokaler Organisationen zu Klimafinanzierung.
Die Forderungen werden an den einzelnen Stationen mit lokalen und politischen Vertreter*innen diskutiert – und anschließend weitergetragen. Die Karawane bündelt sie und bringt sie in nationale, regionale und internationale politische Prozesse ein, 2026 unter anderem beim Weltsozialforum in Cotonou und mit Blick auf die COP31.
Das Weltsozialforum bietet den Aktivist*innen schließlich die internationale Bühne, auf die sie zwei Wochen lang zugereist sind. Dort bringt die Convergence die Erfahrungen aus den verschiedenen Stationen in internationale Diskussionen ein. In einem eigenen Dialogforum geht es unter anderem um die Aneignung und Kontrolle natürlicher Ressourcen, um Erfahrungen aus konkreten Kämpfen und um Alternativen, die von den betroffenen Gemeinschaften selbst entwickelt werden.
Doch die politische Arbeit der Karawane beginnt lange vor der Ankunft in Cotonou – bei den Menschen, deren Land, Wasser, Saatgut und Lebensgrundlagen konkret auf dem Spiel stehen. Ihre Erfahrungen und Forderungen trägt die Karawane weiter: von den Gemeinden zu politischen Entscheidungsträger*innen und von der lokalen auf die regionale und internationale Ebene. So wird aus vielen lokalen Kämpfen eine gemeinsame Stimme.
Hinweis: Die Spendenbeispiele sind symbolisch. Durch Ihre zweckungebundene Spende ermöglichen Sie uns dort zu helfen, wo es am dringendsten ist.
56 € ( Spendenbeispiel ) Mit 56 € kann zum Beispiel ein Hygiene-Paket für eine geflüchtete Familie finanziert werden.
100 € ( Spendenbeispiel ) Mit 100 € kann zum Beispiel Gemüse-Saatgut für die Bewirtschaftung von ca. 10 Feldern bereitgestellt werden.
148 € ( Spendenbeispiel ) Mit 148 € kann zum Beispiel ein Regenwassertank mit 2.000 Liter Fassungsvermögen gekauft werden.
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