Welternährung: Fisch gehört dazu!
Im September 2026 kamen Vertreter*innen der handwerklichen Fischerei, NGOs, Wissenschaft und Regierungen zu zwei Konferenzen in Rom zusammen, dem Globalen Treffen der Kleinfischerei und das FAO-Komitee-Fischerei (COFI). Zentrale Forderung: Küstenfischerei muss weiterhin Ernährung, Einkommen und besonders Arbeitsplätze für Frauen sichern.

Fischverarbeiterin Mahawa Sylla, an der Anlandestelle des Fischereihafens von Téminetaye bei Conakry/Guinea.
Für viele Menschen im Globalen Süden ist handwerkliche Fischerei weit mehr als ein Wirtschaftszweig. Sie sichert nicht nur Einkommen und versorgt lokale Märkte, sondern versorgt die Bevölkerung auch mit erschwinglicher, gesunder Nahrung.Fisch ist eine wichtige Quelle von Eiweiß und Mikronährstoffen. Besonders für einkommensschwache Haushalte in Küsten- und Binnenregionen ist kleiner, fettreicher, lokal verfügbarer Fisch Teil einer vielfältigen und gesunden Ernährung. Frauen spielen dabei eine zentrale Rolle: Sie verarbeiten, trocknen, räuchern, handeln und verkaufen Fisch, bleiben aber in Politik und Entscheidungsprozessen oft unsichtbar.
Küstenfischerei ins Zentrum: Ernährung sichern, Rechte stärken
Brot für die Welt unterstützt daher die aktive Teilnahme von Akteur*innen aus der Kleinfischerei an internationalen Konferenzen, damit diese ihre Erfahrungen und Forderungen einbringen können. Denn Ernährungssicherung hängt nicht nur von Fangmengen ab, sondern auch davon, wer Zugang zu Fischbeständen hat, an wen der Fang geht und wer über dessen Nutzung entscheidet.
Beim Globalen Treffen der Kleinfischerei tauschten sich Organisationen handwerklicher Fischerei, indigene Gemeinschaften, Regierungen, Wissenschaft und NGOs über die Umsetzung der 2014 verabschiedeten Leitlinien der Welternährungsorganisation (FAO) für eine nachhaltige handwerkliche Fischerei aus. Die Leitlinien verbinden nachhaltiges Fischereimanagement mit Menschenrechten, sozialer Sicherung, Geschlechtergerechtigkeit und dem Recht auf Nahrung. Berichte aus den Regionen zeigen jedoch: Zwischen politischen Zusagen und der Realität vor Ort klafft eine große Lücke. Gefordert werden deshalb nationale Aktionspläne, gesicherte Zugangs- und Landrechte, Mitentscheidung von Frauen und Fischerorganisationen sowie öffentliche Investitionen in Anlandeplätze, hygienische Verarbeitung, Kühlung und lokale Märkte.
Übernutzung und Klimakrise bedrohen Fischbestände
Die Dringlichkeit zum Handeln unterstreicht auch der einige Wochen zuvor veröffentlichte neue FAO-Bericht The State of World Fisheries and Aquaculture (SOFIA). Die Überfischung nimmt zu, die Fangmengen stagnieren seit Jahren; weiteres Wachstum der weltweiten Fischproduktion kommt vor allem aus der Aquakultur. Zugleich gefährden Klimawandel, Umweltzerstörung und Übernutzung die Fischbestände. Steigende Meerestemperaturen verändern Produktivität, Verbreitung und Verfügbarkeit vieler Arten. Wegen der Erwärmung und Versauerung der Meere könnte die nutzbare marine Fischbiomasse in mehreren Regionen bis 2050 um mehr als zehn Prozent sinken. Kleine Schwarmfische könnten in kühlere Gewässer abwandern – mit gravierenden Folgen für Küstengemeinschaften in den tropischen Regionen, deren Ernährung und Einkommen von ihnen abhängen.
Der Klimawandel bedroht zudem die Infrastruktur der handwerklichen Fischerei. Meeresspiegelanstieg, Küstenerosion und stärkere Stürme gefährden Anlandestellen, Räucher- und Verarbeitungsplätze und in manchen Fällen ganze Küstendörfer. Anpassungsmaßnahmen müssen mit der Sicherung von Nutzungsrechten verbunden werden. Es wäre widersinnig, Küstengemeinschaften in klimaresiliente Infrastruktur investieren zu lassen, während industrielle Flotten oder konkurrierende Küstenprojekte ihnen Fanggründe und Zugänge zum Meer nehmen.
Kleinfischerei stärken, Überfischung und illegale Fischerei stoppen
Der Verband der afrikanischen handwerklichen Fischerei, CAOPA, machte in Rom deutlich, dass Ernährungssicherung Vorrang vor kurzfristigen Exportinteressen haben muss. Er fordert transparente Fischerei-Zugangsabkommen mit ausländischen Flotten, wissenschaftlich begründete Fangquoten und die verbindliche Beteiligung betroffener Gemeinschaften an Entscheidungen zur Vergabe von Fanglizenzen an Industrietrawler. „Dabei ist es besonders kritisch“, so Mercy Mghanga aus Kenia, stellvertretende Vorsitzende von CAOPA, „wenn kleine Fische wie Sardinellen, Makrelen oder Heringe zu Fischmehl und Fischöl verarbeitet werden, statt als bezahlbare Nahrung auf lokalen Märkten zu bleiben.“
Am Rande des Treffens des Fischereikomitees hat das deutsche Entwicklungsministerium (BMZ) gemeinsam mit CAOPA eine Studie zu den Erwartungen afrikanischer Fischereiverbände an das Welthandels-Abkommen über Fischereisubventionen (WTO) vorgestellt. Darin äußern sich mehr als dreißig befragte afrikanische Verbände und fordern, dass durch das Abkommen und dem dazugehörigen WTO-Fish-Fund nicht nur formale Berichtsplichten finanziert werden. Nötig seien auch Mittel für Bestandsmanagement, unabhängige Datenerhebung, Kontrolle illegaler Fischerei und eine Beteiligung der Küstengemeinschaften bei Entscheidungen der Fischereiverwaltungen. Ähnlich stellte es in ihren neuen Transparenz-Standards, die ebenfalls vom BMZ unterstützte Fischerei-Transparenz Initiative (FiTi) in Rom vor, in der auch CAOPA mitarbeitet.
Aquakultur: kein Ersatz für Fangfisch, aber Ergänzung
Die Welternährungsorganisation stellt fest, dass Aquakultur inzwischen über die Hälfte der weltweiten Produktion aquatischer Nahrung ausmacht. Sie könne zur Ernährung beitragen, sollte aber nicht als Ersatz für eine gerechte und nachhaltige Küstenfischerei behandelt werden. In Rom wurde deshalb kritisch wahrgenommen, dass etliche Zukunftsvisionen – auch die des FAO-Direktors – fast ausschließlich auf Aquakultur setzen. Ohnehin muss Aquakultur so gestaltet werden, dass sie nicht mit Fischmehlproduktion, Landnahme, Umweltbelastungen oder der Verdrängung lokaler Produzent*innen verbunden ist.
Die zentrale Botschaft aus Rom lautet: Fisch muss zuerst Menschen ernähren. Dafür brauchen Küstengemeinschaften und besonders Frauen gesicherte Rechte, wiederaufgebaute und klimaresiliente Bestände sowie echte Mitsprache bei politischen Entscheidungen. Erst wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, können die Beschlüsse des Kleinfischerei-Summit und des FAO-Fischereikomitees zu Ernährungssicherung, Einkommen und Geschlechtergerechtigkeit beitragen.

