Trauer braucht Ehrlichkeit und Verantwortung.
Nach dem Anschlag auf den CSD in Berlin ist es wichtig, solidarisch zusammenzustehen. Die Trauer der queeren und solidarischen Community darf nicht als Freifahrtschein für Rassismus missbraucht werden. Als Gesellschaft müssen wir uns erinnern, Dinge einordnen und Räume verteidigen, in denen alle ohne Angst leben können.

Demonstration für queere Rechte in Berlin
Berlin, CSD und ein Angriff, der uns alle trifft
Seit 1979 findet in Berlin der Christopher Street Day statt. Er gehört zu den großen queeren Ereignissen Europas. Rund um dieses Wochenende haben auch andere Demonstrationen und Feste der Community ihren Ort – der Dyke March, die Internationalist Queer Pride und viele mehr. Das Wochenende steht für Sichtbarkeit, Würde und Freude. In diesem Jahr fuhr am Abend des CSDs eine Person in die Menge. Eine Person starb, viele wurden verletzt. Diese Gewalt trifft die Community, die Stadt und unsere Hoffnung auf ein Leben ohne Angst. Auf den Plakaten stand auch ein Versprechen. Queere Trauer wird nicht zum Vorwand für Islamophobie. Sie lässt sich nicht vor den Karren rassistischer Erzählungen spannen.
Erinnern heißt einordnen
Erinnerung ist notwendig, um Gegenwart und Zukunft gerecht zu gestalten. In Westdeutschland wurde die vollständige Entkriminalisierung gleichgeschlechtlicher Beziehungen erst 1994 vollzogen — das ist nicht lange her. Binäre Geschlechterordnungen und die Heterosexualität als Norm sind Teil einer europäischen Kolonialgeschichte: Viele Vorstellungen von Geschlecht und Sexualität wurden exportiert und teils gewaltsam durchgesetzt. Auch die Rolle der Kirchen verdient kritische Erinnerung; obwohl es Fortschritte gibt, bleibt eine Auseinandersetzung mit vergangenem und weiterhin vorhandenem schädlichem Verhalten wichtig.
Dieselben Fäden: Rassismus, Nationalismus, Queerfeindlichkeit
Autoritäre Politik kehrt im bürgerlichen Ton zurück. Sie spricht von „Tradition“ und „Schutz der Kinder“ – und zielt doch darauf, Vielfalt zu begrenzen. Trans Menschen werden zu Feindbildern, Geschlechtervielfalt als „Ideologie“ diffamiert, inklusive Sprache bekämpft. Oft verbindet sich das mit der Verteidigung fossiler Interessen und dem Angriff auf den wissenschaftlichen Konsens zur Klimakrise. Diese Konflikte sind verwoben. Nationalismus, Rassismus und Hetze gegen Migrant*innen speisen sich aus derselben Quelle wie Queerfeindlichkeit. Der Hass wechselt sein Gesicht, nicht seine Logik: Er verteidigt Privilegien, indem er neue Feindbilder schafft – heute queere Menschen, morgen Geflüchtete, übermorgen Klimaaktivist*innen.
Bildung ist keine Indoktrination
Während Übergriffe zunehmen, geraten Bildungsangebote unter Druck. Drag-Lesungen werden verboten, diskriminierungskritische Arbeit diffamiert, Regenbogenfahnen entfernt. Worte schaffen ein Klima – und Klima wird zu Taten. Bildung verteidigt Menschenwürde, stärkt demokratische Teilhabe und schafft sichere Räume. Das ist das Gegenteil von Indoktrination.
Solidarität als Praxis der Hoffnung
Unsere Solidarität ist unteilbar. Der Einsatz für queere Rechte, für Demokratie und für den Schutz der Erde gehört zusammen. Wer Vielfalt angreift, greift die Zukunft an. Wir antworten mit Mut, Wissen und Verbündeten – und wir geben nicht auf.

