Klimalügen in Social Media vor der Klimakonferenz COP in Brasilien 2025
© Brot für die Welt
Desinformation beeinträchtigt den zivilgesellschaftlichen Freiraum weltweit und beschädigt damit die Demokratie und eine nachhaltige Entwicklung. Staatliche und nicht-staatliche Akteur*innen nutzen Fake News und falsche Narrative, um die Zivilgesellschaft anzugreifen, sie zu diffamieren und zum Schweigen zu bringen. Doch die Betroffenen wehren sich.
Lügen und Propaganda sind nicht erst mit dem World Wide Web entstanden. Nur ist ihre Zerstörungskraft heute größer denn je: In einer global vernetzten Welt mit sozialen Medien und einfach zu bedienenden KI-Tools gilt für Fakes, Lügen und Desinformation: höher, schneller, weiter. Fakes sind kostengünstig, schnell und ohne großes technisches Know-how erstellt, ihre Verbreitung wird durch die Algorithmen der großen Social-Media-Plattformen sogar unterstützt. Und sie sind aufgrund der schnellen Entwicklung der Künstlichen Intelligenz immer schwieriger zu entlarven.
Dabei spielen bei fast jeder Krise und jedem Krieg Fakes, „Fake News“-Vorwürfe und Desinformation eine Rolle. In der Corona-Pandemie wurde das für alle Welt sichtbar, doch auch bei den Kriegen in der Ukraine, im Nahen Osten oder im Sudan wird Desinformation gezielt eingesetzt.
„Fake News“ ist zum Schlagwort für Angriffe auf die Pressefreiheit, für Gerüchte und Lügen geworden. Passender ist folgende Unterscheidung:
• Desinformation bezeichnet die bewusste Verbreitung von Fakes und Lügen mit der klaren Absicht, Menschen zu täuschen.
• Misinformation, Falsch- oder Fehlinformation: Diese Begriffe beschreiben die unbeabsichtigte Verbreitung von Falschbehauptungen.
Autokraten, Extremisten und Populisten attackieren die Berichte kritischer Medien sowie wissenschaftliche Untersuchungen als „Fake News” und bezweifeln Berichte zivilgesellschaftlicher Organisationen. Beispiele dafür finden sich zuhauf: Venezuelas ehemaliger Diktator Nicolás Maduro, Russlands Machthaber Wladimir Putin und der gestürzte syrische Diktator Baschar al-Assad haben „Fake News“-Vorwürfe genutzt oder nutzen sie weiterhin. Auch Führer demokratischer Staaten wie US-Präsident Donald Trump, Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, Ungarns ehemaliger Regierungschef Viktor Orbán und Polens früherer Präsident Andrzej Duda gehören zu den Attackierenden. Desinformation verbreiten auch nicht-staatliche Akteure, Unternehmen und Bürgerkriegsparteien.
Für alle Verbreitenden von Desinformation gilt: Sie sind oft sehr aktiv und gut vernetzt. Sie profitieren davon, dass emotionale, polarisierende Inhalte online mehr Aufmerksamkeit erhalten als sorgfältig geprüfte Informationen. So verschiebt sich durch Desinformation Schritt für Schritt der öffentliche Diskurs: weg von Fakten, hin zu Empörung, Misstrauen und einem Erstarren der Zivilgesellschaft.
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„Das erste Opfer im Krieg ist die Wahrheit“
zugeschrieben Hiram Johnson
US-Senator
Das Weltwirtschaftsforum in Davos veröffentlicht jedes Jahr einen Global Risks Report. Hierfür werden mehr als 1.300 Expert*innen aus Wissenschaft, Wirtschaft, Regierungen, internationalen Organisationen und Zivilgesellschaft befragt. 2025 nannte der Bericht die organisierte Lüge durch Desinformation und Fehlinformationen das größte kurzfristige Risiko für die Weltwirtschaft.
Die Auswirkungen von Desinformation für die Zivilgesellschaft sind verheerend – und so vielfältig wie ihre Erscheinungsformen. Durch Falschmeldungen entstehen Angst und Panik. Sie schüren Ressentiments und Hass gegenüber gesellschaftlichen Gruppen. Die Folge sind Beleidigungen, Bedrohungen und Gewalt. Häufig trifft es Menschen, die ohnehin bereits diskriminiert und verfolgt werden.
Zivilgesellschaftliche Organisationen werden häufig Ziel von Desinformationen, eben weil sie sich für Demokratie, Klimaschutz und Menschenrechte einsetzen und damit oftmals bestehende Machtverhältnisse in Frage stellen. Dadurch machen sie sich viele Feinde. Auch Partnerorganisationen von Brot für die Welt berichten, dass Desinformation ihre Arbeit erschwert und mancherorts nahezu unmöglich macht.
Langfristig untergräbt Desinformation systematisch demokratische Prozesse, Institutionen und Strukturen. Zudem verhindert sie, dass ein demokratischer
Konsens zu globalen Herausforderungen wie der Klimakrise, Geschlechterungerechtigkeit und Migration gefunden wird – und verhindert so tragfähige Lösungen. Desinformation zerstört das Vertrauen in wissenschaftliche Fakten, Medien und Zivilgesellschaft. Sie fördert Polarisierung und Radikalisierung. Dies wiederum erschwert es der Zivilgesellschaft, auf der Grundlage fundierter Fakten zu arbeiten, zu informieren und politische Forderungen zu formulieren. Organisationen und Aktivist*innen werden mit ihren Studien, Daten und Forderungen weniger gehört – und verlieren Rückhalt in der Bevölkerung und bei Entscheidungsträger*innen.
In Deutschland haben gezielte politische Angriffe Narrative nachhaltig verändert – hin zu falschen Verkürzungen und populistischen Zuspitzungen. Bei den drastischen Kürzungen der Gelder für die Entwicklungszusammenarbeit in Deutschland und vielen anderen Ländern (etwa den USA) hat dies zweifelsohne eine Rolle gespielt. Einer im März 2026 veröffentlichten Analyse des Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS) zufolge haben verschwörungsideologische, pro-russische und rechtsextreme Gruppen einen beträchtlichen Anteil an der Diskreditierung der Entwicklungszusammenarbeit. Offizielle Stellen, Staatsmedien und weitere Akteure aus Russland verunglimpfen oftmals unter Zuhilfenahme von Messenger-Diensten wie Telegram seit mehr als zehn Jahren die westliche Entwicklungszusammenarbeit, damit Vertrauen in staatliche Institutionen erodiert.
Entwicklungszusammenarbeit werde „als korrupt und verschwenderisch geframt, auch mit pauschalen, unbelegten Aussagen“ und würde in Zusammenhang mit Themen gesetzt, „die von rechtsextremen Akteuren genutzt werden, um ihre Anhängerschaft zu mobilisieren: Migration, Islam, Klima und Gender“, kritisiert CeMAS. Was die Untersuchung von CeMAS zudem zeigt: Die Entwicklungszusammenarbeit wird nicht ‚nur‘ in den Geberländern des Globalen Nordens, sondern auch im Globalen Süden diskreditiert. Die brasilianische neo-faschistische Organisation Nova Resistência behauptete beispielsweise 2025 auf ihrer Website, Deutschland finanziere den Bau eines Stadions in Brasilien mit 1,4 Milliarden Euro – natürlich eine Lüge.
Letztendlich trägt Desinformation mit dazu bei, dass die Welt die Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen (SDGs) nicht erreicht. Das zeigt sich sehr klar am Beispiel USAID: Die Regierung von Präsident Trump erweckte kurz nach seinem Amtsantritt den Eindruck massiven Missbrauchs von Steuergeldern, um so die Auflösung der US-Behörde für Entwicklungszusammenarbeit zu rechtfertigen.
Eine im Juli 2025 in der medizinischen Fachzeitschrift „The Lancet“ veröffentlichte Untersuchung schätzt, dass die Streichung von US-Mitteln für die Entwicklungszusammenarbeit bis zum Jahr 2030 mehr als 14 Millionen Todesfälle weltweit verursachen könnte, die vermeidbar gewesen wären. Hunderttausende seien bereits in den ersten Monaten nach dem Ende von USAID gestorben.
Medien helfen, gegen Desinformation vorzugehen – „vorausgesetzt, sie bauen Vertrauen auf, arbeiten transparent und befähigen Menschen, Informationen kritisch einzuordnen“, sagt Siruan Hossein. Er gründete 2013 in Nordsyrien den Radiosender Arta FM, ein Partner von Brot für die Welt. Die Journalist*innen des Senders berichten auf Kurdisch, Arabisch, Aramäisch und Armenisch. Diese Mehrsprachigkeit helfe, Desinformation, die in Syrien meist auf Arabisch in Umlauf gebracht wird, entgegenzuwirken und vorzubeugen, sagt Hossein: „Indem wir unsere Zuhörer*innen in ihrer Mutter- und Alltagssprache ansprechen, können wir eher zu ihnen durchdringen, wenn wir Fake News enthüllen und sie im Sender richtigstellen.“ Er ist überzeugt: „Wo vertrauenswürdige Medien existieren und anerkannt werden, stößt Desinformation schnell an ihre Grenzen“.
Sein Sender setzt auch auf Dialog. „Wir sprechen miteinander, nicht übereinander.“ Kursiert eine Falschnachricht, die beispielsweise eine NGO oder einen lokalen Politiker diffamiert, „dann gehen wir raus, prüfen die Fakten und stellen über Interviews klar, was Lüge ist und was nicht.“
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„Letztendlich ist das ABC des Journalismus das beste Tool, um gegen Desinformation vorzugehen.“
Siruan Hossein
Gründer des Radiosenders Arta FM in Nordsyrien
Journalismus kann entscheidend dazu beitragen, Polarisierung abzubauen – gerade dort, wo Desinformation besonders erfolgreich ist. Hier setzt auch Nouneh Sarkissian mit ihrer Organisation an: Das Media Initiatives Center in Armenien, ebenfalls Partner von Brot für die Welt, schult Journalist*innen in konfliktsensibler Berichterstattung und engagiert sich für die Integration armenischer Journalist*innen aus Bergkarabach, die nach dem Angriff Aserbaidschans auf die Enklave vertrieben wurden.
Ein zentraler Baustein im Kampf gegen Desinformation ist die Stärkung der Medien- und Informationskompetenz, etwa durch Schulungen für Journalist*innen, Lehrkräfte oder die engagierte Zivilgesellschaft. Viele Partner von Brot für die Welt setzen genau hier an und stärken so Akteur*innen aus verschiedenen Bereichen vor Ort. Dazu zählen IDEALS auf den Philippinen und CARACON aus der Demokratischen Republik Kongo. CARACON unterstützt mehrere Radiostationen dabei, korrekte Informationen zu senden und über Vorurteile aufzuklären. Auch die World Association for Christian Communication (WACC) organisiert zusammen mit dem Weltkirchenrat Webinare. In diesen werden Kirchenvertreter*innen weltweit informiert, wie sie es selbst vermeiden, Desinformation zu verbreiten – und wie sie Desinformation entgegenwirken können. Das habe jedoch Grenzen, sagt Zenzele Ndebele: „Viele Menschen wollen einfach glauben, was sie glauben wollen“, so der Direktor des südafrikanischen Centre for Innovation and Technology (CITE), ein Partner von Brot für die Welt. Es sei „ein Kampf, der lange dauern wird.“
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„Man muss sich bewusst sein, dass Fake News manchmal attraktiver sind als die reine Wahrheit.“
Zenzele Ndebele
Direktor des südafrikanischen Centre for Innovation and Technology (CITE)
Fact-Checking ist ein weiteres wichtiges Mittel gegen Desinformation und Fehlinformationen. Häufig wird diese Arbeit durch gemeinnützige Medien getragen. Allerdings werden Fact-Checking-Teams vermehrt von Parteien, Regierungen und extremistischen Akteur*innen angegriffen. Außerdem ist ihre Finanzierung bedroht, weil etwa Meta, der Konzern hinter Facebook, WhatsApp und Instagram, Fact-Checking-Kooperationen aufgekündigt hat und Geldgeber wie USAID entfallen sind. Viele Fact-Checking-Organisationen haben in den vergangenen Jahren dennoch innovative Formate und Ansätze entwickelt. Zum Beispiel JamiiCheck aus Tansania. Im sozialen Netzwerk JamiiForums suchen User*innen gemeinsam mit professionellen Fact-Checker*innen mögliche Falschmeldungen.
Dubawa aus Nigeria nutzt hierfür Künstliche Intelligenz. Die Organisation hat eine KI-gestützte Plattform entwickelt, die Radiosendungen verschriftlicht und auf überprüfbare Aussagen hin untersucht. Das hilft, Faktenchecks dort anzusetzen, wo sie sinnvoll sind. Außerdem betreibt Dubawa einen WhatsApp-Bot, an den sich Menschen in Nigeria mit Fragen und Verdachtsmeldungen wenden können. Tools für Faktencheck sind vor allem in Ländern wichtig, in denen WhatsApp, Telegram und andere Messenger für weite Teile der Bevölkerung die einzigen Informationsquellen sind. Dort verbreitet sich Desinformation oft in geschlossenen Gruppen, sodass Faktenchecker*innen mögliche Fakes nicht erkennen können. Ein internationales Forschungsprojekt hat 2025 anhand von Fallstudien in Indien, Indonesien und Kolumbien gezeigt, dass Desinformation und Fehlinformationen auf WhatsApp in allen drei Ländern ein erhebliches Problem darstellen – und die auf WhatsApp kursierenden Falschmeldungen selten von anderen Nutzer*innen widerlegt werden. So wurden viele Falschmeldungen weiterverbreitet, obwohl bereits Faktenchecks verfügbar waren. Projekte wie der Bot von Dubawa helfen, diese Fakes zu identifizieren und zu widerlegen.
Die brasilianische Fact-Checking-Organisation Aos Fatos erkennt mithilfe automatisierter Verfahren fortlaufend mögliche Lügen auf Social-Media-Plattformen und in portugiesischsprachigen Medien. Dadurch kann sie Faktenchecks möglichst schnell veröffentlichen. Die Herausforderung: Falschmeldungen verbreiten sich, da emotional aufgeladen, rasend schnell in Sozialen Medien und Messengern. Faktenchecker*innen hingegen müssen zunächst die relevanten Inhalte identifizieren und anschließend aufwendig recherchieren. Künstliche Intelligenz hilft, diesen Prozess zu beschleunigen.
Außerdem haben sich in den vergangenen Jahren verschiedene Initiativen gegründet, die gemeinsam gegen Desinformation kämpfen. Eine der ersten war das Bündnis Climate Action Against Disinformation (CAAD). Heute analysieren in diesem 120 Organisationen gemeinsam Klima-Desinformation und entwickeln Strategien, um Desinformation einzudämmen. CAAD war 2025 im Dauereinsatz, denn eine Kampagne gegen Klimaschutz hatte im Vorfeld der COP in Brasilien rasant an Fahrt aufgenommen. Diese Kampagne hatte vor allem Wissenschaftler*innen und Klimajournalist*innen im Visier.
Künstliche Intelligenz und Chatbots können Faktenchecker*innen nicht ersetzen. Die Technologie ist anfällig für Halluzinationen, sie erfindet mitunter Zitate oder Studien. Es gibt auch keine einzelne, in jeder Situation wirksame Lösung gegen Desinformation und Fehlinformationen. Um diese Phänomene wirksam zu bekämpfen, braucht es viele unterschiedliche Ansätze, die kurz- und langfristig wirken können. Dazu gehört die Regulierung von Plattformen ebenso wie eine starke gesellschaftliche Resilienz, etwa durch die Stärkung demokratischer Institutionen und professioneller Medien.
Der Zivilgesellschaft kommt dabei eine entscheidende Rolle zu: im Fact-Checking, durch Medienkompetenztrainings, aber auch durch gemeinnützigen Journalismus, der Regierungen und Akteur*innen zur Verantwortung zieht, wenn sie Desinformation verbreiten. Doch das erfordert, dass diese Arbeit langfristig finanziert wird – und die Organisationen in Sicherheit arbeiten können.
Hinweis: Die Spendenbeispiele sind symbolisch. Durch Ihre zweckungebundene Spende ermöglichen Sie uns dort zu helfen, wo es am dringendsten ist.
56 € ( Spendenbeispiel ) Mit 56 € kann zum Beispiel ein Hygiene-Paket für eine geflüchtete Familie finanziert werden.
100 € ( Spendenbeispiel ) Mit 100 € kann zum Beispiel Gemüse-Saatgut für die Bewirtschaftung von ca. 10 Feldern bereitgestellt werden.
148 € ( Spendenbeispiel ) Mit 148 € kann zum Beispiel ein Regenwassertank mit 2.000 Liter Fassungsvermögen gekauft werden.
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