Geschlechtsspezifische Gewalt verhindern
Geschlechtsspezifische Gewalt ist in Sierra Leone weit verbreitet: Mehr als 80 Prozent der Frauen haben weibliche Genitalverstümmelung erlebt und rund zwei Drittel berichten von Gewalterfahrungen wie häusliche Gewalt oder Vergewaltigung. Der Zivile Friedensdienst unterstützt ein Projekt, das betroffenen Frauen hilft.
Gewalt gegen Frauen vermeiden und Betroffenen helfen
Politisch wurden in den vergangenen Jahren Fortschritte erzielt. Ein im November 2023 verabschiedetes Gesetz sichert Frauen formell mehr Rechte zu. Dennoch bleibt die Umsetzung im Alltag herausfordernd: Weibliche Genitalverstümmelung sowie sexualisierte und geschlechtsspezifische Gewalt sind weiterhin weit verbreitet, und viele Betroffene erhalten keinen ausreichenden Schutz oder Zugang zu Unterstützungsleistungen. Tief verankerte gesellschaftliche Normen und die Folgen des Bürgerkriegs prägen das Land bis heute. Parallel zu diesen Problemen wächst eine weitere Krise: Der Konsum psychoaktiver Substanzen, insbesondere unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen, hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Viele junge Menschen greifen zu Drogen, insbesondere der Droge Kush, um den Belastungen des Alltags zu entfliehen, Traumata zu betäuben oder zumindest zeitweise Ängste und Sorgen zu vergessen.
Zivilgesellschaftliche Akteur*innen, Menschenrechtler*innen, kirchliche Organisationen und Betroffene setzen sich für Gewaltfreiheit, Gerechtigkeit und bessere Lebensbedingungen durch Aufklärungsarbeit, Bildungsangebote und Sensibilisierungskampagnen ein.
Projekt stärkt psychosoziale Beratung
Eine zentrale Rolle in diesem Engagement spielt der Council of Churches in Sierra Leone (CCSL), der Dachverband von über 30 Mitgliedskirchen im Land. Seit seiner Gründung setzt sich CCSL für die Rechte der Menschen ein, die kaum Gehör finden und engagiert sich für Frieden, Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit. Ein besonderer Schwerpunkt liegt im Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung (FGM/C) sowie sexualisierte und geschlechtsspezifische Gewalt (SGBV). Über Jahre und Jahrzehnte hinweg hat sich CCSL in diesen Themen eine respektierte Stimme erarbeitet, sowohl in kirchlichen Kreisen als auch in der breiteren Öffentlichkeit. So tragen ihre Mitgliedskirchen dazu bei, schädliche Normen zu hinterfragen und das öffentliche Bewusstsein zu stärken. Denn oft wird über erlittene Gewalt aus Scham, Hilflosigkeit oder Angst vor Stigmatisierung nicht gesprochen. Viele Betroffene versuchen, ihre Erfahrungen zu verdrängen oder zu verbergen. Umso wichtiger sind geschützte Räume und eine qualifizierte Beratung.
Die ehemalige Generalsekretärin des Kirchenrates, Ebun James-DeKam macht es deutlich: „Wenn wir als Kirchen nicht die Führung im Kampf gegen die Gewalt gegen Frauen übernehmen, was bedeutet das dann für uns als Frauen? Sind nicht auch wir Teil von Gottes Schöpfung?“
Ziviler Friedensdienst bildet Berater*innen aus
Vor diesem Hintergrund führt das CCSL das Projekt „Strengthening Counseling and Care for Survivors of FGM/C, SGBV and Drug Abuse“ durch. Darin wird Frauen, die Gewalt erlebt haben, sowie Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die unter den Folgen von Drogenabhängigkeit leiden, geholfen wieder ein gewaltfreies und selbstbestimmtes Leben zu führen. Im Rahmen des Zivilen Friedensdienstes (ZFD) wird dieses Vorhaben von Brot für die Welt gefördert. Ein zentraler Ansatz ist die Professionalisierung und Weiterbildung von Berater*innen, um eine verlässliche und qualitativ hochwertige Unterstützung sicherzustellen.
Seit Oktober 2023 arbeitet Luam Okbamicael als ZFD-Fachkraft gemeinsam mit ihren CCSL-Kolleginnen Josephine Koroma und Elizabeth Yambasu im Projekt. Zu den zentralen Aktivitäten gehören Trainings für angehende Berater*innen, Supervisionen und individuelles Case Management. Weitere Aktivitäten sind Sensibilisierungsworkshops für (potenziell) Betroffene sowie Unterstützung im Aufbau des im November 2025 eröffneten „Psychosocial Counseling and Ressource Centre“.
Weitere Aufgaben des ZFD im Projekt
Trainings und Supervision: In den Trainings werden den Teilnehmenden die Grundlagen psychosozialer Beratung vermittelt, hierbei werden theoretische Inhalte mit praktischen Übungen und Selbsterfahrungen verknüpft. Die Supervision in Kleingruppen dient zur Reflexion der eigenen Haltung als auch der Beratungsprozesse, an denen die Teilnehmenden mit ihren Klient*innen teilnehmen.
Sensibilisierungsworkshop für (potenziell) Betroffene: Die Sensibilisierungsarbeit richtet sich an Heranwachsende, lokalen Akteur*innen sowie Frauen und Mädchen. Themen wie geschlechtsspezifische Gewalt, Drogenabhängigkeit, Traumata und psychosoziale Beratung stehen dabei im Mittelpunkt.
Errichtung und Aufbau des „Psychosocial Counselling and Ressource Centre“: Das psychosoziale Beratungszentrum in Magburuka, einer ländlich geprägten Region, wurde innerhalb von zwei Jahren errichtet und im November 2025 eröffnet. Ziel ist, Menschen aus der Region professionell bei der Bewältigung von Traumata, geschlechtsbezogener Gewalt und familiären Konflikten zu unterstützen. Derzeit liegt der Schwerpunkt auf der intensiven Begleitung sowie der fachlichen Weiterentwicklung der Mitarbeitenden und Beraterinnen und Berater, um die Qualität der angebotenen Unterstützung zu verbessern.
Begleitung in besonders belastenden Lebenssituationen: Neben psychosozialer Beratung unterstützt CCSL Betroffene in ausgewählten Fällen auch mit dringend benötigten Sachleistungen, wenn keine ausreichenden staatlichen oder familiären Unterstützungsstrukturen vorhanden sind. Dazu zählen beispielsweise Schulmaterialien oder andere praktische Hilfen, die den Zugang zu Bildung und gesellschaftlicher Teilhabe erleichtern.