Frau García, viele Unternehmen in Deutschland kaufen CO2-Zertifikate oder Kohlenstoffgutschriften und finanzieren so Klimaschutzprojekte, etwa im Amazonasgebiet. Sie kritisieren das. Warum?
Weil es die falsche Lösung ist, um den Klimawandel zu stoppen – und weil der CO2-Markt Menschenrechte verletzt. CO2-Zertifikate zerstören den Regenwald, weil sie denen die Lebensgrundlage entziehen, die den Wald schützen – nämlich den indigenen Völker. Wir verteidigen das Leben und sind derzeit die einzigen, die den Regenwald und damit das Klima schützen. Doch mein Volk der Kichwa hat durch ein Zertifikatsprojekt – also ein Waldschutzprojekt, mit dem Unternehmen aus dem Globalen Norden ihre Treibhausgas-Emissionen kompensieren – den Zugang zu seinem Territorium verloren. Wir können auf dem Land unserer Vorfahren nicht mehr fischen, nicht mehr jagen, nicht mehr nach Heilpflanzen suchen, nicht mehr leben. Die früher dort lebenden Familien wurden vertrieben, verloren ihre Felder, ohne dafür entschädigt zu werden.
Die Idee von CO2-Kompensationshandelsprojekten ist, dass Regierungen und Privatwirtschaft Menschen, die in großen Waldgebieten leben, dafür bezahlen, dass sie im Gegenzug den Wald zur Kompensation eigener Emissionen nutzen können. Ist das nicht passiert?
Nein. Die peruanische Regierung hat 2001 den Nationalpark Cordillera Azul – 1,3 Millionen Hektar (Anmerkung der Red.: fast so groß wie Thüringen) – zum Naturschutzgebiet erklärt. Das wurde über unseren Kopf hinweg und ohne unsere Zustimmung entschieden. Seit 2008 verdient der Staat dort Geld – bislang 84 Millionen US-Dollar –, indem er CO2-Zertifikate an Unternehmen verkauft. Etwa an den französischen Energiekonzern Total Energies SE, einem der weltgrößten Fossilindustrieunternehmen, der gleichzeitig anderswo weiter Öl-Pipelines baut. Dass dieses Schutzgebiet auf unserem Territorium liegt, hat die Regierung nie interessiert. Für sie ist indigenes Land frei verfügbar und verkäuflich, weil wir keine Besitzurkunden dafür vorweisen können. Aber es ist das Land unserer Ahnen! Doch der Staat hat die Leute vertrieben und gesagt: Das ist jetzt ein Naturpark, hier könnt ihr nicht mehr wohnen. Viele können es auch wirklich nicht mehr.
Wie meinen Sie das?
Durch die Klimakrise, die durch eine falsche Klimapolitik verstärkt wird, ist der Wasserstand des Rio Huallaga heftig gesunken. Viele Quellen sind versiegt, Bachläufe trocken, Pflanzen verdorren, auch die, von denen wir uns ernähren. Man hungert uns quasi aus, die Kichwa können ja nicht in einem Supermarkt einkaufen gehen, den gibt es im Amazonaswald nicht, die Leute hätten auch gar nicht das Geld dafür. Viele müssen migrieren, weil sie keinen Ort mehr haben, der sie ernährt. Viele Jugendliche ziehen weg, verlieren ihre Kultur, ihre Wurzeln, ihre Spiritualität. Sie wissen nicht mehr, wie man Tierspuren liest oder welche Pflanze heilt. Das lernt man in der Stadt nicht. Wissen Sie, was besonders bizarr ist?
Nein – was?
Dass die Regierung uns den Naturschutzpark nicht mehr betreten lassen mit der Begründung, wir würden die Biodiversität zerstören. Und beispielsweise die Jaguare, die dort leben, in ihrer „Privatsphäre“ stören. Wir haben immer mit den Jaguaren und der Natur gelebt!
Beteiligt der peruanische Staat die Kichwa-Gemeinden an den Erlösen aus den CO2-Zertifikaten?
Nein. Wir wollen dieses Geld auch gar nicht. Wir möchten nur eines: Lasst uns und unsere Gebiete in Frieden! Akzeptiert unsere Autonomie und unsere Rechte. Der Amazonas-Regenwald ist unser Zuhause! Wenn ich zu jemandem nach Hause komme, akzeptiere ich auch dessen Regeln.
Wie wehren sich die Kichwa heute?
Seit 20 Jahren kämpft mein Volk dafür, dass unsere Landrechte anerkannt werden. Weil dies bislang nicht passiert ist, markieren wir die indigenen Gebiete vor und im Naturreservat nun selbst. Wir definieren: Dieses Gebiet gehört zu Gemeinde x, jenes zu Gemeinde y. Mit dieser Automarkierung sind wir bis vor das Verfassungsgericht gezogen, es könnte ein Präzedenzfall werden – nicht nur für die Kichwa, sondern auch für andere indigene Völker in Peru. Aber wir bezahlen einen hohen persönlichen Preis für diesen Kampf. Wir werden mit dem Tode bedroht, etwa von der Holzmafia. Und der Staat kriminalisiert und diffamiert uns, vor allem über Social Media. Statt unseren Beitrag zum Klimaschutz anzuerkennen, droht man uns mit Gefängnis.
Was fordern Sie vom peruanischen Staat?
Dass er nicht mehr gegen unsere Rechte verstößt und uns nicht mehr andauernd attackiert. Dass Peru das Recht der Kichwa auf ihre indigenen Gebiete akzeptiert, weil sie diese schon so lange besiedeln und bewirtschaften. Das ist laut ILO-Konvention der Internationalen Arbeitsorganisation, die Peru unterzeichnet hat, gleichbedeutend mit einem Landtitel.
Und was fordern Sie von den Unternehmen?
Die Konzerne, die Klimagifte ausstoßen, aber ihr Image polieren, indem sie unseren Wald nutzen, müssen endlich Verantwortung dafür übernehmen, dass sie Leben zerstören. Sie müssen weniger CO2 emittieren, anders lässt sich der Klimawandel nicht aufhalten. Wir stehen bereits am Rande der Auslöschung allen Lebens. Bald gibt es kein Zurück mehr.
Was sollten Regierungen tun?
Regierungen – auch die deutsche – müssen aufhören, diese falschen Lösungen zu fördern. Sie sind Komplizen der Konzerne, sie wissen genau, was los ist. Sie sollten darauf achten, wohin das Geld aus dem CO2-Handel fließt. All jenen, die den Zertifikat-Handel gut finden, weil er erst einmal gut klingt, möchte ich zurufen: Geht den falschen Versprechen nicht auf den Leim! Da wird weder gerecht kompensiert noch das Klima gerettet. Das ist zerstörerisches und tödliches Greenwashing.
Das Gespräch führte Martina Hahn

