© Brot für die Welt
Bougainville: Der nächste unabhängige Staat?
Selten werden neue Staaten gegründet. Die jüngsten heißen Timor-Leste (2002), Montenegro (2006) und Südsudan (2011). Nach einem Friedensprozess könnte Bougainville, aktuell Teil von Papua-Neuguinea und ehemalige deutsche Kolonie, nun der nächste sein.

James Tanis im Bundestag
2019 stimmten in einem Referendum 97,7 Prozent der Bevölkerung der Autonomen Region Bougainville für die Loslösung von Papua-Neuguinea (PNG). Die Autonome Regierung Bougainvilles und die Regierung von PNG einigten sich anschließend auf eine Übergangsperiode, in deren Verlauf sukzessive Regierungskompetenzen vom Zentralstaat abgetreten werden sollen, bis Bougainville die volle Unabhängigkeit erlangt. Dies wäre der vorläufige Endpunkt eines bemerkenswert erfolgreichen Friedensprozesses.
Deutsche Kolonialgeschichte: Spuren bis heute spürbar
Die Geschichte Bougainvilles ist eng mit der deutschen Kolonialvergangenheit verbunden: Von 1886 bis 1914 gehörte die Insel zu „Deutsch-Neuguinea“. Die Kolonialgrenze zwischen deutschen und britischen Gebieten trennte Bougainville ab 1899 von den anderen Inseln des Salomonen-Archipels. Wie für Kolonialgrenzen typisch, wurde dabei keinerlei Rücksicht auf die dadurch getrennten ethnischen, kulturellen oder sprachlichen Gruppen genommen.
Im Jahre 1918 wurde Bougainville Teil des australischen Mandatsgebiets Papua-Neuguinea. 1975 erlangte PNG die Unabhängigkeit von Australien; Bougainville erwog kurzzeitig die eigenständige Unabhängigkeit, schloss sich aber letztendlich PNG an. Dennoch haben sich die Menschen in Bougainville nie als Papua-Neuguineer*innen betrachtet. Bougainvilles Einverleibung in das Deutsche Kolonialreich vor genau 140 Jahren legte damit den Grundstein für den späteren Unabhängigkeitskonflikt, der von 1989 bis 1998 dauerte und rund 20.000 Menschenleben kostete. Der Hauptauslöser des Kriegs war dabei der Streit um die Gold- und Kupfermine Panguna.
Gold- und Kupfermine Panguna: Auslöser für den bewaffneten Konflikt
Die Mine im Zentrum von Bougainville wurde ab den späten 1960er Jahren vom australischen Unternehmen Rio Tinto betrieben. Wegen ihr wurde Wald zerstört und die Umwelt verschmutzt, wurden Einheimische vertrieben und Menschen in der Umgebung Giftstoffen ausgesetzt. Für Bougainville ergab sich kaum Nutzen, weder in Form von Arbeitsplätzen noch von Steuereinnahmen. Der Gewinn floss nach PNG. Das machte die Menschen vor Ort wütend, sie protestierten. Als die Zentralregierung mit Gewalt reagierte, gründete sich eine Rebellengruppe, die Bougainville Revolutionary Army. 1989 brach ein Krieg zwischen ihr und der Regierung aus.
In der Folge kam es neben dem Krieg mit der Armee des Zentralstaats auch zu schrecklichen internen Kämpfen, die Dörfer und Familien spalteten. Der Krieg und das anschließende Embargo durch PNG endete 1998 in einem Waffenstillstand und mündete 2001 in einem Friedensvertrag. Diese Übergangszeit wurde von einer unbewaffneten Peacekeeping-Mission unter Leitung Neuseelands gemeinsam mit Australien, Fidschi und Vanuatu begleitet. Der Friedensvertrag und die nachfolgende Umsetzung wurden von einer internationalen Monitoring-Mission bis 2003 unterstützt. In der matrilinearen Gesellschaft Bougainvilles spielten Frauen eine wichtige Rolle, den bewaffneten Konflikt zu beenden und auch nach Abschluss des Friedensvertrags vor Ort für Versöhnung und Aufarbeitung zu streiten.
Schritte zur Unabhängigkeit
Seit dem Friedensvertrag von 2001 und dem Referendum von 2019 werden die Schritte zur Unabhängigkeit friedlich und gemeinsam ausgehandelt. Dieser Friedensprozess ist eine vorbildliche Erfolgsgeschichte und Bougainville der einzige Ort weltweit, der so kurz vor der offiziellen Unabhängigkeit steht. Dennoch bleiben viele Fragen offen. Wird die Abstimmung im Parlament von PNG Ende November die hohe Hürde einer Dreiviertel-Mehrheit überwinden? Wie stellt sich Bougainville wirtschaftlich auf? Wie geht es mit der Panguna-Mine weiter, die seit 1989 brachliegt? Internationale Akteure sind nun gefordert, Bougainvilles möglichen Übergang zum nächsten unabhängigen Staat zu begleiten.
Veranstaltung in Berlin
Um eine Diskussion über Bougainvilles friedliche Zukunft in Deutschland anzustoßen, fand am 5. Oktober in Berlin auf Einladung von Brot für die Welt, Misereor, der Friedrich-Schiller-Universität Jena, der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen und des Pazifik-Netzwerks eine öffentliche Veranstaltung statt. Dazu wurden der Projektpartner von Brot für die Welt, Dr. Serge Loode, Direktor von Peace & Conflict Studies Institute Australia (PaCSIA), nach Berlin eingeladen. Sein Projekt setzt bei den psychologischen Folgen des bewaffneten Konflikts an und wird von Brot für die Welt gefördert. Der zweite Gast war James Tanis, aktuell eine Art Außenminister, zuvor Präsident von Bougainville. Er war von Beginn an Teil des Unabhängigkeitskampfes und ist einer der wenigen noch lebenden Unterzeichner des Friedensabkommens von 2001.
Mit den beiden Gesprächspartnern fanden außerdem Treffen im Auswärtigen Amt, im BMZ, im Bundestag und im Humboldtforum statt. Es war der erste offizielle Besuch von Gästen aus Bougainvilles, der hoffentlich den Grundstein für mehr Engagement seitens Deutschlands in diesem einzigartigen Prozess legte. Bougainville hegt großes Interesse, die gemeinsame Vergangenheit aufzuarbeiten und große Hoffnung, dass die Zusammenarbeit mit Deutschland verstärkt wird. Jahrzehntelang haben lediglich kirchliche Hilfswerke und Akteure den direkten Kontakt aufrechterhalten.
Bougainville als Beispiel für erfolgreiche Friedensarbeit
Bougainville bietet eine konkrete Gelegenheit, die Rhetorik der deutschen Bundesregierung zu Prävention und frühzeitigem Handeln, zu strategischer Weitsicht und einer völkerrechtsbasierten Weltordnung in die Praxis umzusetzen. Den Worten sollten nun Taten folgen. Das Beispiel Bougainville zeigt: Frieden lässt sich nicht von heute auf morgen herbeiführen. Der gewaltsame Konflikt ist vorbei, aber Frieden ist viel mehr als das. Er braucht Zeit und muss in der zivilen Friedensarbeit verankert sein. Er erfordert Geduld und Engagement, Versöhnung, Vergebung und Traumabehandlung. Und Frieden erfordert Partnerschaft. Eine Partnerschaft mit Verbündeten, die Bougainville auf diesem Weg begleiten. Deutschland kommt dabei eine historisch einzigartige Rolle und Verantwortung zu.
Dieser Blog erscheint auch im Politik-Brief, Ausgabe November 2026.









