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Warum ist Europa auf unseren Weltkarten so groß?
Die gewohnte Darstellung unserer Welt auf Standardkarten vermittelt ein verzerrtes Bild ihrer tatsächlichen Größenverhältnisse. Besonders Europa und Nordamerika erscheinen im Vergleich zu den Kontinenten des Südens massiv überproportional. So ist beispielsweise der afrikanische Kontinent in der Realität fast dreimal so groß wie ganz Europa, obwohl sie auf vielen Karten fast gleich groß wirken. Das liegt vor allem an einer mathematischen Entscheidung aus dem Jahr 1569: der Mercator-Projektion.
Das Problem der Orangenschale: Warum jede Karte lügt
Die Erde ist eine Kugel, aber Karten sind flach. Es ist mathematisch unmöglich, eine Kugeloberfläche ohne Verzerrungen auf eine Ebene zu bringen. Dies lässt sich gut an einer Orangenschale veranschaulichen: Versucht man, sie platt zu pressen, wird die Schale unweigerlich reißen - oder extrem gedehnt.
Die Mercator-Projektion: Entwickelt für die Seefahrt
Der Kartograf Gerhard Mercator entwickelte 1569 eine Karte, die vor allem ein Ziel hatte: Navigation. Winkeltreue war deshalb besonders wichtig und auf seiner Karte sind alle Winkel korrekt. Ein Seemann konnte eine gerade Linie zwischen zwei Punkten ziehen, den Winkel messen und sein Schiff präzise mit dem Kompass steuern. Der Preis dieser Winkeltreue ist jedoch die Verzerrung der Größenverhältnisse: Um die Winkel beizubehalten, musste Mercator die Karte zu den Polen hin immer weiter "strecken".
Woher kommt der Größenunterschied auf Weltkarten?
Je weiter ein Land vom Äquator entfernt ist, desto stärker wird es auf der Mercator-Karte vergrößert. Dies hat drastische Auswirkungen auf unsere Wahrnehmung:
- Europa und Nordamerika liegen weit im Norden und wirken dadurch massiv.
- Grönland (ca. 2,16 Mio. Quadratkilometer) erscheint oft so groß wie Afrika, obwohl Afrika mit rund 30,3 Mio Quadratkilometern in Wirklichkeit 14-mal größer ist.
- Südamerika ist mit rund 17,8 Mio Quadratkilometern in der Realität fast 80 Prozent größer als Europa (ca. 10,5 Mio. Quadratkilometer), wirkt auf Standardkarten aber oft kleiner.
Hintergrund: Der Großteil der Landmassen unserer Erde befindet sich auf der Nordhalbkugel. Da die Verzerrung der Karte zu den Polen hin extrem zunimmt, trifft sie den Norden weitaus sichtbarer als den Süden.
Warum Google Maps noch immer die verzerrte Karte nutzt
Der Vergleich macht es deutlich: Die Mercator-Darstellung bei Google Maps (links) vs. der flächentreuen Darstellung bei Google Earth (rechts).
Obwohl die Mercator-Karte die Flächenverhältnisse der Welt massiv verzerrt, ist sie heute der Standard für Google Maps und andere Online-Dienste. Der Grund ist technisch: Sie ermöglicht nahtloses Zoomen, ohne dass sich die Formen von Gebäuden oder Straßen verändern, was bei flächentreuen Karten passieren würde.
Das Problem des eurozentrischen Weltbildes
Zwar war die Verzerrung der Mercator-Karte technisch für die Seefahrt begründet, doch ihre weltweite Verbreitung als Standardkarte war kein Zufall: Sie passte perfekt in das koloniale Weltbild der Zeit und hat mit Sicherheit kolonialistischen Zwecken gut gedient: Länder des Globalen Nordens wirken mächtiger und dominanter, während der Globale Süden wortwörtlich klein gerechnet wird. Besonders die Länder auf dem Äquator wirken klein.
Die afrikanische Kampagne „Correct The Map“, unterstützt von der Afrikanischen Union, fordert, die gewohnten Karten in Schulen, Medien und Behörden durch gerechtere Darstellungen zu ersetzen und unterstützt die Verwendung von Weltkarten wie der flächentreuen „Equal Earth“ Karte.
Auch die Perspektive ist politisch
Die Entscheidung, wo man die Weltkugel sozusagen aufschneidet, um sie flach auszubreiten spielt eine wichtige Rolle. Standardkarten werden meist an der Datumsgrenze im Pazifik geteilt. Das hat zwar den praktischen Vorteil, dass Landmassen kaum zerschnitten werden, führt aber dazu, dass Europa exakt in der Mitte der Karte landet. Diese Positionierung ist ein visuelles Erbe der Kolonialzeit. Sie zementiert das Bild von Europa als „Nabel der Welt“, während der riesige pazifische Raum an die Ränder gedrängt wird.
Teilt man die Karte stattdessen im Atlantik – eine Perspektive, die im asiatisch-pazifischen Raum durchaus üblich ist, rückt Europa an den Rand. Es wirkt deutlich kleiner und geografisch isolierter. Die Entscheidung, was wir als „Mitte“ definieren, prägt also maßgeblich unsere Vorstellung von globaler Bedeutung.
Warum es die perfekte Weltkarte nicht gibt
Da sich eine Kugel nicht verzerrungsfrei auf eine Fläche übertragen lässt, ist jede Kartenprojektion ein Kompromiss. Je nach Sinn und Zweck der Karte können Kartograf*innen aber entscheiden, welche Verzerrungen sie in Kauf nehmen und welche nicht.
Die verschiedenen Abbildungsmöglichkeiten für Weltkarten:
- Flächentreue: Die Größen der Länder stimmen im Verhältnis zueinander (wichtig für den Vergleich von Kontinenten, wie bei der Gall-Peters-Karte).
- Winkeltreue: Die Winkel stimmen (überlebenswichtig für die Navigation auf See, wie bei der Mercator-Karte).
- Längentreue: Abstände zwischen bestimmten Punkten sind korrekt (wichtig für Streckenmessungen, allerdings nur eingeschränkt überhaupt möglich).
Der Kompromiss: Gerechtere Weltkarten
Eine Karte ist ein Werkzeug für einen bestimmten Zweck. Das Problem der Mercator-Karte ist nicht ihre Existenz, sondern dass wir sie oft als „das einzig wahre Bild der Erde“ missverstehen, obwohl sie eigentlich ein Spezialwerkzeug für Seeleute ist.
Alternative Karten wie die Gall-Peters-Projektion versuchen, die Flächen korrekt darzustellen, verzerren dafür aber die Formen der Kontinente stark.
Einen modernen Kompromiss dagegen suchen sogenannte vermittelnde Karten. Sie sind weder perfekt flächentreu noch perfekt winkeltreu. Aber sie halten die Verzerrungen für das Auge so gering wie möglich. Ein bekanntes Beispiel ist die Winkel-Tripel-Projektion.
Die Winkel-Tripel-Projektion: Weiterhin ein Produkt westlicher Kartografie
Die Winkel-Tripel-Projektion wurde 1921 von Oswald Winkel entwickelt und heißt „Tripel“ (Dreifach), weil sie versucht, drei Verzerrungen gleichzeitig zu minimieren. Die Karte verzichtet auf die extreme Vergrößerung des Nordens und stellt die Kontinente in einem Verhältnis dar, das der Realität nahekommt. In vielen modernen Schulbüchern und bei National Geographic hat sie die alte Mercator-Karte abgelöst.
Der deutsche Kartograf Winkel verfolgte mit seinem Entwurf jedoch keine dekoloniale Intention. Immer noch zentriert auch seine Karte Europa und positioniert die nördliche Hemisphäre oben, wodurch sie dieselbe symbolische Machthierarchie wie die Mercator-Projektion reproduziert:
Die Beibehaltung des Nordens oben und des Südens unten verstärkt jahrhundertealte Assoziationen von Europa und den USA als überlegen und Afrika, Lateinamerika und Ozeanien als unten oder unterlegen.
Equal Earth & Co.: Postkoloniale Weltkarten
Die Equal Earth Projektion ist eine moderne, flächentreue Weltkarte, die 2018 entwickelt wurde, um die tatsächlichen Größenverhältnisse der Kontinente korrekt abzubilden. Ihre pseudozylindrische Darstellung ermöglicht beispielsweise, die tatsächliche geografische Größe und Bedeutung des afrikanischen Kontinents sichtbar zu machen, ohne die Formen lächerlich zu verzerren. Immer noch bleibt jedoch der Norden oben.
Wirklich dekoloniale Weltkarten kann es auch deshalb nicht geben, weil sie politische Grenzen abbilden, die häufig von den Kolonialmächten gezogen wurden. Aber es gibt vielversprechende Ansätze, die wortwörtlich das koloniale Weltbild auf den Kopf stellen.
South Up Maps: Süden-oben-Karten und weitere dekoloniale Ansätze
Neue Karten können unsere gesamte Perspektive hinterfragen und zahlreiche Initiativen zeigen heute, wie wir die Welt neu lesen können:
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South Up Maps: Projekte wie die Hobo-Dyer-Projektion oder McArthur’s Universal Corrective Map kehren die klassische Nord-Süd-Ausrichtung um. Indem der Süden oben platziert wird, brechen diese Karten die gewohnte visuelle Hierarchie auf, die den globalen Norden mit Überlegenheit assoziiert.
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Perspektiven indigener Völker: Das Gemeinschaftsprojekt The Decolonial Atlas sammelt Karten, die koloniale Grenzen hinterfragen und stattdessen indigene Territorien sowie die Sichtweisen des Globalen Südens in das Zentrum rücken. Ähnlich arbeitet die interaktive Karte Native Land Digital. Sie definiert Land nicht durch Nationalstaaten, sondern durch die Souveränität, die Sprachen und die Geschichte der dort lebenden indigenen Völker.
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Kartografie als Wissensform: Wissenschaftliche Arbeiten wie „Decolonizing the Map“ verdeutlichen, dass Kartografie mehr sein kann als das Ziehen von Grenzen. Sie zeigen auf, wie indigene Logiken von Raum und Land unsere westlich geprägte Vorstellung von Karten herausfordern und erweitern können.
Am Ende geht es um weit mehr als um mathematische Projektionen oder unterschiedliche Weltkarten. Es geht darum, wie wir Raum wahrnehmen, definieren und beanspruchen. Die alternativen Ansätze definieren neu, wer die Welt repräsentieren darf und wessen Perspektive zählt. Indem wir alternative Karten nutzen, unterbrechen wir koloniale Darstellungsmuster. Und reproduzieren somit nicht eine koloniale Darstellung, die jahrhundertelang Länder an den Rand gedrängt hat.
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