Zoila Bengocheas Tochter Dafne wurde nur 21 Jahre alt. Ihr Ex-Partner erstach sie auf offener Straße, weil er nicht akzeptieren konnte, dass sie sich von ihm getrennt hatte.
© Anne Ackermann/Brot für die Welt
Jedes Jahr werden in Mexiko Hunderte von Frauen von ihren Partnern oder Ex-Partnern ermordet – aus Eifersucht oder weil diese eine Trennung nicht akzeptieren können. Eine Partnerorganisation von Brot für die Welt fordert Gerechtigkeit und steht den Hinterbliebenen zur Seite.
Langsam streicht Zoila Bengochea mit dem Finger über den Ring, den ihr ihre Tochter Dafne 2012 zum Muttertag geschenkt hat. Es war der letzte Muttertag, den sie zusammen feiern konnten. Ein Jahr später war Dafne tot. „Am Anfang habe ich nur geweint“, sagt die 61-Jährige. „Meine Wohnung fühlte sich ohne sie so leer an. Mir fehlten ihr Lachen, ihre Umarmungen, ihre Beteuerungen, wie sehr sie mich liebe. Ich wollte nicht mehr leben.“
Am frühen Morgen des 9. April 2013 wurde Dafne Denisse Carreño in Oaxaca, einer Stadt im Süden von Mexiko, von ihrem ehemaligen Freund mit Messerstichen ermordet. Sie war eine fröhliche, liebenswerte junge Frau mit vielen Träumen. Dafne Carreño wurde nur 21 Jahre alt. Ihr Freund konnte nicht akzeptieren, dass sie sich von ihm getrennt hatte. Nachbarn hörten die beiden auf der Straße streiten, sie sahen, wie der Mann das Messer zog. Doch sie trauten sich nicht einzugreifen. Nur ein paar Häuserblocks weiter wurde der Täter von der Polizei verhaftet.
Gewalt gegen Frauen ist in Mexiko weit verbreitet – bis hin zum Mord. Der mexikanische Staat hat deshalb 2012 den Straftatbestand des „Feminizids“ in das Strafgesetzbuch aufgenommen. Ein Feminizid liegt immer dann vor, wenn eine Frau aufgrund ihres Geschlechts umgebracht wurde. Oft beruht die Tat auf einem übersteigerten Männlichkeitswahn: Der Täter betrachtet „seine Frau“ als sein Eigentum. Wenn sich die Frau emanzipiert, sich trennen will oder den Erwartungen des Mannes nicht mehr entspricht, eskaliert die Gewalt. Das Strafmaß für Feminizid liegt zwischen 40 und 60 Jahren Haft, bei erschwerenden Umständen kann es sogar noch erhöht werden. Der Mord an Dafne Carreño war der erste Fall in Oaxaca, bei dem sich ein Mann wegen eines Feminizids verantworten musste.
Dass es zur Anklage kam, ist in erster Linie der Organisation „Consorcio para el Diálogo Parlamentario y la Equidad“ (Vereinigung für den parlamentarischen Dialog und die Gleichstellung) zu verdanken. Sie setzt sich in Oaxaca seit vielen Jahren für die Rechte von Frauen ein und wird dabei von Brot für die Welt unterstützt. Das aktuelle Projekt kommt fast 1.000 Frauen zugute, insbesondere solchen, die von Gewalt betroffen sind. Sie erhalten rechtlichen und seelischen Beistand. „Consorcio hat mir wieder auf die Beine geholfen“, sagt Zoila Bengochea, Dafnes Mutter. „Ich habe wieder Mut gefasst. Und ich habe alles gegeben, was in mir war, um Gerechtigkeit für meine Tochter zu bekommen.“
2017 – rund vier Jahre nach seiner Verhaftung – wurde der Täter zu 78 Jahren Haft verurteilt. Aber das Urteil ist noch immer nicht rechtskräftig. Die Verteidigung hat Berufung dagegen eingelegt, und die Entscheidung, ob sie zugelassen wird oder nicht, steht noch aus. „Es gibt sehr viel Korruption und Vetternwirtschaft in den Gerichten“, klagt Bengochea. „Aber ich werde weitermachen. Ich habe vor dem Sarg meiner Tochter versprochen, dass ich nicht aufgeben werde, bis der Prozess beendet ist.“
Inzwischen kümmert sich Dafne Carreños Mutter nicht nur um den Fall ihrer Tochter. Sie begleitet auch andere Angehörige, die Ähnliches wie sie erfahren haben. „Ich versuche, anderen Müttern zu helfen und ihnen zu zeigen, wohin sie gehen und an welche Türen sie klopfen sollen“, erzählt sie. In jeder Ecke ihres kleinen Hauses steht irgendetwas, das an Dafne erinnert, Zoila Bengochea hat ihr sogar einen kleinen Altar errichtet, auf dem immer frische Blumen stehen. „Consorcio hat mir Zuneigung, Begleitung, Halt gegeben“, sagt sie. „Ich weiß gar nicht, wie ich das jemals zurückgeben kann.“ Sie erinnert sich daran, was sie ihrer Tochter einst über die Niederlagen beigebracht hat, die das Leben bringt: „Wenn du wieder aufstehst, lernst du fliegen.“
Hinweis: Die Spendenbeispiele sind symbolisch. Durch Ihre zweckungebundene Spende ermöglichen Sie uns dort zu helfen, wo es am dringendsten ist.
Hinweis: Die Spendenbeispiele sind symbolisch. Durch Ihre zweckungebundene Spende ermöglichen Sie uns dort zu helfen, wo es am dringendsten ist.