Noch immer sind in vielen Gesellschaften des sogenannten Globalen Südens aufgrund traditioneller Rollenzuweisungen Frauen und Mädchen für die Wasserversorgung verantwortlich. Deswegen fehlt ihnen oftmals Zeit, zur Schule zu gehen, und so die Grundlage für ihre berufliche Entwicklung zu legen um später selbstbestimmt zu leben. Im Rahmen von Entwicklungszusammenarbeit kann hier ein wertvoller Beitrag geleistet werden: die eigenen Wohnhäuser werden mit Regenrinnen ausgestattet, Zisternen werden, häufig in Gemeinschaftsarbeit, von der Bevölkerung selbst gebaut und dann genossenschaftlich und unter Beteiligung von Frauen verwaltet. Wenn es gut läuft, wird ein Brunnen gebohrt und die Dorfgemeinschaften erhalten Zugang zu Wasser in ausreichender Menge, so dass junge Frauen Zeit bekommen, an Bildungsangeboten teilzunehmen.
Durch diese konkreten Aktivitäten der Entwicklungszusammenarbeit konnten viele Frauen Freiräume erhalten und ihr Leben verbessern. Sie müssen weiter Bestandteil der Entwicklungszusammenarbeit bleiben. Diese Initiativen sind jedoch nicht ausreichend, denn der weltweite Wasserstress nimmt mittlerweile existenzbedrohliche Ausmaße an, von denen Mädchen und Frauen in besonderer Weise betroffen sind.
Wasserstress in der Stadt
Lange Zeit galt Armut als ein ländliches Phänomen. Der eingeschränkte Zugang zu produktiven Ressourcen wie Land und Wasser, wenig technische Innovation gepaart mit starren Traditionen und unzureichenden Bildungs- und Gesundheitsangeboten, haben über Jahrzehnte die Entwicklungschancen auf dem Land stark eingeschränkt und tun das bis heute.
Durch Landflucht und durch innerstädtisches natürliches Bevölkerungswachstum nimmt weltweit jedoch auch in städtischen Regionen die Armut dramatisch zu. Gegenwärtig leben über 1,1 Milliarden Menschen in informellen Siedlungen, von denen viele nicht an eine funktionstüchtige Wasserinfrastruktur angeschlossen sind. In der Folge teilen sich dort oft viele tausend Menschen einige wenige Wasserhähne und viele Bewohner*innen sind darauf angewiesen, ihr Trinkwasser teuer in Plastikflaschen zu kaufen. Besonders problematisch ist die Tatsache, dass sanitäre Anlagen wie Toiletten und Waschgelegenheiten in vielen informellen Siedlungen nur in geringer Zahl vorhanden sind und oft in einem sehr schlechten Zustand. Das stellt insbesondere schwangere und stillende Frauen und Frauen während der Menstruationsphase vor massive Herausforderungen und schränkt ihre Lebensqualität stark ein.
Wassermangel in bewaffneten Konflikten
Weltweit nehmen gewaltsame Konflikte zu und gehen häufig mit der Zerstörung der Wasserinfrastruktur einher. Das hat besonders gravierende Auswirkungen auf die Wasserversorgung von strukturell benachteiligten Gruppen, darunter Frauen, ältere und kranke Menschen und Menschen mit Behinderungen. Wenn durch kriegerische Auseinandersetzungen Fluchtbewegungen ausgelöst werden, verschärft sich die Situation noch einmal massiv, denn häufig haben die Betroffenen dann kein Dach mehr über dem Kopf und gar keinen eigenen Zugang zu Wasser mehr. Die mit größeren Fluchtbewegungen einhergehenden Mangelsituationen erschweren es staatlichen Stellen und Hilfsorganisationen zusätzlich, die offiziellen täglichen Wasserbedarfe von zwei bis drei Liter Trinkwasser bereitzustellen, bei denen die besonderen Bedarfe von Frauen während der Schwangerschaft, stillenden Frauen und Frauen und Mädchen während der Menstruationsphase noch gar nicht eingerechnet sind.
Obwohl die Wasserinfrastruktur durch die Genfer Flüchtlingskonvention explizit geschützt ist, kommt es immer häufiger vor, dass diese absichtlich zerstört wird, um den Kriegswillen der Bevölkerungen zu zermürben. Die Folgen treffen besonders Mädchen und Frauen, die meist keinerlei Einfluss auf Kriegsparteien haben und entsprechenden Zerstörungen meist schutzlos ausgeliefert sind.
Wasserzugang ist politisch
In diesem Jahr steht Wasser weit oben auf der Agenda der Vereinten Nationen. Auf der für Dezember in Abu Dhabi geplanten „UN Water Conference“ sollen die Weichen gestellt werden, um einen gefürchteten „Wasserbankrott“ abzuwenden und das Ziel der Weltgemeinschaft, bis 2030 für alle Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser und einer angemessenen Sanitärversorgung sicherzustellen, zu erreichen. Die zur Verfügung stehenden Mittel reichen jedoch nicht aus, um die dafür erforderliche Wasserinfrastruktur bereitzustellen (Mehr dazu hier).
Deswegen sind Wasserfragen immer auch politisch: Welche Bevölkerungsgruppen werden bei begrenzten finanziellen Mitteln bei der Bereitstellung von Wasserinfrastruktur zuerst bedient? Frauengeführte landwirtschaftliche Betriebe, die die Nahrungsmittelversorgung ökonomisch schwacher Bevölkerungsgruppen sichern? Oder doch eher der industrielle Agrarbetrieb, der über den Export von Biobenzin Devisen in die staatlichen Kassen spült? Frauen in informellen Siedlungen, die, weil sie keinen Zugang zu Trinkwasser haben und Wasser teuer in Plastikflaschen kaufen müssen? Oder das neue Tourismusprojekt, von dem man sich die Schaffung von Arbeitsplätzen und die wirtschaftliche Aufwertung der Region erhofft? Wie sichert man die Wasserversorgung in Konflikt- und Krisensituationen, insbesondere für strukturell benachteiligte Gruppen?
Der Zugang zu Trinkwasser und zu sanitärer Versorgung ist ein Menschenrecht. Ganz konkrete Handlungen und Priorisierungen müssen so vorgenommen werden, dass dieses auch für Frauen und Mädchen konsequent umgesetzt wird.


