Wie haben Sie die Situation der Menschen auf Kuba erlebt?
Ich kenne Kuba seit knapp 40 Jahren und verfolge die Entwicklungen im Land sehr genau. Die aktuelle Krise übertrifft sämtliche vorherigen Notlagen deutlich. Ohne schnelle und umfassende Hilfen drohen gravierende humanitäre Folgen. Viele Familien stehen täglich vor der Herausforderung, genügend Essen auf den Tisch zu bringen. Die medizinische Versorgung leidet. Vor allem gut ausgebildete junge Menschen verlassen das Land auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen. Diese Fachleute fehlen auf der Insel.
Viele Familien sind zerrissen, Kinder bleiben bei den Großeltern zurück, da Eltern und Geschwister im Ausland leben. Die früher funktionierenden Strukturen aus Schulen und Massenorganisationen, die sich um Kinderbetreuung und Freizeitgestaltung kümmerten, existieren praktisch nicht mehr. Bisher war Kuba für sein hohes Bildungsniveau und ein aktives kulturelles Leben bekannt, das selbst ländliche Regionen prägte. Unsere Partnerorganisation CCRD berichtete jetzt von Defiziten in diesem Bereich.
Was sind die Ursachen für die aktuelle Krise?
Das US-Embargo gegen Kuba besteht seit über 60 Jahren und wurde zuletzt weiter verschärft. Die Wirtschaft wurde schwer davon getroffen, dass venezolanische Öllieferungen weggefallen sind, der Tourismus ist kollabiert. 60 Prozent der Hotels sind geschlossen und der medizinische Auslandseinsatz wurde weitgehend eingestellt. Verschärft wird die Lage durch strategische Fehlentscheidungen der vergangenen Jahre. Während massiv in die Hotelinfrastruktur investiert wurde, blieben Investitionen in essenzielle Bereiche wie Energie, Landwirtschaft und Gesundheitswesen weitgehend aus. Das Resultat sind heute eklatante Versorgungslücken und strukturelle Engpässe. Hinzu kommen häufigere Naturkatastrophen von größerer Intensität als früher. Im Herbst letzten Jahres gab es mehrere Ausbrüche von tropischen Krankheiten, auf die mangels finanzieller und materieller Ressourcen nicht mit Impfprogrammen reagiert werden konnte.
Welche Auswirkungen hat das auf das kubanische Gesellschaftsmodell?
Es hat sich eine nie dagewesene soziale Ungleichheit entwickelt. Vor Ort fallen kleine und mittlere Unternehmen auf, die privatwirtschaftlich betrieben werden: Läden, Transportunternehmen und Restaurants. Anders als früher, als die Regale staatlicher Geschäfte ständig leer waren, sind private Läden und Gaststätten heute oft voll und bieten ein breites Warenangebot. Aber viele Menschen sind in Kuba beim Staat angestellt. Deren Löhne sind extrem gering, zwischen fünf und 22 Euro monatlich. Ein Mittagessen im Restaurant kostet oft den gesamten Monatslohn, eine Ananas ein Fünftel davon. Mit normalen Gehältern lässt sich das Leben in Kuba aktuell nicht bestreiten. Viele wechseln daher in besser bezahlte Privatjobs oder wandern aus, darunter auch hochqualifiziertes medizinisches Personal.
Zeitungen können nicht gedruckt werden, das Fernsehprogramm wurde auf acht Stunden täglich reduziert, Universitäten haben ihren Betrieb eingestellt und Schulen wechseln teilweise auf eine Vier-Tage-Woche. Ein weiteres akutes Problem ist die sich zuspitzende Müllkrise: Aufgrund des Treibstoffmangels kann Müll nur noch eingeschränkt entsorgt werden. Mit Beginn der Regenzeit im April ist deshalb mit einer massiven Mückenplage und einem erneuten Anstieg tropischer Erkrankungen zu rechnen. Besonders dramatisch ist die Lage in der Landwirtschaft. Aufgrund von Energie- und Treibstoffmangel können vielerorts Ernten nicht eingefahren werden. Die für Kuba wichtige Zuckerrohrernte hat in diesem Jahr noch gar nicht begonnen. Kuba war über Jahrzehnte einer der weltweit wichtigsten Exporteure von Zucker. Inzwischen muss sogar Zucker importiert werden.
Wie reagieren die Partnerorganisationen von Brot für die Welt auf die Krise?
Die Partnerorganisationen arbeiten weiterhin engagiert und kreativ an Lösungen für die aktuellen Herausforderungen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf innovativen landwirtschaftlichen Projekten, die mit neuen Methoden vor allem die Grundversorgung in abgelegenen Regionen fernab von Havanna verbessern. Darüber hinaus engagieren sich die Partner in der Bildungsarbeit mit Kindern und Jugendlichen. Das Centro Cristiano de Reflexión y Diálogo (CCRD) in Cárdenas ist es gelungen, sich durch die Installation von Solaranlagen vollständig autark und unabhängig vom Strom- und Wassernetz zu versorgen.
Der Weltkirchenrat und die ACT Alliance verurteilen in einer gemeinsamen Erklärung vom März 2026 die Blockade als schwerwiegende humanitäre Belastung für die kubanische Bevölkerung. Sie rufen die internationale Gemeinschaft nachdrücklich dazu auf, dass humanitäre Ausnahmen für den Import von Treibstoffen gemacht werden. Zumindest die Grundversorgung und die öffentliche Infrastruktur müssen funktionieren. Parallel steht der kubanische Kirchenrat in engem Austausch mit der Regierung. Er strebt weiterhin an, humanitäre Hilfsleistungen etwa durch Kirchen und Partnerorganisationen auf den Weg zu bringen, um die wachsende Versorgungslücke abzumildern.


