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Ein herausfordernder Start in Kambodscha

10 Monate in einem Blog zusammenzufassen ist fast unmöglich. Deshalb möchte ich vor allem über meine herausfordernde Anfangsphase in Siem Reap und meinen persönlichen Wendepunkt während des Khmer-Neujahrs in Kampong Phluk schreiben. Ich erzähle auch von meiner Einsatzstelle an der NGO-Schule, da ich dort die meiste Zeit verbringe und diese Erfahrung mein Jahr und meine Zukunftspläne geprägt hat.

Von Freiwilligendienst Nord-Süd am
Mit dem Boot auf dem Tonle Sap

Mit dem Boot auf dem Tonle Sap

September: Umzug nach Siem Reap 

Mein erster Abend nach dem Umzug von Phnom Penh nach Siem Reap war eine der schwersten Zeiten meines Jahres hier. Den Monat zuvor hatte ich mit den anderen Freiwilligen in Phnom Penh gelebt. Auch wenn wir uns nicht immer gut verstanden, waren sie Menschen, die dieselben Erfahrungen machten wie ich. Mit dem Umzug war ich zum ersten Mal in meinem Leben komplett auf mich allein gestellt.

Ich kam mit dem Boot aus Battambang an und wurde von einem Kollegen abgeholt. Da ich kein Geld dabei hatte und den ganzen Tag nichts gegessen hatte, brachte er mich in ein Restaurant und lieh mir Geld, weil ich mein Portemonnaie in einem Hostel vergessen hatte. Trotz dieser Freundlichkeit fühlte ich mich unglaublich einsam. Anschließend zeigte man mir meine neue Wohnung. Auf den ersten Blick wirkte sie in Ordnung, doch sie war dunkel, schmutzig und später stellte sich heraus, dass sie voller Kakerlaken und Ratten war. Da ich erst einige Wochen später mit der Arbeit beginnen sollte, hatte ich zunächst viel Zeit für mich – mehr, als mir damals guttat.  

Am selben Abend ging ich noch zum Supermarkt, um etwas zu essen zu kaufen. Dort bemerkte ich plötzlich, dass ich gar nicht wusste, wo meine Wohnung war. Ich hatte weder die Adresse noch den Standort gespeichert. In diesem Moment war alles einfach zu viel. Heute weiß ich, dass die Situation weniger dramatisch war, als sie sich damals anfühlte. Doch die vielen neuen Eindrücke, die Einsamkeit und das Heimweh überwältigten mich. Zum ersten Mal hatte ich niemanden um mich herum, auf den ich mich verlassen konnte. Als ich schließlich mit Hilfe meiner Chefin zurückfand, brach ich in Tränen aus und rief meine Eltern an, weil ich nur noch nach Hause wollte. Diese Verzweiflung verschwand nicht nach wenigen Tagen. Sie begleitete mich durch die ersten Monate, mal stärker, mal schwächer. Trotzdem versuchte ich, fast jeden Tag rauszugehen und neue Menschen kennenzulernen. Rückblickend lernte ich in dieser Zeit vor allem, mit mir selbst klarzukommen. Ich zwang mich dazu, die Stadt zu erkunden, Cafés zu besuchen, an der Riverside spazieren zu gehen oder die Tempel von Angkor zu besichtigen.

April: der Wendepunkt (Khmer-Neujahr)

Über Khmer-Neujahr lud mich ein Freund ein, mit ihm und einigen anderen Leuten in seine Heimatstadt Kampong Phluk zu fahren. Zu diesem Zeitpunkt kannte ich ihn noch kaum, weshalb ich mich umso mehr freute, dass er mich und eine Freundin dabeihaben wollte. Ich war ziemlich nervös, weil ich die Leute nur flüchtig kannte und direkt seine ganze Familie treffen würde. Doch mir wurde schnell klar, dass ich mir wieder einmal unnötig Sorgen gemacht hatte. Das ist etwas, das ich in meinem Jahr hier gelernt habe: zu spontanen Erlebnissen Ja zu sagen und nicht zu viel nachzudenken. Denn oft sind genau diese Momente die schönsten Erfahrungen.

Am 15. April, dem zweiten Tag des Neujahrsfestes, fuhren wir mit sieben anderen Leuten auf Motos etwa eine Stunde nach Kampong Phluk. Da ich mir längere Strecken noch nicht allein zutraute, fuhr ich bei einer Freundin mit. Kampong Phluk ist ein Dorf am See Tonle Sap, weshalb die Häuser auf hohen Stelzen stehen und in der Regenzeit teilweise unter Wasser sind. Die meist aus Holz gebauten Häuser haben bunte Dächer oder blaue Fassaden, davor spielen Kinder oder die Bewohner sitzen  gemeinsam vor ihren Häusern. Hinter den Häuserreihen sieht man den Fluss und die bunten Fischerboote am Ufer. Als wir ankamen, begrüßten wir die Mutter des Freundes und setzten uns gemeinsam zum Essen auf den Boden. Wir aßen, redeten und lachten zusammen. Danach gingen wir zu den traditionellen Wasserschlachten. Überall waren Menschen auf den Straßen, hörten Musik, feierten und bewarfen sich gegenseitig mit Wasser und Babypuder. Wir fuhren mit den Motos durch die Menschenmengen, tanzten und ließen uns mit Wasser und Puder überschütten. Es war hektisch, laut, aber trotzdem lustig. Am Abend nahmen wir das Boot seines Vaters und fuhren mit seiner Familie auf den Tonle Sap, um den Sonnenuntergang zu sehen. Wir kamen an Stelzenhäusern, Fischern und feiernden Familien vorbei. Als wir den See erreichten, aßen wir gemeinsam zu Abend, tranken Bier und sahen zu, wie die Sonne langsam am Horizont verschwand. Es war einer dieser Momente, die man nicht vergisst. Später fuhren wir zurück nach Siem Reap und feierten dort weiter auf den Straßen.

Der April und besonders das Khmer-Neujahr waren ein echter Wendepunkt in meinem Leben hier. Danach hatte ich eine feste Freundesgruppe und fühlte mich zum ersten Mal wirklich angekommen.

Unterrichten an einer NGO-Schule

Vieles in meiner Einsatzstelle fiel mir am Anfang sehr schwer. Ich unterstütze beim Englischunterricht an einer NGO-Schule, die den Kindern zusätzlich zur regulären Schule die Möglichkeit bietet, Englisch zu lernen und gemeinsam Zeit zu verbringen. Im ersten Monat unterrichtete ich noch gemeinsam mit meiner Kollegin. Danach übernahm ich zwei Klassen allein, was eine große Herausforderung war. Die Sprachbarriere war enorm: Die Kinder sprachen kaum Englisch und ich kein Khmer. Außerdem hatte ich noch nie Unterricht vorbereitet und bekam keinen Lehrplan, sondern nur zwei sehr einfache Englischbücher. Deshalb fiel es mir anfangs oft schwer, mich für die Arbeit zu motivieren. Ich hatte das Gefühl, kaum mit den Kindern kommunizieren zu können. Mit der Zeit gewöhnte ich mich jedoch daran. Inzwischen macht mir das Unterrichten deutlich mehr Spaß, besonders in meiner Vormittagsklasse. Dort kann ich mich mittlerweile fast ohne Google Translate verständigen.

Ich habe außerdem ein engeres Verhältnis zu den Kindern aufgebaut, was die Arbeit deutlich einfacher macht. Die Sprachbarriere ist zwar noch immer präsent, aber irgendwie funktioniert die Kommunikation trotzdem, besonders wenn wir gemeinsam spielen. Meine Nachmittagsklasse stellt mich dagegen weiterhin vor Herausforderungen. Die Anzahl der Kinder schwankt stark und die Sprachbarriere ist dort deutlich größer. Zwar hilft gelegentlich ein älterer Schüler beim Übersetzen, doch er ist nicht regelmäßig da.

Trotzdem merke ich inzwischen, dass ich einzelne Schülerinnen und Schüler motivieren kann. Im Kunstunterricht arbeiten einige Kinder inzwischen sehr konzentriert und zeigen echtes Interesse daran, sich zu verbessern. Auch im Englischunterricht machen mehr Kinder aktiv mit und zeigen Freude am Lernen. Durch diese Erfahrungen habe ich gemerkt, wie schön ich es finde, nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern Menschen zu motivieren und für etwas zu begeistern. Gleichzeitig hat mir diese Zeit geholfen, eine wichtige Entscheidung für meine Zukunft zu treffen: Ich möchte Kunst- und Englischlehrerin werden. Auch wenn ich mich darauf freue, in zwei Monaten nach Hause zurückzukehren und mit mehr Klarheit in die Zukunft zu blicken, steht mir gleichzeitig der Abschied von den Menschen und dem Leben hier bevor – und das wird sicherlich nicht leicht. 

Von Amala Dufhues

 

 

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