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Bambusfloß statt Bürostuhl

Zehn Stunden Busfahrt, ein Bambusfloß und eine Suppe aus dem Feuer: Ende Mai bin ich mit den anderen Freiwilligen nach Ratanakiri gereist, um die indigenen Tampuan kennenzulernen. Zwischen Kautschukplantagen und geschütztem Regenwald beschäftigten wir uns damit, wie Naturschutz, Armut und Selbstbestimmung dort miteinander verwoben sind – und wie anders mein Alltag in Phnom Penh dagegen wirkt.

Von Freiwilligendienst Nord-Süd am
Unterwegs auf dem Bambusfloß

Unterwegs auf dem Bambusfloß

Seminar in Ratanakiri

Ende Mai fuhren wir Freiwilligen zusammen mit unserer Landesmentorin Lim in den Norden von Kambodscha, um etwas von und über die indigenen Gruppen zu lernen, die in der Region leben. Insbesondere in den nordöstlichen Provinzen des Landes leben mehr als 20 verschiedene indigene Gruppen, die zwei bis drei Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen. Obwohl die Strecke von Phnom Penh nach Krong Ban Lung, eine Stadt in Ratanakiri, nur knapp 500 Kilometer lang ist, dauerte unsere Bustour mehr als zehn Stunden. Das lag in allererster Linie an der schlechten Straßeninfrastruktur. Ich war zum ersten Mal im Nordosten Kambodschas und mir sind sofort einige Unterschiede aufgefallen. Normalerweise sieht man vor allem Reisfelder und Buschland, wenn man in Kambodscha auf so einer langen Fahrt aus dem Fenster schaut. Dieses Mal dachte ich zuerst, wir wären von endlosem Wald umgeben, aber bei genauerer Betrachtung entpuppte sich der Wald als gigantische Kautschukplantage. Diese Erkenntnis überraschte mich sehr, weil ich mehr ursprüngliche Natur und keine Agrarwüste erwartet hatte.

Nur wenige hundert Meter von unserer Unterkunft in Krong Ban Lung entfernt gibt es eine sogenannte Community Protected Area (CPA), die den Yaek Loam Lake und den umliegenden Wald einschließt. Nach unserer Ankunft hatten wir noch kurz Zeit, uns im See zu erfrischen. Am nächsten Morgen trafen wir uns erst mit der NGO Indigenous People for Agriculture Development in Cambodia (IPAC) und danach mit einem Commune Leader der Tampuan. Dadurch konnten wir Einblicke in die Geschichte, Entwicklung und Herausforderung der CPA gewinnen. In deren knapp 36 Hektar liegen fünf Dörfer des Tampuan-Volkes. Die Lebensweise der Tampuan ist stark geprägt von Brandrodungslandwirtschaft, dem Sammeln von Waldprodukten und animistischen Glaubensvorstellungen. Sie leben in Symbiose mit der Natur, die sie umgibt. In dem Gebiet der CPA dürfen sie relativ selbstverwaltet leben und schützen im Gegenzug den Urwald vor illegaler Rodung. Die größten Herausforderungen sind einerseits die zeitliche Begrenzung des rechtlichen Status der CPA auf 15 Jahre durch das kambodschanische Umweltministerium und anderseits die illegale Rodung. Ratanakiri ist eine der ärmsten Regionen in Kambodscha und ein einziger Baum kann 3.000 bis 8.000 US-Dollar wert sein. Nachts heimlich einen Baum zu fällen, das Holz auf dem Schwarzmarkt verkaufen und dadurch fast ein Jahreseinkommen zu erhalten, ist da eine lukrative Methode, die eigene Familie durchzubringen. Anstatt strukturelle Ursachen wie die Armut in der Region anzugehen, erhalten die Tampuan Unterstützung von Rangern aus der Armee, um den Wald zu beschützen.

Zweiter Tag in Ratanakiri

Am zweiten Tag des Seminars fuhren wir noch zu einer zweiten CPA an der Grenze zu Laos und dieser Tag war absolut unvergesslich. Zuerst mussten wir rund eine Stunde mit dem Auto in ein größeres Dorf fahren. Dort wurden wir von Bewohner*innen der CPA zum Essen eingeladen: einer Suppe aus Wurzeln und Waldgemüse, die in einem Bambusrohr über dem Feuer gekocht wurde. Dazu wurde Bergreis und geräuchertes Fleisch serviert. Nach dem Essen stiegen wir auf Mopeds um und brachen in Richtung Urwald auf. Dafür mussten wir die Mopeds über einen relativ flachen, aber breiten Fluss bugsieren. Ich war sehr überrascht, als einige unserer Begleitpersonen einfach durch den knietiefen Fluss fuhren. Ein paar Kinder, die in der Fuhrt spielten, halfen uns dann dabei, eine vertäute Fähre startklar zu machen, mit der wir die Mopeds über den Fluss schoben.

Danach folgte eine halbstündige Fahrt durch ein brandgerodetes Gebiet mit Wasserbüffeln am Straßenrand und kleinen Häusern aus Wellblech und Holz. Die Straße wand sich über einen Hügel nach dem anderen. In der Ferne konnte man die näherkommende Waldgrenze sehen. Angekommen stiegen wir ab und begaben uns auf einen zugewachsenen Pfad in den Wald. Es war unfassbar schwül und mein Mückenspray musste Überstunden machen, um die ganzen Insekten abzuwehren, die um unsere Köpfe schwirrten. Wegen der Hitze entschieden wir uns dazu, nur einen kurzen Rundweg zu laufen. Nach einer Viertelstunde kamen wir zu einem Fluss. Zwei Guides bauten dort ein kleines Floß aus zwei Bambusstämmen. Mein Mitfreiwilliger Nicolas und ich durften dann auf dem Bambusfloß zurück zum Startpunkt unserer kleinen Wanderung fahren. Ich war lange nicht mehr so glücklich wie in diesem Moment, als ich komplett nass und mit meinen Beinen im brackig-kalten Wasser baumelnd auf dem Fluss trieb.

Arbeit und Alltag in Phnom Penh

Nach weiteren zehn Stunden Busfahrt empfing mich schon wieder der Alltag in Phnom Penh. Normalerweise ist das Leben deutlich weniger aufregend. Ich stehe um acht Uhr auf, esse etwas Obst zum Frühstück, am liebsten Ananas, mache mich bereit für die Arbeit, schlängele mich 25 Minuten durch den dichten Verkehr und fange um neun Uhr an zu arbeiten. Ich schreibe vor allem Berichte und helfe meinem Mentor Borey bei verschiedenen Arbeiten, die in einer NGO so anfallen. Dokumente müssen gescannt, Teilnehmerlisten ausgewertet werden, Geld für die nächste Aktivität muss angefragt werden usw. Zu Mittag esse ich an Arbeitstagen immer am selben Ort. In der Nähe des Büros gibt es eine Kantine, die so gutes (und preiswertes) Essen anbietet, dass fast der ganze Bezirk dort zu Mittag isst. Wenn man später als 12:30 Uhr dort hingeht, muss man damit rechnen, dass viele Gerichte schon ausverkauft sind. Nach der Arbeit treffe ich mich häufig mit Freund*innen, um Sport zu machen.

Ich arbeite mit Borey an einem Projekt, das darauf abzielt, Jugendliche und junge Erwachsene dazu zu befähigen, sich für Klima- und Umweltschutz einzusetzen. Dafür vernetzen wir Schulen, Lehrkräfte, Jugendliche und Kommunalpolitker*innen. In den Schulen soll Klimawandel in die Lehrpläne aufgenommen werden und Jugendliche von YCC führen Unterrichtseinheiten zum Thema Klimawandel durch. Die Jugendlichen dürfen außerdem an Kommunalräten teilnehmen. Aber noch ist es ein weiter Weg, bis ihre Stimme dort nicht nur wahrgenommen, sondern auch in Entscheidungsprozesse einbezogen wird.

Von Paul Lehmann

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Kleinbäuerin Claudine Hashazinyange mit Avocados vom Baum ihres Schwiegervaters. Schülerinnen in Äthiopien

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