Blog-Beitrag

11 Schritte der Hungerbekämpfung

Der Welternährungstag hat wieder deutlich gemacht, dass es immer schwieriger wird, den Hunger bis zum Jahr 2030 zu beenden. Seit fünf Jahren steigen die Zahlen wieder an - auf nun 690 Millionen. Ohne die Berücksichtigung der Auswirkungen von Corona. Brot für die Welt und andere Entwicklungsorganisationen haben 11 Schritte identifiziert, die zeigen, wie eine wirksame Hungerbekämpfung gelingen kann.

Von Dr. Bernhard Walter am
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Dr. Bernhard Walter Referent Ernährungssicherheit
Telefon: +49 (0) 30 65211-1821 bernhard.walter@brot-fuer-die-welt.de
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Die Covid-19-Pandemie und die Maßnahmen zu ihrer Eindämmung haben deutlich gemacht, wie ungleich und krisenanfällig das globale Ernährungssystem ist. Weitere Millionen marginalisierter und armer Menschen sind in Hungersnot geraten. Die Weltgemeinschaft entfernt sich noch weiter von dem Ziel, den Hunger bis 2030 zu beenden. Es ist nun entscheidend, welche Antworten und Lösungen für diese Krise die Regierungen weltweit gemeinsam finden werden. Es ist jedoch keine Lösung, nach einer Überwindung der Corona-Krise, wieder zur Normalität zurückzukehren, denn die Normalität ist genau das Problem. Brot für die Welt ist überzeugt, dass eine nachhaltige Lösung der Welternährungsprobleme nur möglich wird, wenn die Strategien gegen Hunger neu ausgerichtet werden. Wir fordern die UN und die Bundesregierung auf, die folgenden 11 Empfehlungen umzusetzen und die politischen Voraussetzungen zu schaffen, um die globale Ernährungssysteme grundlegend umzugestalten. Sie müssen ökologisch, gerecht, gesund und demokratisch werden.  

1) Mit Menschenrechten gegen den Hunger

Die Verwirklichung der Rechte von ausgegrenzten und benachteiligten Menschen muss an erster Stelle stehen. Dafür muss den Hungernden und Fehlernährten die Rolle von aktiv handelnden Subjekten der Hungerbekämpfung zugestanden werden: Nach dem Grundsatz „Nichts über uns ohne uns“ müssen alle Förderansätze an den realen Bedürfnissen der vulnerablen Gruppen ausgerichtet werden.

2) Agrarökologie statt Agrobusiness fördern

Die Bundesregierung muss den Aufbau von ökologischen, gerechten und widerstandsfähigen Ernährungssystemen auf lokaler und regionaler Ebene unterstützen, die die Interessen von Kleinbäuer*innen und Arbeiter*innen vor die Profitinteressen der Agrar- und Lebensmittelindustrie stellen. Bäuerliche Betriebe könnten so erhalten und Arbeitsplätze geschaffen werden. Jugendliche würden eine Lebensperspektive auf dem Land bekommen. Das BMZ sollte deshalb systematisch agrarökologische Ansätze fördern.

3) Land umverteilen statt Landkonzentration vorantreiben

Land ist Leben. Es bildet eine wichtige Grundlage, nicht nur für das Recht auf Nahrung, sondern auch für das Recht auf Wohnen, auf Wasser und auf ein Leben in Würde. Land sollte keine Ware und schon gar keine Kapitalanlage sein, dies gilt für Stadt und Land. Die Landkonzentration hat in den letzten Jahren wieder rasant zugenommen und Land ist extrem ungleich verteilt. Ein Prozent der Betriebe Lateinamerikas verfügt über genauso viel Land wie die restlichen 99 Prozent. Frauen verfügen über weniger Land als Männer. Diese Landprobleme hängen auch damit zusammen, dass die Entwicklungshilfe in den letzten zehn Jahren verstärkt großflächige Landinvestitionen gefördert hat. Das BMZ sollte menschenrechtsbasierten Landpolitiken endlich wieder eine zentrale Bedeutung beimessen.

4) Saatgutvielfalt statt (alte und neue) Gentechnik und Patente

Die Grüne Revolution und der Einsatz von Gentechnik fördern die Uniformität beim Saatgut und im Anbau, die biologische und genetische Vielfalt gehen dabei verloren. Patent- und Saatgutgesetze schützen Konzernprofite und können kleinbäuerliche Erzeuger*innen daran hindern, Saatgut zu erhalten, zu handeln und zu tauschen und einen Teil ihrer Ernte als Aussaat für die nächste Ernte zu verwenden. Dabei stammt mehr als 80 Prozent des Saatguts für den Anbau von Lebensmitteln im globalen Süden von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern. Die Bundesregierung sollte den Erhalt der biologischen Vielfalt und der Saatgutvielfalt ins Zentrum ihrer Anstrengungen stellen und den Anbau von traditionellen Sorten finanziell fördern.

5) Agrarökologische Klimaanpassung statt Klima anheizen durch Agrobusiness!

Die industrialisierte Landwirtschaft und der weltweite Handel mit Agrarrohstoffen gefährdet das Klima: In den letzten Jahren wurde die Anbaufläche vor allem für Soja und Palmöl immer weiter ausgeweitet. Beim Anbau von Futtermitteln für die Massentierhaltung und anderen Agrarrohstoffen kommen gewaltige Mengen an chemisch-synthetischem Mineraldünger und Pestiziden zum Einsatz, die unter dem Einsatz von fossiler Energie gewonnen werden. Noch immer werden tropische Regenwälder und andere ökologisch wertvolle Gebiete in Ackerflächen und Plantagen für diese klimaschädliche Art von Landwirtschaft umgewandelt. Dabei könnte eine andere Art der Landbewirtschaftung das Gegenteil bewirken und erheblich zum Klima- und Biodiversitätsschutz beitragen. Bei agrarökologischen Ansätzen wird vielfältiges Saatgut eingesetzt, die Bodenfruchtbarkeit verbessert und Humus im Boden aufgebaut. Dies bringt viele Vorteile: stabilere Ernten, weniger Krankheits- und Schädlingsdruck sowie eine verbesserte Wasserregulierung und mehr gespeicherter Kohlenstoff im Boden. Die Bundesregierung sollte sich deswegen national und international für Agrarökologie als zentrales Förderkonzept bei Klimaschutz und Klimaanpassung im Agrar- und Ernährungsbereich einsetzen.

6) Menschenwürdige Arbeitsbedingungen statt Hungerlöhne

Weltweit leiden viele Landarbeiter*innen unter katastrophalen Arbeits- und Lebensbedingungen und sind hochgefährlichen Pestiziden ausgesetzt. Viele sind weder sozial abgesichert noch staatlich registriert. Oft werden sie unterdrückt, sobald sie sich in Gewerkschaften oder anderen Organisationen zusammenschließen. Sie gehören zu den ärmsten Menschen im ländlichen Raum, und viele von ihnen hungern - obwohl sie dort leben, wo Lebensmittel produziert werden oder diese gar selbst für internationale Märkte produzieren. Die Corona-Krise hat gezeigt, dass selbst in Hochlohnländern wie Deutschland Landarbeiter*innen zu billigen Produktionsfaktoren degradiert sind. Das BMZ sollte sich zunehmend für existenzsichernde Löhne in der Landwirtschaft einsetzen. Entscheidend ist, ein Dialog mit Agrargewerkschaften vor Ort, der bislang vernachlässigt wird.

7) Nachhaltige, lokale & regionale Ernährungssysteme statt Abhängigkeit von krisenanfälligen Weltagrarmärkten

Der forcierte Abbau von Schutzzöllen und die marktradikale Freihandelspolitik haben viele Länder des globalen Südens abhängig von Nahrungsmittelimporten und Weltagrarmärkten gemacht. Das hat lokale Ernährungssysteme zerstört und kleinbäuerliche Erzeuger*innen und Viehhalter*innen verdrängt, die für den lokalen Markt produzierten. Gleichzeitig hat die Macht von multinationalen Konzernen zugenommen, sie kontrollieren wichtige Märkte vom Acker bis zur Ladentheke. Zudem schafft die Politik Anreize für bäuerliche Erzeuger*innen, sich auf einzelne Agrarprodukte für den Export zu spezialisieren, statt die einheimische Bevölkerung mit vielfältigen Lebensmitteln zu versorgen. Gerade in der Corona-Pandemie zeigt sich, wie wichtig eine stabile und krisensichere Versorgung mit gesunden Lebensmitteln für eine gute Ernährung ist. Es müssen daher – bei uns und weltweit – politische Anreize für regionale und ökologische Wertschöpfungsketten und existenzsichernden Preisen geschaffen werden.

8) Gerechter Agrarhandel statt neo-liberale Agrarhandelspolitik

Seit Jahrzehnten treiben Internationale Organisationen wie der Internationale Währungsfonds, die Weltbank und die Welthandelsorganisation als auch Regierungen in Industrie- und Schwellenländern auf allen Ebenen eine neo-liberale Handelspolitik voran, die an den Interessen der großen Konzerne ausgerichtet ist und die soziale Ungleichheit verschärft. Es sollten aber alternative Ansätze entwickelt werden, die den Handel mit Gütern auf ein Niveau beschränkt, der die planetarischen Grenzen sowie Menschen- bzw. Arbeitsrechte respektiert.

9) Vorrang der Menschenrechte vor Profitgier, Nahrungsmittelspekulation und Schuldendienst

Mit Essen spielt man nicht! Das gilt bei den Warenterminmärkten spätestens seit Anfang 2000 nicht mehr. Agrarkonzerne, Hedge- und Investmentfonds und andere Finanzakteure spekulieren mit Lebensmitteln oder Land. Die EU hat mit einer Finanzmarktrichtlinie den Wertpapierhandel unter dem Begriff reguliert. Doch diese Regelung enthält zu viele Schlupflöcher. Die Bundesregierung sollte sich dafür einsetzen, dass die Schlupflöcher geschlossen und niedrigere Positionslimits festgelegt werden, d.h. die maximal erlaubte Anzahl von Warenterminkontrakten für den Handel mit einer bestimmten Ware herabgesetzt werden. Entwicklungsinstitutionen wie die Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft DEG sollten ihre Beteiligung an Investmentfonds, die mit Landbesitz spekulieren, einstellen. 

Bereits vor Ausbruch der Corona-Pandemie war die Verschuldungssituation in 124 von 154 untersuchten Entwicklungs- und Schwellenländern kritisch. Der Zusammenbruch der Wirtschaft, Rezessionen und die Kapitalflucht in sichere Währungen schränken die Handlungsfähigkeit vieler Länder noch weiter ein. Die verschuldeten Länder haben beispielsweise zu wenig Spielraum für Investitionen in Gesundheitsversorgung, Bildung und soziale Absicherung. Die Bundesregierung sollte deswegen ärmeren Ländern alle Schuldendienstzahlungen bis mindestens 2022 erlassen und den Vorrang der Menschenrechte über den Schuldendienst anerkennen und sich ebenso für ein faires und geordnetes Staateninsolvenzverfahren unter dem Dach der UN einsetzen.

10) Rechte von Frauen stärken statt patriarchale Strukturen stützen

Überall auf der Welt sichern vor allem Frauen die Ernährung ihrer Familien. Trotzdem sind Bäuerinnen oft nicht anerkannt, weil Landwirtschaft weltweit männlich geprägt ist. Patriarchale Strukturen erschweren oder unterbinden gar ihre Teilhabe und machen die Arbeit der Frauen unsichtbar. Die damit verbundene strukturelle Benachteiligung verhindert, dass Frauen all ihre Potentiale und Fähigkeiten zur Überwindung des Hungers einsetzen können. Das BMZ solle mehr investieren in Projekte, die schwerpunktmäßig Frauen fördern. Vor allem im Agrarbereich.

11) Soziale Sicherung ausbauen

Die internationale Gemeinschaft hat sich dazu verpflichtet, sozialen Basisschutz für alle Menschen sicherzustellen. Nur 0,23 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts wären notwendig, um soziale Grundsicherung in den 57 Ländern mit niedrigstem Einkommen sicherzustellen und damit allen Menschen in diesen Ländern auf dem Land und in der Stadt das Recht auf Nahrung zu gewährleisten. Doch dieses Ziel wird bislang verfehlt. Noch immer verdienen viele Menschen zu wenig Geld, um sich und ihre Familien zu ernähren, insbesondere jene, die im informellen Sektor arbeiten, im Arbeitsleben diskriminiert werden und aufgrund einer Behinderung oder ihres Alters keine Arbeit finden oder nicht mehr arbeiten können. Deshalb muss man das Recht auf soziale Sicherheit und das Recht auf Nahrung zusammen betrachten. Um allen den Zugang zu angemessener und ausreichender Nahrung flächendeckend und situationsunabhängig sicherzustellen, sind rechtebasierte, universelle soziale Sicherungssysteme unabdingbar.

Mehr Informationen zu den 11 Schritten finden Sie in dem Positionspapier Welternährung.

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