Samrotul Puadah lebt in Bojong, einem Dorf im Süden der indonesischen Insel Java. Infolge der Klimakrise tritt der Fluss neben ihrem Haus immer häufiger über die Ufer.
© Emily Macinnes/Brot für die Welt
In einem Modellprojekt auf der indonesischen Insel Java lernen Bäuerinnen und Bauern, wie sie trotz Klimakrise erfolgreich Landwirtschaft betreiben können. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf jungen Menschen.
Mit einem langen Lineal steht Samrotul Puadah vor dem Flipchart und erläutert die Zahlenkolonnen, die sie zuvor mit sauberer Handschrift auf einen großen Bogen Papier geschrieben hat. Ihre Haltung ist aufrecht, ihre Stimme laut und deutlich. Die 24-Jährige wirkt selbstbewusst und sachkundig. Rund 20 Männer und Frauen sitzen vor ihr auf dem Boden des Versammlungsraums und folgen aufmerksam ihren Erklärungen.
Kurz zuvor sind die Bäuerinnen und Bauern noch in Gummistiefeln durch das Modellreisfeld gestapft, das die Organisation JAMTANI unweit des Küstenorts Pangandaran auf der indonesischen Insel Java angelegt hat. Ausgestattet mit Stift, Papier und Maßband haben sie fast zwei Stunden lang die 1.400 Quadratmeter große Anbaufläche durchkämmt, auf der acht verschiedene Reissorten wachsen. Sie haben die Höhe der Pflanzen ebenso festgehalten wie die Zahl der Rispen pro Pflanze und die Zahl der Körner pro Rispe. Sie haben nach Schädlingen Ausschau gehalten, Temperatur und Luftfeuchtigkeit gemessen, ph-Wert und Salzgehalt des Bodens ermittelt.
Samrotul Puadah und die anderen Anwesenden besuchen die „Klimafeldschule“ von JAMTANI, einer Partnerorganisation von Brot für die Welt. Es ist eine Schule für Erwachsene. Feldschule nennt sie sich, weil der praktische Unterricht im Freien im Vordergrund steht, Klimafeldschule, weil es insbesondere um die Frage geht, wie sich trotz veränderter Klimabedingungen erfolgreich und nachhaltig Landwirtschaft betreiben lässt. Das Besondere an dem Konzept ist: Die Teilnehmenden werden selbst zu Forschenden. In Zusammenarbeit mit einer staatlichen Universität bauen sie alte und neue Reissorten an, beobachten, messen, werten aus – und entscheiden dann auf Basis der Ergebnisse, welche Reissorte sie auf ihrem eigenen Feld anpflanzen.
Samrotul Puadah stammt aus Bojong, einem von sieben Dörfern, die JAMTANI für das Projekt ausgewählt hat, weil sie durch den Klimawandel besonders gefährdet sind. 85 Prozent der Menschen hier leben vom Reisanbau, so auch Samrotuls Vater Didi Rohendi. Immer häufiger kommt es in der Region zu Dürren oder Überschwemmungen; 2021 verlor die Familie dadurch fast ihre gesamte Ernte. Wie so viele junge Menschen wollte Samrotul Puadah schon in die Stadt ziehen. Auf dem Land sah sie für sich keine Perspektive. Doch dann nahm sie an einer Fortbildung von JAMTANI teil. An das erste Treffen erinnert sie sich noch gut: „Wollt ihr wirklich in einer Fabrik für den Mindestlohn arbeiten?“, seien die Teilnehmenden gefragt worden. „Warum bleibt ihr nicht hier? Lebensmittel sind kein Trend, der vorübergeht. Sie werden immer benötigt werden.“ Diese Sätze hätten ihr die Augen geöffnet, sagt Samrotul Puadah.
Gemeinsam mit sechs anderen jungen Leuten aus dem Dorf pachtete Samrotul Puadah ein kleines Stück Land. Dort wachsen inzwischen in sehr geraden Reihen Chilischoten, Ingwer, Salat, Auberginen, Wasserspinat und rote Zwiebeln. Finanzieren konnte die Gruppe das dank des Preisgelds, das sie bei einem Ideenwettbewerb gewonnen hatte. JAMTANI hatte ihn zusammen mit dem Seminar für Ländliche Entwicklung der Humboldt-Universität Berlin und der Internationalen Klimaschutzinitiative ausgerufen. Gesucht waren zukunftsweisende Ansätze für eine emissionsneutrale Landwirtschaft. Samrotul und ihre Gruppe hatten die Idee, Fliegenlarven zu züchten und diese als organischen Dünger für den Gemüseanbau zu nutzen.
Das erste Gemüse hat Samrotul Puadah bereits verkauft. Aber noch sei sie dabei, sich einen festen Kundenstamm aufzubauen, sagt sie. An Ideen mangelt es ihr nicht: Die vielen Schulküchen, die überall im Land entstehen, seitdem die Regierung das kostenlose Mittagessen für Schulkinder eingeführt hat, könnten dankbare Abnehmer sein. Aber auch die Touristinnen und Touristen, die die nahegelegenen Wasserfälle besuchen. Wenn das Geschäft gut laufe, könne ihr Mann vielleicht seinen Job als Anstreicher aufgeben und sie bei der Arbeit unterstützen, sagt Samrotul Puadah. Dann hätten sie ein stabiles Einkommen und könnten Tochter Noora eine gute Zukunft bieten. Dass das gelingen kann, davon ist auch Projektkoordinator Feri Rianto überzeugt. „Ich sehe noch viel Potenzial – sowohl für Samrotul als auch für das ganze Dorf. Ich bin sicher, gemeinsam können wir noch viel erreichen.“
Hinweis: Die Spendenbeispiele sind symbolisch. Durch Ihre zweckungebundene Spende ermöglichen Sie uns dort zu helfen, wo es am dringendsten ist.
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