Die 16-jährige Anabella Jazmin Muñoz spielt am 12. November 2025 in ihrem Zimmer zu Hause in General Pacheco, Provinz Buenos Aires, Argentinien, Bass. Partnerorganisation: FHdO

Musik als Chance

Auf dem Weg ins Erwachsenenleben haben Kinder und Jugendliche am Stadtrand von Buenos Aires viele Hindernisse zu überwinden. Ein Projekt hilft ihnen, einen Ausweg aus Armut und Gewalt zu finden. Es nutzt die Kraft der Musik.

Celli, Geigen und Gitarren

Ihre Fingerspitzen lassen Basssaiten erklingen. Ihr Blick ist konzentriert, die Augen verschwinden hinter Brillengläsern. Neben ihr bauen Jugendliche ein Schlagzeug auf, rücken Stühle in einem Halbkreis ums Dirigentenpult, plaudern, stimmen Celli, Geigen und Gitarren. Zwischendrin erste Akkorde des Liedes „La vida es un carnaval“, das Leben ist ein Karneval. Jazmin Muñoz, 16 Jahre alt, schlägt die Partitur auf und überfliegt ihre Passagen. Was sich später gewaltig anhören wird, nach Tanzen und manchmal auch Lachen, liegt geordnet vor ihr. Dann tritt Dirigent Emilio Pagano ans Pult. Er ruft: „Ruhe bitte!“ Alles verstummt. Die Probe beginnt.

Das Schicksal in die eigene Hand nehmen

Seit sechs Jahren spielt Jazmin Muñoz im Orchester des Gemeindezentrums Acción Social Ecuménica (ASE), einem von fünf Jugendzentren, die die protestantische Stiftung Hora de Obrar („Zeit zu handeln“) mit finanzieller Unterstützung von Brot für die Welt fördert. Standort ist San Fernando, ein Viertel im Norden der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires. Kinder und Jugendliche erhalten hier zwei Mal die Woche kostenlosen Musikunterricht. Sie sind zwischen zwölf und 22 Jahre alt. Manche kommen in ausgefallenem Style, andere sind eher unauffällig, beinahe unscheinbar. Eines aber haben sie gemeinsam: ein Leben, das aus dem Takt geraten ist – oder nie einen hatte. Drogen, Alkohol oder Gewalt in der Familie kennen viele von ihnen, Armut alle. Das Orchester hilft ihnen, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen.

„Im Leben ist niemand allein“

Den Blick halb auf die Noten, halb auf den Dirigenten gerichtet, spielen die Jugendlichen das Lied, das sie vor Probenbeginn anklingen ließen. Der Raum füllt sich mit Klangschichten. Vorne Violinen und Celli, hinten Trompeten und Gitarren. Schlagzeug und Bass halten den Takt. Eine Singstimme gibt es nicht, doch jedes Kind kennt den Text. Auch Jazmin Muñoz wippt mit dem Fuß, hat die Zeilen im Kopf: „Alle, die denken, sie seien allein und es ginge ihnen schlecht, sollen wissen, dass dies nicht so ist, im Leben ist niemand allein, immer ist jemand da.“ Vor fünf Jahren starb Jazmin Muñoz' Stiefvater an Krebs. Seit Jazmin eineinhalb Jahre alt war, gehörte er zur Familie. Sie trägt seine Ringe an einer Kette um den Hals. Wenn sie sich beim Bassspielen sehr konzentriert, steckt sie die Ringe zwischen die Lippen.

 

Unbeirrbar den eigenen Weg gehen

Sabino Ayala hört von der Treppe aus zu. Er ist Pastor, 68 Jahre alt. Vor 27 Jahren hat er ASE gegründet, vor 13 Jahren das Orchester. Der erste Dirigent schmiss schon nach wenigen Monaten hin. „Die Kinder waren aggressiv, beleidigten sich und konnten nicht still sein“, sagt Ayala. „In ihrem Leben gab es keine Beständigkeit. Sie wussten nicht, ob sie morgen Geld für die Busfahrt zur Schule haben, manchmal nicht einmal fürs Essen.“ Hindernisse waren ihnen vertraut, Hilfe kaum. Auf den kostenlosen Musikunterricht ließen sie sich daher nur allmählich ein. Doch sie kamen – immer wieder. Sie lernten, verlässlich zu sein. Ihr Leben bekam einen Rhythmus. 

Selbstdiszipliniert und verantwortungsbewusst

Wenn Jazmins Mutter von ihrer Tochter spricht, weint sie vor Stolz. Sie sagt: „Jazmin macht mein Leben leichter. Einen Großteil ihrer Persönlichkeit hat sie vom Orchester. Ihr Verantwortungsbewusstsein, ihre Disziplin.“ Im Orchester liefert der Bass ihrer Tochter den Grundton. Bei den Proben wippt Jazmin Muñoz mit dem Kopf. Neben ihr spielt der Gitarrist Eric, der seine ganze Kindheit lang dachte, er sei wertlos. Ein paar Stühle weiter die Violinistin Daiana, die ohne Eltern aufwuchs und ihre Schultern immer ein Stück nach oben zieht. Und so viele mehr. Ein Raum voller Schicksale – doch sie alle haben einen Weg gefunden, damit umzugehen. Wut und Enttäuschung, Schmerz, aber auch Hoffnung fließen in die Musik. Die Melodie ist nicht traurig, im Gegenteil, sie sprüht vor Leben. „La vida es un carnaval“ endet mit einem letzten hohen Ton. Jazmin Muñoz streckt die Finger von sich. Lächelnd klappt sie die Partitur zu. Der Text klingt in ihr nach: „Weine nicht, das Leben ist ein Karneval. Und die Sorgen vergehen, wenn man singt.“

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Die 16-jährige Anabella Jazmin Muñoz während ihres Unterrichts mit einigen Freunden im ASE-Zentrum in San Fernando, Provinz Buenos Aires, Argentinien, am 18. November 2025. Partnerorganisation: FHdO Ein Wandbild, das von den Jugendlichen der ASE am 10. November 2025 in San Fernando, Provinz Buenos Aires, Argentinien, gemalt wurde. Partnerorganisation: FHdO

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