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Zwischen Sarkasmus und Perspektivlosigkeit

Gemeinsam mit Brot für die Welt setzt die libanesische Organisation ARCPA/Al-Jana ein dreijähriges, durch die EU gefördertes Projekt, um. Ziel ist die Stärkung des sozialen Zusammenhalts in einem Land, das seit Jahrzehnten von religiösen und ethnischen Spannungen sowie multiplen Krisen geprägt ist. Wie funktioniert in diesem Kontext internationale Projektpartnerschaft?

 

Von Sabine Schwirner am
FANN Project LBN, Saida

Auf dem Oud Music Festival in Saida, Libanon, im Juni 2026

Ich treffe mich online mit meinem Projektpartner in unserem monatlichen Koordinierungstreffen, um über die aktuelle Lage im Libanon und die anstehenden Projektaktivitäten zu sprechen. In den letzten Monaten ist es meist ein ähnliches Bild: Die Augenringe der Mitarbeitenden werden tiefer, der Humor sarkastischer: „Ja, wir leben immer noch, keiner weiß warum“, grinst mich Hicham, Projektleiter der libanesischen Organisation Arab Center for Popular Arts (ARCPA), durch die Kamera an. „Der Beschuss gestern war wieder intensiv, wir sind inzwischen schon alle Expert*innen dafür, Ort und Art der Einschläge am Geräusch zu erkennen.“ Eine Aussage, die ich von vielen Menschen aus Kriegsgebieten kenne.

Gemeinsam mit Brot für die Welt setzt ARCPA seit dem 1. April 2025 ein dreijähriges EU-Drittmittelprojekt um. Ziel ist die Stärkung des sozialen Zusammenhalts in einem Land, das seit Jahrzehnten von religiösen und ethnischen Spannungen sowie seit 2019 von multiplen politischen und wirtschaftlichen Krisen geprägt ist. Auch hinsichtlich des Umgangs mit den rund 200.000 palästinensischen Flüchtlingen und ihre Nachkommen, die seit Generationen im Libanon leben sowie etwa 1,5 Millionen Syrer*innen, die seit Ausbruch des Bürgerkrieges 2011 in den Libanon geflüchtet sind, ist die Gesellschaft tief gespalten.

Tägliche Anpassung an die Sicherheitslage

Nach ein paar Minuten bin ich die Einzige, die mit der Kamera dazugeschaltet ist. Seit dem Eintritt der Hisbollah in den letzten Krieg Israels und der USA gegen den Iran am 2. März 2026 und den Bombardierungen durch die israelische Armee ist das Internet oft überlastet oder bricht ganz zusammen. Für das lokale Projektteam bedeutet dies eine enorme Einschränkung ihrer Arbeit, da sie in verschiedenen Landesteilen leben und aufgrund der Sicherheitslage nicht immer den täglichen Weg ins Beiruter Büro auf sich nehmen können.

Den Vereinten Nationen zufolge sind seit Kriegsbeginn bis zum 27.Juni 2026 mindestens 12.200 Menschen verletzt und mehr als 4.300 getötet worden. Zudem wurden etwa 1,2 Millionen Menschen aus dem Süden des Libanon vertrieben. Viele können weder zurückkehren noch ihre zerstörten Häuser wieder aufbauen. Bei einer Gesamtbevölkerung von rund sieben Millionen Menschen ist nahezu jede*r entweder selbst oder im nahen sozialen Umfeld davon betroffen.

Versorgung Intern Vertriebener ohne staatliche Perspektive

Hicham und sein Kollege Atef, Jugendkoordinator bei ARCPA, wirken gleichzeitig hochmotiviert und zutiefst erschöpft. Als ich frage, wie sich die Arbeit in den letzten Jahren verändert habe, zucken sie nur mit den Schultern: Das Land ist nicht erst seit Beginn der Wirtschaftskrise 2019 belastet, sondern seit Jahrzehnten von Kriegen betroffen. „Wir kennen das bereits und haben viel Erfahrung damit gesammelt.“

Heute informieren sie mich darüber, welche Auswirkungen der neueste Waffenstillstand vom 15. Juni zwischen den USA und dem Iran, in den auch der Libanon aufgenommen wurde, auf unsere Projektarbeit haben könnte. Geplante Aktivitäten müssen oft kurzfristig umgeplant werden. An diesem Wochenende, dem 27./28.Juni sollte ein Musikfestival gemeinsam mit dem Siblin-Ausbildungszentrum (UNWRA) stattfinden, das derzeit 1.200 Intern Vertriebene aufgenommen hat. Mehr als die Hälfte von ihnen hat die Notunterkunft nun in den letzten drei Tagen verlassen, um in ihre Heimatdörfer im Süden zurückzukehren. Hicham und Atef sind jedoch wenig zuversichtlich: Die Bombardierungen gehen weiter, die Unsicherheit bleibt und die Zerstörung von Häusern schreitet voran. „Wir wissen, dass die meisten nach wenigen Tagen zurückkehren werden, weil ihnen entweder der Zugang zu ihren Ortschaften durch die israelische Armee verwehrt wird oder diese komplett zerstört sind.“ Wie der Alltag in den aufnehmenden Gemeinden langfristig aussehen soll, dazu gibt es bisher keinen staatlichen Plan.

Soziale Spaltung – Kunst als verbindendes und heilendes Element

Deshalb möchten sie die Aktivitäten kurzfristig an einen anderen Ort verlegen. Der Bedarf nach kulturellen Angeboten und Ablenkung von der Kriegssituation ist in den ländlichen Regionen groß. Die Organisation arbeitet flexibel und kann Veranstaltungen für mehrere hundert Teilnehmende innerhalb weniger Tage an einen anderen Ort verlegen. Meine Aufgabe besteht darin, zu prüfen, wie sich diese Änderungen mit dem finanziellen und inhaltlichen Projektplan vereinbaren lassen und diese gegenüber der EU-Delegation zu kommunizieren.

Möglich wird diese Flexibilität durch die enge Kooperation mit lokalen Behörden, die kulturelle Angebote in ihren Gemeinden unterstützen. Zeichnen, Musikabende für junge Talente, Storytelling oder Puppentheater schaffen Räume, in denen Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammenkommen. Kreativität sowie Geschichten und Lieder aus unterschiedlichen Traditionen verbinden und eröffnen Perspektiven inmitten von Zerstörung und Unsicherheit. Ebenso wichtig ist die große Nähe zu den Gemeinden. „Unser Team stammt selbst aus betroffenen Gemeinden, und so sehr dies auch eine Bedrohung für die Mitarbeitenden und unsere Arbeit darstellt, ist es doch zugleich eine großartige Gelegenheit, kontextbezogene Maßnahmen zu ergreifen“, sagt Atef. Viele Mitarbeitende von ARCPA sind palästinensischer oder syrischer Herkunft. Sie kennen das Leben in den Flüchtlingslagern, waren teilweise selbst von Evakuierungen betroffen und wissen, was es bedeutet, aufgrund ihrer Herkunft Diskriminierung oder nur begrenzten Zugang zum Arbeitsmarkt zu erfahren. Auch im Rahmen unseres Projektes können wir die Mitarbeitenden palästinensischer und syrischer Herkunft nicht festanstellen. Eine Mitarbeit ist nur über Sonderregelungen und Honorarverträge möglich, da der libanesische Staat dies rechtlich nicht zulässt.

Zusammenarbeit in Krisenzeiten – Anspruch und Machbarkeit

Was bedeutet es für ein Projektteam, wenn die Mitarbeitenden der einen Organisation in Sicherheit in Deutschland arbeiten und die anderen im Krieg und in stetiger Unsicherheit, wie aktuell im Libanon, leben? Eine altbekannte Frage in gemeinsamen Projekten von Organisationen des globalen Nordens und Südens. Solidarische Worte sind wichtig, stoßen jedoch schnell an ihre Grenzen. Die Unterschiede beginnen bei der technischen Infrastruktur, setzen sich in der Planbarkeit des Arbeitsalltags fort und zeigen sich schließlich in den Anforderungen des Mittelgebers. So verlangt die EU-Delegation beispielsweise, Projektaktivitäten und Social-Media-Ankündigungen zwei bis drei Wochen im Voraus anzumelden – ein Anspruch, der in einer sich täglich verändernden Kriegssituation kaum umsetzbar ist.
Am Ende unseres Online-Gesprächs frage ich nach einem möglichen nächsten Treffen und den Schließzeiten im Sommer. Hicham entgegnet mir: „Genieß deinen Urlaub. Wir wissen nicht, wohin; daher ziehen wir es vor, weiterzuarbeiten.“

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Kleinbäuerin Claudine Hashazinyange mit Avocados vom Baum ihres Schwiegervaters. Schülerinnen in Äthiopien

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