Frau Niyitegeka, die Loss & Damage Collaboration (L&DC) ist eine relativ junge NGO. Mit welchem Ziel haben Sie sich gegründet?
H.N.: Bisher ging es in der politischen Lobbyarbeit vor allem um Klimaschutz und Anpassung. Wir sehen aber, dass das nicht mehr reicht. Denn die Klimakrise ist kein Zukunftsszenario mehr. Sie ist längst eine Lebensrealität für Millionen von Menschen überall auf der Welt, vor allem aber in den Entwicklungsländern. Extremwetterereignisse nehmen als Folge der globalen Erwärmung zu – und vernichten die Lebensgrundlage vieler Menschen. Stürme fegen ganze Dörfer weg, Fluten und Dürren vernichten Ernten. Das alles passiert nicht in 50 Jahren, sondern heute, während wir hier sprechen. Deshalb reicht es nicht mehr, nur Klimaschutz zu fordern und Resilienz zu stärken. Vielmehr braucht es ein globales Hilfssystem, das tätig wird, wo Menschen infolge der Klimakrise alles verloren haben. Dafür treten wir als Organisation ein.
Können Sie ein Beispiel für eine solche Katastrophe und ihre Folgen nennen?
H.N.: Es gibt unzählige Katastrophen, von Dürren am Horn von Afrika bis zu den jüngsten Überschwemmungen in Pakistan. Besonders heftig war der Zyklon „Freddy“, der 2023 den Südosten Afrikas verwüstete. Malawi traf es besonders hart. Rund eine halbe Million Menschen im Land verloren ihr Zuhause, ungezählte Hektar Ackerland wurden vernichtet, die zivile Infrastruktur großflächig zerstört. Die Folgen waren verheerend. Es fehlte Hunderttausenden an Trinkwasser, Nahrungsmitteln und medizinischer Versorgung. Die Cholera brach aus. Die Kommunikation im Land war lahmgelegt, weil Strom- und Telefonleitungen zerstört waren. Viele Menschen waren wegen der Überschwemmungen für Hilfsmaßnahmen gar nicht zu erreichen. Und das sind nur die direkten Folgen. Langfristig richten der Ausfall von Schulunterricht, der Zusammenbruch der lokalen Wirtschaft, die psychischen Traumata und vieles mehr einen Schaden an, der kaum zu beziffern ist.
Was können Sie tun, um den Opfern eine Stimme zu verleihen?
H.N.: In erster Linie sehen wir es als unsere Aufgabe, ihre Position in internationalen Konferenzen zu stärken. Wir schulen ihre Vertreter*innen und entwickeln gemeinsam mit ihnen kommunikative Strategien, die den Opfern helfen, sich Gehör zu verschaffen. Und wir machen Medienarbeit, um die Weltöffentlichkeit auf das Leid, das die Klimakrise verursacht, aufmerksam zu machen. Das Argument, es gäbe nicht genug Geld, um zu helfen, lassen wir nicht gelten. Selbstverständlich gibt es genug Geld. Es braucht lediglich den politischen Willen, die Verantwortung anzunehmen.
Frau Minninger, Brot für die Welt unterstützt die Arbeit der L&DC seit 2022. Warum ist die Arbeit der NGO aus Ihrer Sicht wichtig?
S.M.: Ein globales Hilfssystem, das nach Klimakatastrophen tätig wird, ist keine Frage von Solidarität, sondern von globaler Gerechtigkeit. Denn die Menschen, die am heftigsten unter den Folgen der Klimakrise leiden, haben am wenigsten zu ihr beigetragen. Zugleich machen viele fossile Unternehmen weiterhin viel Geld mit der Zerstörung unserer Lebensgrundlagen – subventioniert übrigens mit Milliarden an Steuergeldern. Deshalb muss klar sein: Wer sich mit der Ausbeutung fossiler Energien die Taschen vollstopft oder weiterhin die Atmosphäre verschmutzt, muss für die Schäden, die er anrichtet, bezahlen. Um dieser Forderung Nachdruck zu verleihen, braucht es starke zivilgesellschaftliche Allianzen wie die L&DC, mit der wir auf den UN-Klimaverhandlungen eng zusammenarbeiten.
Wie kann ein solches globales Hilfssystem aussehen?
S.M.: Gefordert wurde seit fast 30 Jahren ein globaler Fonds, aus dem der Wiederaufbau und Entschädigung bezahlt werden, wenn es zur Katastrophe kommt. Auf Druck der ärmsten und verletzlichsten Staaten wurde schließlich dieser Fonds zur Bewältigung von Klimaschäden im Jahr 2022, auf der Weltklimakonferenz in Scharm al-Scheich, beschlossen. Das ist auch ein Erfolg der Arbeit der Loss & Damage Collaboration. Das Problem ist nur, dass es dem Fonds an Geld fehlt. Das liegt daran, dass die Industrienationen nach dem Wohltätigkeitsprinzip einzahlen: Man gibt, was man geben möchte. Wir fordern einen völlig anderen Ansatz. Die Mittel des Fonds müssen den tatsächlichen Bedürfnissen entsprechen, die viel höher sind. Und sie müssen von den Industrienationen und von den Unternehmen, die mit der Erderhitzung Geld verdienen, verpflichtend und verbindlich zur Verfügung gestellt werden.
Über wie viel Geld reden wir hier eigentlich?
H.N.: Der jährliche Finanzierungsbedarf für die Bewältigung von klimabedingten Schäden und Verlusten in Entwicklungsländern wird auf 400 bis 900 Milliarden US-Dollar jährlich ab dem Jahr 2030 geschätzt. Bisher wurden 788,8 Millionen US-Dollar in den Fonds für Klimaschäden eingezahlt. Allein Zyklon „Freddy“ richtete Schäden in Höhe von 1,53 Milliarden US-Dollar an. Die internationale Gebergemeinschaft half mit günstigen Krediten für den Wiederaufbau und spendete Geld in Millionenhöhe, womit allerdings nur etwa 24 Prozent des Bedarfs gedeckt wurden. Daran sieht man gut, was es bedeutet, wenn auf Klimaschäden mit Almosen reagiert wird. Die betroffenen Staaten bleiben auf den Schäden, die sie nicht verursacht haben, größtenteils sitzen.
S.M.: Das Problem ist, dass viele globale Entscheidungsträger*innen noch immer nicht verstanden haben, was für ein Problem da auf sie zurollt. Sie sehen in Wetterkatastrophen Schicksalsschläge, die man mit einer kleinen Spende lindern kann. Derweil rechnet die Weltbank, dass bis 2050 mehr als 200 Millionen Menschen ihre Heimat aufgrund des Klimawandels verlassen müssen. Wir sehen das schon heute am Horn von Afrika, wo in den vergangenen Jahren rund 23 Millionen Menschen wegen der anhaltenden Dürre ihre Heimat verlassen mussten. Solche Entwicklungen können in Verteilungskämpfen um Ressourcen und kriegerischen Auseinandersetzungen münden. Zudem bieten diese einen Nährboden für Radikalisierung und Terrorismus. Wenn es erst mal so weit gekommen ist, kann es zu militärischen Interventionen kommen, und die Kosten für die Stabilisierung einer Region steigen enorm. Klimaschutz zu betreiben und ärmste Staaten im Umgang mit der Klimakrise zu unterstützen, ist das Billigste, was wir tun können. Eine solche Politik ist in unserem ureigenen, auch finanziellen, Interesse.
Welche Rolle spielt Deutschland in diesem Ringen um globale Gerechtigkeit?
S.M.: Deutschland hat hier bisher wirklich Pionierarbeit geleistet. So reiste Staatssekretär Jochen Flasbarth mit einer Delegation der Bundesregierung 2023 vor der Weltklimakonferenz in Dubai in die Emirate, um gemeinsam mit dem Gastgeber die erste Zahlung in den Fonds zu planen. Das hatte Vorbildcharakter, viele Länder zogen nach. Deutschland wäre gut beraten, diese internationale Vorreiterrolle nicht aufzugeben, sondern auszubauen.
Frau Niyitegeka, was braucht es, damit Sie Ihre Arbeit fortsetzen können?
H.N.: Natürlich brauchen wir Mittel, um unsere Mitarbeiter*innen bezahlen zu können. In den ersten Monaten haben wir alle ehrenamtlich gearbeitet, aber das ist auf Dauer nicht möglich. Wir benötigen zudem Finanzierung für Coachings, Medienarbeit, Rechtsberatung. Wir senden Vertreter*innen zu internationalen Konferenzen, wo sie ihre Forderungen in den Verhandlungsprozess einbringen. Dass das überhaupt möglich ist, liegt auch daran, dass Brot für die Welt uns – als erste Hilfsorganisation überhaupt – finanziell unterstützt. Mittlerweile sind andere gefolgt. Und so sind wir zuversichtlich. Wir haben in kurzer Zeit viel erreicht.
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