Stimmen, Musik, Hundegebell
… so klingt es, wenn ich morgens die Wohnung verlasse, auf dem Weg zur Arbeit. Direkt vor unserer Haustür beginnt das lebhafte Viertel Kalingalinga. An den vielen Marktständen werden frische Maracujas, frittierte Süßkartoffeln und Vitumbua (frittierte Teigbällchen) verkauft. Für ein paar Kwacha – die sambische Währung – kaufe ich mir bei einer Marktfrau, die ich inzwischen kenne, etwas zum Frühstück. Von allen Seiten hört man Musik: entspannter Pop, Gospelgesänge und immer wieder Yo Maps – der bekannteste sambische Künstler – aus den Boxen der Verkäufer*innen. Auf meinem Weg komme ich an weiteren Ständen, kleinen Läden, Friseursalons und Schüler*innen vorbei. Dabei begegne ich vielen bekannten Gesichtern.
Raus aus Kalingalinga betrete ich das weitläufige, grüne Gelände der University of Zambia. Hier werde ich oft von Studierenden angesprochen, die mich ein Stück begleiten und mir meist etwas Nyanja, eine der lokalen Sprachen hier, beibringen.
Don’t panic – organize
… ein Sticker, den ich auf meiner Arbeit überall sehe – auf Computern, Wänden und Notizbüchern. Und er beschreibt ziemlich gut die Stimmung dort. Sowohl meine Kolleg*innen als auch die Jugendlichen hier sind sehr engagiert. Ich arbeite bei Global Platform Zambia, einem Ort für Jugendliche zum Treffen, Austauschen und Organisieren. Monatlich finden hier sogenannte Hub Activities statt. Das sind verschiedene, von Jugendlichen geplante Projekte zu bestimmten Themen, die sie beschäftigen. Für die organisatorische Planung und Koordinierung der Hub Activities bin ich hauptverantwortlich.
Global Platform ist eine Unterorganisation von ActionAid Zambia. ActionAid beschäftigt sich mit vielen Themen – von klimaanpassender Landwirtschaft über die Bekämpfung geschlechtsspezifischer Gewalt bis hin zu politischer Mitbestimmung Jugendlicher. Dadurch wird auch meine Arbeit nie langweilig. Ich unterstütze meine Kolleginnen bei ihren Projekten und plane gerade auch ein eigenes Projekt zu den Wahlen. Oft bin ich auch als Fotografin unterwegs und bekomme Einblicke in spannende Projekte in ganz Sambia. Erst letztens hatten wir ein interessantes Event, bei dem sich Vertreterinnen aller Parteien getroffen und ausgetauscht – teils auch laut diskutiert – haben. Die Veranstaltung sollte den Dialog zwischen den Parteien vor dem hektischen Wahlkampf stärken.
Jajajajaja…
...ein Laut, den man hier oft hört. Er kann Zustimmung bedeuten, aber auch Zweifel. Man hört ihn überall – in Gesprächen, Diskussionen oder auch bei uns in der Global Platform. Hier wird viel geredet und diskutiert: über Politik, Arbeit oder persönliche Themen. Gerade sind die kommenden Wahlen häufig Gesprächsthema, aber auch Jugendarbeitslosigkeit oder wirtschaftliche Fragen. Bis vor Kurzem war auch Loadshedding ein großes Thema, also geplante Stromabschaltungen. Sambias Strom kommt zu über 85 Prozent aus Wasserkraft, doch durch die Dürre 2024 kam es zu Engpässen. Gerade haben wir aber so gut wie kein Loadshedding mehr – vermutlich wegen der Wahlen, was ein offenes Geheimnis ist.
Ein Gespräch mit einem Kollegen ist mir besonders im Kopf geblieben. Es ging um den Kupferabbau, einen der wichtigsten Wirtschaftszweige Sambias. Viele Minen gehören internationalen Unternehmen, zum Beispiel aus Kanada, der Schweiz oder China. Obwohl sie Steuern zahlen, bleibt nur ein kleiner Teil der Wertschöpfung im Land. Mein Kollege meinte, dass die Minen stärker in sambischer Hand sein sollten und das Kupfer auch vor Ort verarbeitet werden müsste. Solche Gespräche sind ein Grund, warum ich dieses Freiwilligenjahr mache: Sie verändern meinen Blick auf die Welt.
Uli che?
… bedeutet auf Nyanja so viel wie „Wie geht’s?“. So werde ich, gepaart mit einem Handschlag, oft begrüßt, wenn ich nach Hause komme. Abends besuchen uns häufig Freund*innen aus Kalingalinga. Gemeinsam mit meinen Mitbewohnern Valentin und Milan sitzen wir dann zusammen und hören Musik, spielen Karten, kochen und essen. Dieses Gemeinschaftsgefühl schätze ich hier sehr. Generell nehme ich die Menschen, denen ich hier begegne, als sehr offen wahr: Man grüßt sich, geht aufeinander zu und hilft sich gegenseitig. Wenn man mal zu wenig Geld dabei hat, kann man einfach später bezahlen. Und wenn jemand krank ist, spricht sich das schnell herum und alle fragen nach.
Später am Tag gehe ich oft noch einmal mit meinen Freund*innen nach Kalingalinga, um ihre Familien an den Marktständen zu treffen. Ich unterhalte mich mit den Marktfrauen, spiele mit ihren kleinen Geschwistern und helfe beim Einpacken und Verkaufen. Bevor ich dann nach Hause gehe, um zu schlafen, verabschiede ich mich noch mit „Muzalote vivanda“ – Träumt nicht von Geistern.
Von Sophie Froitzheim



