Herr Zaumseil, warum braucht eine Entwicklungsorganisation überhaupt Klimaberater*innen?
Weil die Klimakrise Armut und Ungleichheit verschärft und Entwicklungsfortschritte gefährdet. Sie beeinflusst, wie Menschen essen, lernen, gesund bleiben – und ob sie in ihrer Heimat leben können. Unsere Partnerorganisationen erleben das jeden Tag: Wenn Dürren Ernten vernichten, verlieren Familien Nahrung und Einkommen. Wenn Stürme Straßen zerstören, bleiben Märkte und Krankenhäuser unerreichbar. Wenn Schulen im Wasser stehen, fällt Unterricht aus. Klimarisiken müssen deshalb in vielen Projekten mitgedacht werden.
Wie konkret wirkt sich der Klimawandel auf die Arbeit Ihrer Partnerorganisationen und Brot für die Welt selbst aus?
Die Klimakrise zwingt uns alle, kontinuierlich zu lernen und Strategien anzupassen. Projekte in Ernährung, Bildung oder Gesundheit müssen heute auch Katastrophenvorsorge und langfristige Klimaanpassung integrieren. In der Landwirtschaft geht es nicht mehr nur um höhere Erträge, sondern darum, Felder gegen Extremwetterereignisse zu sichern und Ernten zu stabilisieren. In gefährdeten Regionen gehören Notfallpläne dazu, die im Ernstfall Leben retten. Dafür braucht es viel neues Wissen. Brot für die Welt hat deshalb schon vor rund 15 Jahren gemeinsam mit Partnern Modellvorhaben gestartet, um neue Ansätze zu erproben – vom klimaangepassten Anbau über verbessertes Wassermanagement bis zu flutsicheren Häusern.
Was ist aus diesen Modellprojekten geworden?
Manche haben sich selbst zu Lernorten entwickelt. Ein Beispiel ist das Klimazentrum unseres Partners CCDB in Bangladesch: Dort können Organisationen aus der ganzen Region erleben, wie Entsalzungsanlagen, dürretolerantes Saatgut oder kostengünstige Solaranlagen funktionieren. Zentrale Methoden wie Klimarisikoanalysen wurden weiterentwickelt und werden inzwischen von vielen Partnern genutzt.
Klimarisikoanalyse klingt sehr technisch. Was genau steckt dahinter?
Im Kern geht es darum, Klimaanpassung möglichst passgenau zu planen und dafür auch längerfristige Szenarien in den Blick zu nehmen. Gemeinsam mit den Menschen vor Ort wird geschaut: Welche Gefahren bringt der Klimawandel? Wie verletzlich sind die Gemeinden, zum Beispiel, weil Häuser unsicher gebaut sind oder Felder leicht überflutet werden? Welche Ressourcen haben sie, um sich zu schützen? Die Analysen verbinden aktuelle Klimadaten mit dem Wissen der lokalen Bevölkerung. So entstehen Lösungen, die die Menschen vor Ort selbst umsetzen und weiterentwickeln können.
Wie wirkt sich das konkret auf das Leben der Menschen aus?
Sie werden handlungsfähig. In Kenia etwa hielten Projektgemeinden den Klimawandel lange für Schicksal. Durch die Risikoanalyse und die Arbeit mit unseren Partnern wurde klar: Man kann etwas tun. Das Bewusstsein für Risiken ist gestiegen, die Menschen haben sich organisiert, entwickelten eigene Anpassungspläne und forderten erfolgreich staatliche Unterstützung ein, zum Beispiel für neue Brunnen und kleine Dämme. Gleichzeitig setzten sie selbst Maßnahmen um, wie die Terrassierung ihrer Felder und das Pflanzen von Bäumen gegen Erosion. Heute sind ihre Felder besser geschützt, die Ernten stabiler, und die Ernährung hat sich verbessert.
Welche Rolle spielen Ihre Partner in diesem Prozess?
Unsere Partnerorganisationen sind entscheidende Wissensträger. Sie planen und setzen Projekte mit den Menschen vor Ort um, kennen die lokalen Bedingungen und entwickeln Lösungen, die auch mit einfachen Mitteln funktionieren. Gleichzeitig versuchen sie ihre Regierungen für eine ambitioniertere Klimapolitik in die Pflicht zu nehmen. Unsere Aufgabe ist es, dieses Wissen sichtbar zu machen, den Erfahrungsaustausch zu fördern und neue Kooperationen zu ermöglichen – denn die besten Ideen entstehen oft, wenn unterschiedliche Akteure zusammenarbeiten.
Können Sie ein Beispiel für eine besonders gelungene Kooperation nennen?
In Indonesien haben Partner gemeinsam mit Universitäten eine bäuerliche Feldforschung etabliert. Kleinbäuerinnen und -bauern entwickeln eigene Forschungsfragen, testen Anbautechniken direkt auf ihren Feldern und stärken so ihre Anpassungsfähigkeit. Über unsere Vermittlung entstand eine Kooperation mit der Berliner Humboldt-Universität – das brachte wertvolle wissenschaftliche Unterstützung und internationale Aufmerksamkeit. Entwicklungszusammenarbeit ist immer ein beidseitiger Lernprozess.
Ihre Beispiele zeigen, wie wichtig Anpassung ist. Gibt es Grenzen dieser Strategien?
Ja, wir müssen ehrlich sein: Anpassung hat Grenzen. Wenn Inseln im Meer versinken oder Fischbestände in kühlere Gewässer abwandern, verlieren Menschen ihre Lebensgrundlagen. Wo Armut herrscht oder politischer Wille fehlt, haben viele zudem keine Chance, sich anzupassen. Deshalb unterstützen wir unsere Partner nicht nur vor Ort, sondern auch dabei, politische Veränderungen einzufordern – für mehr Klimaschutz und einen gerechten Lastenausgleich, insbesondere von wohlhabenderen Ländern. Das ist notwendig für Klimagerechtigkeit. Denn mit jedem Zehntelgrad Erwärmung wächst das Problem – und die Kosten, menschlich wie finanziell, steigen dramatisch, insbesondere im Süden.
Gerade erst wurde Ihre Klimaarbeit evaluiert. Was haben Sie daraus gelernt?
Am wirksamsten sind langfristige Projekte, die mehrere Handlungsfelder verbinden – etwa den Schutz natürlicher Ressourcen mit sicheren Einkommensquellen und dem Aufbau handlungsfähiger Gemeinschaften. So können Menschen ihre Lebensgrundlagen schützen, ihre Rechte besser durchsetzen und ihre Zukunft selbst gestalten. Die Evaluation zeigt auch: Erfolgreiche Ansätze wie Klimarisikoanalysen müssen wir stärker verbreiten. Unsere Partner brauchen besseren Zugang zu Wetter- und Klimadaten, um Risiken früh zu erkennen, sowie mehr Möglichkeiten zum internationalen Austausch. Eine neue Klima-Wissensplattform von Brot für die Welt bündelt erprobte Ansätze und Klimainformationen – damit sich gute Ideen schneller verbreiten. Wir informieren auch die Allgemeinheit über unsere Fortschritte in unserem Klimawirkungsbericht.


