Blog-Beitrag

Unterstützung bei häuslicher Gewalt in der Ukraine

In diesem Interview spricht Olga Kalashnyk, Präsidentin der Nichtregierungsorganisation La Strada - Ukraine über die Situation von Frauen während der Corona-Krise und die Zunahme von häuslicher Gewalt, der Frauen und Kinder während der durch die Pandemie bedingten Einschränkungen der Bevölkerung ausgesetzt sind. Die Bekämpfung geschlechtsbasierter Gewalt ist ein Ziel der Organisation.

Von Carsta Neuenroth am
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Das Bild zeigt die dunkelhaarige Olga Kalashnyk, Präsidentin von La Strada - Ukraine

Olga Kalashnyk, Präsidentin der Nichtregierungsorganisation La Strada - Ukraine

Wie stellt sich die Corona-Situation in der Ukraine dar?

Olga Kalashnyk: Am 23. März verordnete die ukrainische Regierung strikte Einschränkungen für die Bevölkerung und das öffentlich Leben. Die Menschen mussten zuhause bleiben. Sie durften ihre Wohnungen nur für die allernötigsten Besorgungen wie den Einkauf von Lebensmitteln verlassen. Der öffentliche Nahverkehr wurde genauso eingestellt wie die Fernzüge. Inzwischen wurden die Einschränkungen gelockert und auch der Nahverkehr wurde wiederaufgenommen.

Unser Team arbeitet bereits seit dem 12. März von Zuhause aus. Wir versuchen, unsere internen Abläufe so gut es geht aufrecht zu erhalten und unsere Aktivitäten fortzusetzten. Wir haben die zeitliche Erreichbarkeit und die Dienstleistungen des Hilfetelefons für Betroffene von häuslicher Gewalt erweitert. Es handelt sich um das kostenfreie nationale Hilfstelefon zur Bekämpfung häuslicher Gewalt, Menschenhandel und geschlechtsbedingter Diskriminierung, das La Strada betreibt. Und wir haben außerdem mit der Durchführung von Webinaren zur Aufklärung über häusliche Gewalt begonnen.

Wie wirkt sich die Situation auf Frauen aus?

Kalashnyk: Die Pandemie wirkt sich unterschiedlich auf Frauen aus. Frauen sind keine homogene Gruppe. Einige Gruppen wie beispielsweise Migrantinnen, Geflüchtete, Alleinerziehende sowie ältere und Frauen mit Behinderungen sind besonders schwer betroffen. Im Gesundheits- und Sozialbereich arbeiten hauptsächlich Frauen, die jetzt besonders gefordert sind. In der Ukraine sind über 80 Prozent der Beschäftigten im Gesundheits- und Sozialbereich Frauen. Aktuell sind sie durch ihre Arbeit einem hohen Infektionsrisiko ausgesetzt. In der Ukraine wie in anderen Ländern auch, leisten Frauen die Haus- und Versorgungsarbeit in der Familie. Da die Schulen geschlossen sind, schließt die Kinderbetreuung zurzeit auch die schulische Betreuung ein. In der Krise wird erst recht erwartet, dass Frauen ihre traditionelle Rolle als Mütter und Hausfrauen spielen. Es gibt einige Aufklärungskampagnen, die für die Beteiligung von Männern an der Haus- und Versorgungsarbeit werben, aber Veränderungen in diesem Bereich finden nur langsam statt. In der Gesellschaft werden die Geschlechterstereotypen aufrechterhalten, die mit einer hohen Belastung von Frauen und Mädchen verbunden sind.

Lässt sich in der Krise eine Zunahme von häuslicher Gewalt beobachten?

Kalashnyk: „Bleibt zuhause!“ ist die wichtigste Empfehlung, um eine Infektion mit dem Corona-Virus zu verhindern. Dabei wird außer Acht gelassen, dass „Zuhause“ für Frauen und Kinder nicht immer ein sicherer Ort ist. La Strada betreibt das nationale Hilfstelefon, an das sich von häuslicher Gewalt Betroffene wenden können. Unsere Statistik zeigt, dass sich die Zahl der Anrufe in einem Monat der Quarantäne verdoppelt haben. Die Polizei meldet dagegen keine steigenden Zahlen. Sie interveniert auch nicht in Fällen häuslicher Gewalt. Sie betrachtet häusliche Gewalt als Privatangelegenheit und in der Krise hat der Beistand für betroffene Frauen und Kinder keine Priorität. Die Betroffenen von häuslicher Gewalt stehen zurzeit vor riesigen Herausforderungen: Niemand darf betroffene Familien besuchen. Das Gesetz zur Eindämmung des Corona-Virus, das die ukrainische Regierung am 17. März verabschiedet hat, verhindert die Ausstellung einstweiliger Verfügungen und verbietet die Entfernung des Täters aus der gemeinsamen Wohnung. In der aktuellen Situation ist es für betroffene Frauen kaum möglich, die Wohnung zu verlassen, um ein Frauenhaus oder einen anderen sicheren Ort aufzusuchen. Da die in der Ukraine angeordneten Einschränkungen auch die Einstellung des öffentlichen Verkehrs betrafen, konnten die Betroffenen der Gewalt nicht entkommen.

Wie wirkt sich die Situation auf die Arbeit von La Strada aus?

Kalashnyk: Während der Einschränkungen ist das Hilfetelefon praktisch der einzige Weg, um Hilfe und Unterstützung zu bekommen. Es bietet aktuelle Informationen und die Möglichkeit, Gewalt und andere Rechtsverletzungen anzuzeigen. Das kann per Telefon, E-Mail, Facebook, Skype oder per Telegramm erfolgen. Wir haben auch ein entsprechendes Formular auf unserer Website. Außerdem können Betroffene die Chat-Funktion der kostenlosen staatlichen Rechtsberatung für Betroffene von Gewalt nutzen. Die Online-Beratung ist für viele Betroffene in Zeiten der Einschränkungen die einzige Möglichkeit, Hilfe zu finden. Unser Team ist inzwischen an sieben Tagen der Woche rund um die Uhr über das Hilfetelefon erreichbar. Wir haben neues Beratungspersonal eingestellt. Einige unserer Mitarbeiterinnen haben neue Aufgaben übernommen, um die ununterbrochene Erreichbarkeit des Hilfetelefons zu gewährleisten. Wir sind außerdem verstärkt in Bildungsarbeit und Aufklärung eingestiegen, indem wir Webinare für Kinder, Jugendliche und Eltern über häusliche Gewalt anbieten.

Wie wird sich die Situation der Frauen in der Ukraine nach der Corona-Krise entwickeln?

Kalashnyk: Die Pandemie wirkt sich negativ auf Frauenrechte aus, was wir auch nach der Krise spüren werden. Die gleichstellungspolitischen Herausforderungen, mit denen wir uns bereits vor der Pandemie auseinandergesetzt haben, bleiben weiterhin aktuell. Ich denke da besonders an die restriktive Abtreibungspolitik. Bei La Strada werden wir uns auch in Zukunft für Frauenrechte einsetzen und die Folgen der Krise sichtbar machen. Frauen, besonders die schwächsten Gruppen, benötigen Schutz vor Gewalt, ein sicheres Umfeld und Arbeitsplätze. Die Beschäftigten im Gesundheits- und Sozialbereich werden auch weiterhin stark gefordert sein. Wir werden uns für sichere Arbeitsbedingungen und den Schutz ihrer Rechte einsetzen.

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