Interview

„Die Zahl der Hungernden wird dramatisch steigen“

Bernhard Walter, Referent für Ernährungssicherheit bei Brot für die Welt, über die aktuelle Hungerkrise und Strategien zu ihrer Überwindung

Von Thorsten Lichtblau am

Bernhard Walter, Experte von Brot  für die Welt für Ernährungsfragen

Bernhard Walter, Experte von Brot

für die Welt für Ernährungsfragen

Angesichts der Corona-Krise warnen die Vereinten Nationen vor „Hungersnöten biblischen Ausmaßes“. Wie beurteilen Sie die Lage?

In der Tat muss man davon aus­ gehen, dass die Zahl der hungern­den Menschen in diesem Jahr noch einmal dramatisch steigen wird. Die Welternährungsorgani­sation FAO spricht sogar von bis zu 130 Millionen Hungernden. Grund dafür ist die wirtschaftli­che Rezession in vielen Ländern der Welt sowie die lang andauern­den Ausgangssperren. Sie haben dafür gesorgt, dass viele Familien kein Einkommen erzielen konn­ten. Zudem fiel allein für 600 Mil­lionen Kinder lange Zeit die ein­zige tägliche Mahlzeit aus, weil die Schulen geschlossen waren.

Schon vor Corona litten weltweit fast 700 Millionen Menschen Hunger. Was sind die Ursachen dafür?

Neben lokalen Katastrophen wie Dürren oder der Heuschrecken­plage in Ostafrika sind Kriege und Konflikte, die Folgen des Klima­wandels und eine schlechte wirt­schaftliche Entwicklung in vielen Ländern für den Hunger verant­wortlich. Zudem ist das Land oft sehr ungleich verteilt. Wenige Großgrundbesitzer haben riesige Plantagen, während viele Klein­bauernfamilien zu wenig Land besitzen, um ihre Familien zu ernähren. Manche haben auch zu wenig Dünger für ihre Pflanzen oder die Märkte sind weit entfernt, so dass sie ihre Produkte schlecht verkaufen können. Hinzu kommen Billigimporte aus den Industrielän­dern, auch der EU, die dazu füh­ren, dass einheimische Produkte nicht mehr gekauft werden.

Wie steht Brot für die Welt den Betroffenen bei?

Da muss man unterscheiden: In der aktuellen Krise unterstützen wir die Nothilfe unserer Part­nerorganisationen in der gan­zen Welt. Sie verteilen Pakete mit unverderblichen Lebensmitteln ‒ Getreide, Hülsenfrüchte, Öl, Salz und Zucker. Ansonsten ist unsere Hilfe eher langfristig ausgerichtet.

Was heißt das konkret?

Ich gebe Ihnen drei Beispiele aus unseren Projekten: In Bangladesch haben wir unsere Partnerorgani­sation unterstützt, zusammen mit den Bauern lokale Reissorten zu entwickeln, die trotz häufiger Überflutungen mit salzigem Meer­wasser gute Erträge aufweisen. In Kenia können die Bauern ihre Gär­ten besser bewässern, weil sie über Dachrinnen Wasser in Zisternen sammeln. Und in Ruanda lernen die Kleinbauernfamilien in unse­ren Workshops, Gemüsepflanzen anzubauen, damit sie Nahrungs­mittel haben, die nährstoff-­ und vitaminreich sind und somit gegen Mangelernährung helfen.

Was ist aus Ihrer Sicht der größte Erfolg von Brot für die Welt?

Wir entwickeln gemeinsam mit den Bauern Lösungen, die die soziale Lage der Familien ver­bessern und nachhaltig wirken. Ebenso unterstützen wir sie dabei, selbstorganisiert ihre Regierun­gen zu überzeugen, eine bessere Agrarpolitik zu machen, die auch den Armen und Benachteiligten dient. Ich glaube, der größte Erfolg ist, dass wir die Betroffenen unter­stützt haben, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und wür­devoll durchs Leben zu gehen. So konnten wir schon Millionen von Menschen helfen.

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