Zu dem globalen Frauen-Generalstreik ruft in Berlin die Plattform «Enough! Genug! Basta!» um die Publizistin Adrienne Goehler anlässlich des Internationalen Frauentags auf. Der dezentrale Streik passt sich den unterschiedlichen Lebensrealitäten und Kontexten der Frauen an, damit sie die Arbeit überall dort niederlegen können, wo sie diese an bezahlten Arbeitsplätzen oder unbezahlt in Ehe, Familie, Haushalt verrichten.
8. März ist ein Tag des Kampfes für Mitbestimmung, Gleichberechtigung und reproduktive Rechte
Seit der Industrialisierung gab es zahlreiche solcher Streikaufrufe. In den 60er Jahren während des Kalten Krieges stand Frieden im Mittelpunkt solcher Streiks. In den 70er Jahren riefen Frauenbewegungen in den USA, Frankreich und Island zum Streik auf gegen patriarchale Unterdrückung, unbezahlte Hausarbeit, sexuelle Dienste und für gleichen Lohn!
Zuletzt streikten 2016 Frauen und Queers beim Generalstreik in Polen für das Recht auf Abtreibung, in Argentinien gingen Hundertausende gegen Femizide auf die Straße und seit 2017 in den USA gegen Trump, die Anti-Gender Bewegung und besonders gegen die "US-Global Gag Rule", eine Anti-Abtreibungsklausel als Knebel für Entwicklungshilfegelder. Am 8. März 2018 waren zum Generalstreik in Spanien über fünf Millionen Menschen auf der Straße.
Brot für die Welt-Partnerorganisationen beteiligen sich auf ihre Weise am Frauen-Generalstreik
Brot für die Welt Partnerorganisationen aus Albanien, Angola, Libanon und Mozambik wählen verschiedene Formen, um zum 8. März gegen ungleiche Arbeitsbedingungen und Löhne zu protestieren. Vor allem die fehlende Betreuung für Kinder und pflegebedürftige Personen bleibt eine große Hürde für Gleichberechtigung. Denn ohne eigenes Einkommen gibt es keine Selbstbestimmung.
Unsere Partnerorganisation KAFA aus dem Libanon unterstützt beispielsweise Frauen, die Gewalt seitens ihrer Familie erfahren, weil sie unverheiratet sind. Die Organisation bietet ihnen psychologischen und rechtlichen Beistand und zeigt auf, wie geschlechtsspezifische Gewalt meist auch mit ökonomischer Ausbeutung einhergeht. Hilfesuchende werden vom KAFA-Team in ihrem Selbstbewusstsein gestärkt und ermächtigt, ihr Leben (wieder) selbst in die Hand zu nehmen.
Wie schwer es ist, gewaltvolle gesellschaftliche Strukturen zu verändern, erleben auch Projektpartnerinnen aus Mosambik (GMPIS) und Angola (Mwana Pwo), die jungen Mädchen eine Perspektive aufzeigen, jenseits von frühen Schwangerschaften und Heirat im Teenagealter. Damit die Mädchen den Erwartungen ihres Umfeldes entgehen und ihr Recht auf Bildung wahrnehmen können, arbeiten die Organisationen mit Eltern sowie mit religiösen und anderen Autoritäten. Denn die Mädchen selbst sind nicht das Problem. Die Teams von Mwana Pwo schaffen es, dass die Mädchen in einem geschützten Raum etwas über ihre Rechte, Gesundheit und Sexualität lernen und sich gegenseitig stärken können. Junge Männer werden ermutigt, ihre Verbündete zu werden und das Gelernte weiter zu tragen, um geschlechtsspezifische Gewalt unentschuldbar zu machen.
Empowerment verändert Menschen aller Geschlechter
Um Bewusstseinsstärkung, Empowerment und Würde geht es auch bei den 8. März-Aktivitäten der albanischen Partnerorganisation HRDC. Sie tragen die Diskussion um Geschlechtergerechtigkeit und geschlechtsspezifische Gewalt an die Schulen. Zusammen mit den Schüler*innen formulieren sie schlagkräftige Slogans, gestalten Poster und tragen die Forderung nach Gleichberechtigung in die Öffentlichkeit. Die Leiterin Aferdita Prroni freut sich besonders über Rückmeldungen wie die eines Schülers, der kommentierte: „HRDCs Arbeit hat meine Sichtweise verändert. Ich habe erkannt, dass Gleichstellung keine Frauensache ist – es betrifft uns alle und wir müssen uns alle dafür einsetzen, dass sie Wirklichkeit wird.“
Auf diese Weise wächst weltweit das Bewusstsein für das Ausmaß geschlechtsspezifischer Gewalt und dafür, wie sie strukturell funktioniert und toleriert wird. Denn diese Form von Gewalt ist keineswegs naturgegeben und kann verhindert werden.
Gewalt ist ein gezieltes Mittel, um Gleichberechtigung zu verhindern
Für alle Frauen und queeren Bewegungen ist der Kampf gegen geschlechtsspezifische Gewalt elementar: Gewalt am Arbeitsplatz, in Partnerschaften, zunehmende Gewalt im Netz und insgesamt die Gewalt, die von den starren Geschlechternormen herrührt. Gewalt, die Frauen und queere Personen erfahren, weil sie Frauen beziehungsweise weil sie Queers sind oder weil sie nicht ins gängige Geschlechterbild passen. Die Zwei-Geschlechtlichkeit und ihre kategorische Einteilung in entweder ‚Frauen‘ oder ‚Männer‘, bestimmt, wer was darf, wer dazugehört und wer ausgeschlossen wird. Wer muss heiraten, wer darf lernen, wer muss unbezahlt arbeiten, wer darf selbst entscheiden.
Geschlechtsspezifische Gewalt schüchtert Frauen ein, macht sie klein, stempelt sie als minderwertig ab. Sie torpediert das Recht aller Frauen und diverser Geschlechter auf eigene Entscheidung, Recht auf Arbeit, auf politische Partizipation, auf Gleichberechtigung und vor allem auf körperliche Selbstbestimmung!
Die Scham muss die Seiten wechseln!
Die Enthüllungen über das Epstein-Netzwerk und die mutigen Aussagen von Gisele Pelicot in ihrem eigenen Fall zeigen, dass Betroffene gehört und unterstützt werden müssen. Staaten müssen ihrerseits ihrer Pflicht nachkommen, vor geschlechtsspezifischer Gewalt zu schützen und diese endlich strafrechtlich verfolgen. Um es mit Gisele Pelicots Worten zu sagen: „Die Scham muss die Seiten wechseln!“


