Herr Grünewald, vergangene Woche hat die EU erneut ihre Asylregeln verschärft. Was denken Sie darüber?
Aktuell habe ich das Gefühl, dass in Berlin und Brüssel jede Woche eine neue Verschärfung diskutiert, geplant, beschlossen oder durchgeführt wird. Ich finde es sehr bedauerlich, dass mittlerweile ein Geist der Abschottung herrscht gegenüber Menschen, die bei uns Schutz suchen – und die auch Schutz verdienen. Es wäre gut, wenn Deutschland und Europa sich ihrer Verantwortung in der Welt wieder stärker bewusstwürden.
Was bringt Menschen dazu, ihre Heimat zu verlassen?
Mit Abstand die häufigste Fluchtursache sind Krieg und gewalttätige Auseinandersetzungen. Das beste Beispiel dafür ist der Sudan, wo aktuell rund 12 Millionen Menschen auf der Flucht sind. Dort gibt es Massaker an der Zivilbevölkerung, Hunger wird als Waffe eingesetzt, die Not der Menschen ist unbeschreiblich. Ein zweiter Grund sind Naturkatastrophen, oft in Verbindung mit dem Klimawandel.
Viele der Geflüchteten haben Schreckliches erlebt, nicht nur in ihrer Heimat, sondern auch auf der Flucht…
Das ist richtig. Oft ist es sogar so, dass die Menschen, die zu Hause Furchtbares erlebt haben, berichten, dass die Fluchterfahrung für sie noch schlimmer war. Das hat viel mit der Abschottungspolitik des Globalen Nordens, zum Beispiel der EU, zu tun. Weil Geflüchtete keine andere Möglichkeit haben, nach Europa zu kommen, werden sie in die Hände von kriminellen Netzwerken getrieben und müssen sehr gefährliche Wege auf sich nehmen. Und an den Außengrenzen der EU werden sie gewaltsam zurückgedrängt oder interniert. Das führt zu einer starken Traumatisierung. Menschen, die hier ankommen, sind oft psychisch am Ende.
Trotzdem stoßen die Geflüchteten vielerorts auf Ablehnung, manchmal sogar auf Hass. Woran liegt das?
Ich denke, es liegt an einem Diskurs, der in den letzten Jahren die Oberhand gewonnen hat und der sich so zusammenfassen lässt: „Wir haben uns zu sehr um die Anderen gekümmert. Jetzt sind wir mal wieder dran!“ Ich glaube, das hat auch damit zu tun, dass in Deutschland die sozialen Unterschiede größer geworden sind. Es gibt immer mehr Menschen, die in Armut leben. Und es mangelt an vielem: guten Schulen, bezahlbaren Wohnungen, Freizeitmöglichkeiten... Und anstatt zu sagen: „Okay, dann müssen wir eben Geld in die Hand nehmen, um unsere eigene Zukunft zu sichern“, wird die Debatte umgelenkt auf die Migrantinnen und Migranten, die angeblich an allem schuld sind. Das ist ein sehr gefährlicher Diskurs – und wir schaden uns damit selbst. Denn es ist ja klar: Wir brauchen Zuwanderung nach Deutschland, weil die Gesellschaft sonst überaltert und uns Arbeitskräfte fehlen.
Wie könnte man mehr Empathie und Solidarität mit den Geflüchteten wecken?
Zum einen ist da die Politik gefordert. Es muss aufhören, dass im Bundestag jede Woche darüber diskutiert wird, wie die Zahl der zu uns Kommenden weiter reduziert werden kann. Denn das schafft ein Grundrauschen, das einer offenen, toleranten Gesellschaft nicht zuträglich ist. Zum anderen denke ich, dass man Begegnungsorte schaffen muss. Es ist wichtig, dass die Leute, die hier schon wohnen, sich austauschen mit denen, die hierherkommen. Denn dann erkennen sie, dass das Menschen sind wie du und ich – Menschen, die ganz ähnliche Bedürfnisse haben wie wir: die Sicherheit suchen, ein schönes, warmes Zuhause und freundschaftliche Beziehungen zu anderen.
Gibt es Länder, die als Vorbild dienen können für die Integration von Geflüchteten?
Ja. Ich habe vor Kurzem einige afrikanische Länder besucht, die eine „Out of Camp“-Politik verfolgen. Geflüchtete werden dort nicht in Flüchtlingslager gesteckt, sondern sie wohnen in den Dörfern, so dass es von Anfang an einen stärkeren Austausch mit der ansässigen Bevölkerung gibt. Wenn wir nach Europa schauen, dann können wir von Spanien lernen. Das Land führt derzeit eine große Legalisierungskampagne durch. In den nächsten drei Jahren werden fast eine Million Menschen, die ohne Papiere dort leben, eine Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis erhalten – zum einen, weil das Land auch Arbeitskräfte braucht, zum anderen, weil es die Erfahrung gemacht hat, dass die Illegalität nur Probleme schafft. So ist dort ein unregulierter, informeller Wirtschaftssektor entstanden, da viele Zugewanderte dazu gezwungen sind, schwarz zu arbeiten.
In einem von Brot für die Welt geförderten Projekt in Mosambik werden zusammen mit den Geflüchteten auch die Eingesessenen gefördert. Ist das ein Ansatz, der auch anderswo funktionieren könnte, vielleicht sogar in Deutschland?
Auf jeden Fall. Die Erfahrung in vielen ärmeren Ländern zeigt, dass es bei der lokalen Bevölkerung immer für Missgunst sorgt, wenn die Geflüchteten Hilfsgüter bekommen, an denen es ihnen selbst mangelt: Essen, Kleidung, medizinische Versorgung... Daher ist es wichtig, auch die Eingesessenen zu unterstützen – und tatsächlich machen das ja auch viele Partnerorganisationen von Brot für die Welt. Wenn wir auf Deutschland gucken, könnte es helfen, die Infrastruktur zu verbessern: Ein guter öffentlicher Nahverkehr, gute Kitas und gute Schulen kämen allen zugute. Das könnte auch eine Möglichkeit sein, wieder mehr Akzeptanz in der Bevölkerung für Flüchtlinge und Migrant*innen zu schaffen.
Was tut Brot für die Welt, um die Situation von Geflüchteten zu verbessern und Fluchtursachen zu bekämpfen?
Erst einmal sorgen wir durch unsere Projekte dafür, dass Menschen in ihren Heimatländern ein gutes Leben führen können, zum Beispiel, indem wir sie dabei unterstützen, ihren Anbau an die veränderten Klimabedingungen anzupassen. Gleichzeitig engagieren wir uns dafür, dass die Rechte von Menschen, die ihre Heimat verlassen, gewahrt werden, sowohl auf der Flucht als auch in den Ländern, wo sie dann ankommen. Und wir setzen uns in Deutschland und Europa dafür ein, dass es in Zukunft wieder eine vernünftige und auf Menschlichkeit beruhende Migrationspolitik gibt.


