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Globale Gesundheit beginnt zuhause

Die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie schnell eine Krankheit um die ganze Welt zieht und ganze Länder außer Betrieb setzt. Die nächste Bundesregierung muss sich deshalb selbst besser auf Pandemien vorbereiten und Länder unterstützen, die ihre Gesundheitssysteme nicht aus eigener Kraft stärken können.

Von Mareike Haase am
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Mareike HaaseReferentin Internationale Gesundheitspolitik
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Medikamentenfläschchen

Es braucht von Patenten und Profiten losgelöste Modelle der Medikamentenentwicklung.

Steht die nächste Pandemie schon vor der Tür? Laut Epidemiolog:innen gibt es unzählige weitere Erreger, die eine Pandemie auslösen könnten. Nach dem, was wir grade in der Corona-Pandemie erleben, ist das ein Schreckensszenario und daher verständlich, dass nun in Deutschland und global alles daran gesetzt wird, besser auf zukünftige Pandemien vorbereitet zu sein. So wird im Rahmen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ab November ein Pandemievertrag verhandelt, als Rahmenwerk für eine gemeinsame Antwort auf Pandemien. Und dieser Tage wurde in Berlin ein WHO-Hub für Pandemievorsorge und -reaktion eröffnet. Deutschland rückt sich damit ins Zentrum globaler Pandemievorsorge. Die neue Bundesregierung kann diese Gelegenheit nutzen, um eine wichtige Rolle für die globale Gesundheit einnehmen.

Das sollte sie auch! Doch entscheidend dabei ist, dass die Ursachen in den Blick rücken und Deutschland transformative Ansätze angeht. Zu häufig ist die Beschäftigung mit Pandemien ausschließlich darauf ausgerichtet, auf Krankheiten zu reagieren, sie also zu erkennen und ihre Verbreitung mit neuen Technologien zu überwachen beziehungsweise Impfstoffe dagegen zu entwickeln. Das alles geschieht vorrangig aus der Perspektive wohlhabender Staaten, die sich vor Erregern aus dem globalen Süden schützen wollen. Dabei führt uns die Pandemie vor Augen, wie eng die Gesundheit des Menschen mit der unserer Umwelt verbunden und wie sehr das Verhältnis zwischen Mensch, Tier und Umwelt aus der Balance geraten ist. Erreger springen vor allem dort vom Tier auf den Menschen über, wo Menschen und Tiere unter Stress sind und sich sehr nah kommen. Sogenannte Zoonosen passieren, wenn etwa durch industrielle Landwirtschaft oder Klimawandel das Land für den Anbau schrumpft und Menschen in Bereiche von Tieren vordringen, um sich zu ernähren. Oder wenn andersherum der Lebensraum von Tieren abgeholzt wird und sie in menschlichen Lebensraum vorstoßen. Auch Massentierhaltung spielt eine Rolle: Nutztiere werden auf engsten Raum gehalten, Krankheitserreger mutieren und springen schließlich auch auf den Menschen über.

Nur eine interdisziplinäre Zusammenarbeit kann wirksam schützen

Die Frage für die Pandemievorsorge muss also sein: Wie finden wir zu einem ausgewogenen Verhältnis zwischen Mensch, Tier und Umwelt zurück? Das One Health-Konzept bietet dafür eine geeignete Antwort. Es verbindet Human- und Veterinärmedizin mit Umweltfragen. Es betont eine trans-, multi- und interdisziplinäre Zusammenarbeit. One Health hat in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen und wird nun auch von der Bundesregierung als Konzept zur Prävention und Reaktion auf zukünftige Pandemien gesehen. Wenn One Health in all seinen Dimensionen ernst genommen wird, geht es dabei aber um mehr: nämlich darum, Menschen und Tieren ihren Lebensraum und gesunde Lebensbedingungen zu sichern und die Umwelt zu schützen. So können nicht nur Zoonosen, sondern auch andere Gesundheitsbedrohungen reduziert werden, wie chronische Erkrankungen, die durch Pestizidnutzung, Luftverschmutzung und Fehlernährung ausgelöst sind. Die neue Bundesregierung muss innerhalb der verschiedenen Ressorts – für Entwicklung, Ernährung, Gesundheit, Umwelt, Forschung sowie Wirtschaft – ein gemeinsames Verständnis von One Health entwickeln. Durch die Zusammenarbeit mit Partnerländern und in internationalen Organisationen sollte sie dieses umfassende Verständnis global voranbringen. Dabei ist es wesentlich, lokale zivilgesellschaftliche Akteur:innen einzubinden, weil nur durch sie schädliches Handeln identifiziert und umsetzbare Lösungen erarbeitet werden können.

In Südafrika sterben mehr Menschen an Krebs als an HIV/Aids, Tuberkulose und Malaria zusammen

Bei all der berechtigten Sorge vor einer nächsten Pandemie darf die Bundesregierung aber die allgemeine gesundheitliche Versorgung in ärmeren Ländern nicht vergessen. Schließlich gilt es, das Menschenrecht auf Gesundheit zu verwirklichen. Deutschland hat mit der 2015 verabschiedeten Nachhaltigkeitsagenda der UN auch das Ziel 3 unterschrieben: Es muss dazu beitragen, ein gesundes Leben für alle Menschen jeden Alters zu gewährleisten und ihr Wohlergehen zu fördern.

Bei all dem Fokus auf globale Pandemien wird oft übersehen, dass viele Gesundheitssysteme des globalen Südens dauerhaft in Gesundheitskrisen stecken. Ob Ebola, Cholera oder Tuberkulose: Weiterhin führen Infektionskrankheiten täglich zu hunderttausendfachem Leid. Allein an Tuberkulose erkranken jährlich 10 Millionen Menschen. 1,5 Mio. Menschen sterben daran. Und auch chronische Krankheiten wie Diabetes oder Herz-Kreislauferkrankungen sind in vielen Ländern kaum behandelbar. In Südafrika sterben mehr Menschen an Krebs als an HIV/Aids, Tuberkulose und Malaria zusammen. Insgesamt hat etwa die Hälfte der Weltbevölkerung keinen Zugang zu angemessener Gesundheitsversorgung. 100 Millionen Menschen verarmen im Jahr durch Krankheit. In vielen Gesundheitssystemen fehlt es an Personal, an Arzneimitteln, an Gesundheitseinrichtungen und besonders an der verlässlichen Finanzierung von alldem. Dabei ist Gesundheit nicht nur ein Menschenrecht, sondern die Grundlage einer individuellen und gesellschaftlichen Entwicklung.

Bisher ist es nicht gelungen, Gesundheitssysteme überall so auszustatten, dass eine umfassende Gesundheitsversorgung gewährleistet wäre. Es fehlt zu oft am politischen Willen oder der Durchsetzungskraft in den Ländern selbst. Grade der Gesundheitsbereich ist häufig von Sparmaßnahmen betroffen. Auch die internationale Gemeinschaft hat das Thema zu lange vernachlässigt und in ihrer gesundheitsbezogenen Entwicklungszusammenarbeit zu sehr auf einseitige Maßnahmen gesetzt. So hat sich zwar über die letzten Jahrzehnte erfreulicherweise die Versorgung von Menschen mit HIV/ Aids deutlich verbessert. Strukturelle Verbesserungen in der lokalen Gesundheitsversorgung gab es jedoch zu wenig, die andere Krankheiten verhindern und Erkrankte versorgen könnten. Das rächt sich übrigens auch im Falle einer Pandemie, wenn es lokal kaum robuste Strukturen gibt, um das Krankheitsgeschehen zu überwachen und einzudämmen.

Zwar gab es in den vergangenen Jahren ein stärkeres Bekenntnis auch Deutschlands zum Ansatz der Gesundheitssystemstärkung. Eine entsprechende Priorisierung blieb jedoch aus. Vielmehr irritierte das Entwicklungsministerium noch kurz vor Ausbruch der Pandemie damit, die bilaterale Gesundheitsarbeit mit den Partnerländern zu beenden.

Einer besseren Versorgung stehen auch wirtschaftliche Interessen aus Deutschland im Weg

Zuweilen stehen auch deutsche, nationale Interessen einer Verbesserung der globalen Gesundheit im Weg. So setzt Deutschland vermehrt auf die aktive Abwerbung von Gesundheitspersonal aus ärmeren Ländern – obwohl der Mangel an Personal dort um ein Vielfaches größer ist. Aktuell verhindern wirtschaftliche Interessen den Schutz der Gesundheit von Millionen von Menschen – Deutschland ist eines der wenigen Länder, welches die temporäre Aussetzung von Covid-19 Impfstoffpatenten und geistigen Eigentumsrechten in der Welthandelsorganisation blockiert. Deutschland verhindert so den Ausbau der Impfstoffproduktion, obwohl es Rezepte für Impfstoffe und obwohl es weitere Produktionskapazitäten gibt. Und obwohl die nächste Pandemie doch schon vor der Tür steht. Globale Gesundheit beginnt zuhause!

Die neue Bundesregierung muss neben der Pandemievorsorge deshalb wieder die lokalen Gesundheitsstrukturen in den Blick nehmen. Das geht von der technischen und finanziellen Unterstützung einer qualitativ guten Ausbildung von Gesundheitspersonal in Partnerländern bis zur Sicherstellung der weltweiten Verfügbarkeit von neuen, qualitativen Arzneimitteln. Dafür müssen zum Beispiel in Afrika Produktionskapazitäten ausgebaut werden und es braucht von Patenten und Profiten losgelöste Modelle der Medikamentenentwicklung. Die gibt es übrigens bereits mit Produktentwicklungspartnerschaften oder dem Konzept des „De-Linkage“, der Entkopplung von Herstellung und Verkaufspreis.

Eine gute Gesundheitsversorgung ist Voraussetzung dafür, allen Krankheiten wirksam vorzubeugen und künftige Pandemien verhindern oder schnell eindämmen zu können. Das schützt am Ende auch Deutschland.

 

Dieser Text ist ein Beitrag in der Reihe #brotfürdiewahl im Vorfeld der Bundestagswahl 2021. Alle weiteren Beiträge finden Sie hier.