Analyse

Steigende Lebensmittelpreise - auch wegen Corona?

In der Corona-Pandemie sind die Kosten für Lebensmittel im Dezember 2020 weltweit auf den höchsten Wert seit sechs Jahren gestiegen. Dies meldet die FAO, die Ernährungs- und Agrarorganisation der Vereinten Nationen. Welchen Anteil hat nun die Corona-Pandemie an diesem Preisanstieg?

Von Dr. Bernhard Walter am
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Dr. Bernhard Walter Referent Ernährungssicherheit
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Bild zeigt Marktfrau die vom Mikrofinanzprogramm von einer Partnerorganisation profitiert.

Eine Marktfrau profitiert von einem Mikrofinanzprogramm von einer Partnerorganisation und versucht Lebensmittel zu verkaufen.

Die Weltmarktpreise für Lebensmittel sind im Dezember 2020 den siebten Monat in Folge gestiegen, angeführt von Milchprodukten und pflanzlichen Ölen, wie die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) berichtet. Der FAO-Lebensmittelpreisindex lag im Dezember bei durchschnittlich 107,5 Punkten, 2,2 Prozent höher als im November. Im gesamten Jahr 2020 lag der Referenzindex, der die monatlichen Veränderungen der internationalen Preise für häufig gehandelte Lebensmittel abbildet, bei durchschnittlich 97,9 Punkten, einem Drei-Jahres-Hoch und einem Anstieg von 3,1 Prozent gegenüber 2019, obwohl er immer noch mehr als 25 Prozent unter seinem historischen Höchststand von 2011 liegt.

Auffallend ist, dass die Entwicklungen der wichtigsten Preisindizes für Getreide, Zucker, pflanzliche Öle, Milchprodukte und Fleisch überwiegend von veränderten Anbaubedingungen und Ernteaussichten, Zölle und Steuern und Nachfrageverschiebungen in bevölkerungsreichen Staaten bestimmt wird. So stieg der Weizenpreis im letzten Jahr vor allem wegen verschlechterten Anbaubedingungen in Nord- und Südamerika und Russland an. Oder der Preisanstieg für Palmöl wurde durch erhöhte Abgaben und Steuern in dem wichtigen Erzeugerland Indonesien bestimmt.

Ungleiche Entwicklungen bei Angebot und Nachfrage

Welchen Anteil die Corona-Pandemie an den Preissteigerungen hat, lässt sich nur schwer quantifizieren. Beim arbeitsintensiven Obst- und Gemüseanbau dürfte der Ausfall von Arbeitskräften durch Coronaerkrankungen, Quarantäne und eingeschränkte Reisebestimmungen sich negativ auf die Erntemengen auswirken und damit tendenziell zu Preissteigerungen führen. Dies war in Europa zu beobachten. Jedoch gab es im vergangenen Jahr zum Beispiel bei den stark mechanisierten Produktionsverfahren im Getreide- oder Zuckerrohranbau keinerlei Meldungen über Produktionseinschränkungen durch die Corona-Pandemie. Dort waren die oben genannten Trends wesentlich preisbestimmender als die Auswirkungen der Pandemie. Auf der Nachfrageseite sieht es tendenziell umgekehrt aus. Wegfallende Einkommen durch erhöhte Arbeitslosigkeit oder Betriebsschließungen lässt die Nachfrage sinken. Dadurch fallen auch die Preise.

Corona trifft die Ärmsten am meisten

Was wirkt nun stärker auf die Preisbildung, die Entwicklungen auf der Angebots- oder auf der Nachfrageseite? Dazu sind keine klaren Aussagen möglich und die Entwicklungen von Land zu Land und entsprechend den jeweiligen Infektionsgeschehen recht unterschiedlich, um den Anteil der Coronapandemie an der Preisentwicklung zu konstatieren. Fakt ist, dass steigende Preise bei den wichtigsten Grundnahrungsmitteln und wegfallende Einkommen durch die Corona-Pandemie die Ernährungssicherheit vor allem bei armen Bevölkerungsgruppen in zahlreichen Ländern gefährdet. In den Ländern des globalen Südens ist auch zu konstatieren, dass die Pandemie unsichere Agrarbedingungen, die durch Konflikte, Schädlinge, Wetterextreme, Wirbelstürme und Überschwemmungen entstanden sind, noch verschärft. Dies trifft Afrika im Besonderen. Von den 45 Ländern, die auf Nahrungsmittelhilfe aus dem Ausland angewiesen sind, liegen 34 in Afrika. Die von Hunger und Ernährungsunsicherheit betroffenen Bevölkerungsgruppen, vor allem in den Städten, geben einen überproportionalen Anteil von ihrem Einkommen für den Kauf von Nahrungsmitteln aus. Fehlt es an Einkommen durch die Auswirkungen der Pandemie, dürfte dies ihre Situation erheblich verschlechtern. Bei den Bauern und Bäuerinnen in den armen Ländern des globalen Südens dürfte vor allem ein Arbeitskräfteausfall und verringerte Vermarktungsmöglichkeiten durch die Pandemie die Ernährungsunsicherheit steigern. Genaue Daten über die Auswirkungen der Pandemie auf die Hungerzahlen und auf die Agrarpreisentwicklung liegen aber noch nicht vor, sondern nur grobe Schätzungen. Insgesamt rechnet das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen mit einer Steigerung der Zahl der Hungernden um 135 Millionen. Aktuell liegt die offizielle Zahl der Hungernden bei 621 Millionen. Eines ist aber jetzt schon klar erkennbar: Der Corona-Virus kann zwar jeden treffen, jedoch sind Hungernde und arme Bevölkerungsgruppen schlechter gewappnet, um mit den Folgen der Pandemie fertig zu werden.

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