Portrait

Zum Freiwilligendienst nach Sambia

Frieda-Marie Schmitz und Simon Katzmair haben als Freiwillige die Arbeit einer Partnerorganisation von Brot für die Welt in Sambia unterstützt. Der Aufenthalt dort hat die beiden verändert. Nach ihrer Rückkehr wollen sie ihre Erfahrung von der Vielschichtigkeit des afrikanischen Landes weitergeben.

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Advent in Sambia

Frieda-Marie Schmitz und Simon Katzmair feiern Advent in Sambia

Bald ist Weihnachten. Frieda-Marie Schmitz und Simon Katzmair sitzen vor dem einfachen Gästehaus der Kaluli Development Foundation im Süden Sambias. Sie sind „weltwärts“ gereist und anders als ihre Verwandten und Freunde nicht zu Hause in Deutschland. „Heute ist der zweite Advent, wo sind unsere Kerzen?“ Frieda-Marie grinst. Simon stellt einen Kerzenhalter auf den Tisch, den die beiden aus Alufolie und einer leeren Flasche gebastelt haben. Es ist heiß. Anstelle von Nüssen und Clementinen liegen Mangos auf dem Tisch mit der fadenscheinigen Decke. Immerhin, Frieda-Maries Mutter hat einen selbst gebastelten Adventskalender geschickt. In jedem Päckchen steckt ein Stück Heimat: Frühstücksfleisch, Kosmetik, praktische Dinge für den Alltag. „Wir haben sogar Schokolade“, sagt die 18-Jährige und lacht.

Genauso wie ihr gleichaltriger Kollege ist sie durch den Freiwilligendienst Nord-Süd von Brot für die Welt nach Sambia gekommen. Ein Jahr werden die beiden bleiben, zurzeit sind sie bei KDF tätig. Die Organisation arbeitet daran, die Lebensbedingungen der örtlichen Bevölkerung zu verbessern. Wie der gesamte Süden Afrikas leidet das Land unter der Dürre. Viele Menschen in den Dörfern sind akut durch Hunger bedroht.

Einschneidende Erfahrungen

Was macht das mit jungen Menschen, die gerade erst ihr Abitur bestanden haben? „Wir sind auf jeden Fall nicht nur zuhause ausgezogen“, antwortet Frieda-Marie Schmitz trocken. Sie stammt aus Coesfeld. Hier in Sambia arbeitet sie vor allem für den Jugendclub von KDF – und gleich zu Beginn ihrer Tätigkeit widerfuhr ihr ein einschneidendes Erlebnis:. Ein Junge, regelmäßiger Besucher des Clubs, starb – plötzlich, vollkommen überraschend, wahrscheinlich an den Folgen seiner Mangelernährung. „Er war der erste, dessen Namen ich gelernt hatte“, sagt Frieda-Marie.

Nachdenklich blickt sie über das Gelände. Gegenüber vom Gästehaus gibt es eine Wasserstelle. Kinder stehen mit Kanistern davor. Aufgrund der Trockenheit ist der Druck in den Leitungen der Häuser nicht hoch genug. Also müssen alle hier Wasser holen. Frieda-Marie Schmitz winkt den Kindern zu. „Wenn es nicht endlich anfängt zu regnen, wird es bald viele solcher Fälle geben wie den des mangelernährten Jungen.“

Nach seinem Tod wurde der Jugendclub für drei Tage geschlossen. Zusammen mit Mitarbeiterinnen von KDF fuhr Frieda-Marie zur Beerdigung in sein kleines Dorf. „Die sehr einfachen Lebensbedingungen dort zu sehen, hat mich schockiert.“ Die Trauerzeremonie fand streng getrennt für Frauen und Männer statt. Die Männer standen rund um das Haus, in dem der Leichnam aufgebahrt war. Die Frauen saßen bei dem Toten. „In Deutschland habe ich noch nie Menschen so trauern gesehen wie diese Frauen“, erzählt Frieda-Marie. Die Männer hingegen hätten keine Regung gezeigt. Sie vermutet: „Weil ihnen das wohl als Schwäche ausgelegt worden wäre.“

„Krass, wie wenig Frauen zu sagen haben“

Die sehr andere Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern irritiert die junge Frau, die in Deutschland für die Jusos tätig ist. „Es ist krass zu sehen, wie viel die Frauen neben ihrem Beruf für Haushalt und Familie leisten, und wie wenig sie zu sagen haben.“ Auch sei es als Frau sehr schwierig, von den Jungs im Jugendclub respektiert zu werden. Derartiges kannte Frieda-Marie in Deutschland weder aus ihrer Familie noch aus Schule oder Freundeskreis. „Was nicht heißt, dass es das in Deutschland nicht gibt.“

Neben der Arbeit im Jugendclub engagiert sie sich auch in einer von KDF gegründeten Gruppe, die sich mit dem Thema Geschlechtergerechtigkeit auseinandersetzt. Dort sind auch Lehrkräfte umliegender Schulen, behördliche Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter sowie Mitarbeitende anderer lokaler Nichtregierungsorganisationen vertreten. „Meine Meinung zur Gleichberechtigung muss ich auch dort sehr diplomatisch äußern.“ Das findet sie oft befremdlich.

Beeindruckende Kreativität

Simon empfindet vor allem seine seine Sonderrolle als befremdlich, die ihn hier auf Schritt und Tritt begleitet. „Ich falle überall auf und bekomme sehr viel Aufmerksamkeit, sogar alte Menschen begegnen mir mit großem Respekt. Dabei habe ich den doch eigentlich gar nicht verdient.“

Über Sambia wusste der Abiturient aus München vor der Vorbereitung auf den Freiwilligendienst so gut wie nichts, das gibt er offen zu. Dann aber begann er, sich zuhause mit dem Land zu beschäftigen. Bilder und Eindrücke setzten sich fest, die davon zeugen, wie verzerrt der Norden noch immer die Länder des Südens wahrnimmt. Simon erfuhr vor allem von Ausbeutung, Abhängigkeit von Hilfe aus den Industrieländern oder überall präsenter chinesischer Dominanz. Im Land musste er seine Vorstellungen schnell korrigieren. „Die meisten Menschen hier meistern ihr Leben alleine, mit beeindruckender Kreativität, sehr starkem Willen und Durchhaltevermögen.“ Bei seiner ersten Tätigkeit ging Simon dem Hausmeister einer Internatsschule zur Hand und war fasziniert davon, was dieser nur mit einem Hammer, ein wenig Draht und einem Stück Blech bewerkstelligen konnte. „Was haben wir in Deutschland nicht alles, was eigentlich niemand braucht!“ Auch die Gelassenheit im Umgang mit den täglichen Stromausfällen und der Wasserknappheit beeindrucken ihn. „Aber nerven tut das trotzdem“, wirft Frieda-Marie ein. Beide lachen.

Vorurteile überwinden

Was werden sie mitnehmen von diesem Jahr? „Ich hoffe, hier herauszufinden, was ich beruflich machen will“, sagt Simon. „Und ich möchte auf Äußerlichkeiten viel weniger achten als bisher, will meine Vorurteile überwinden und meine Erwartungshaltungen zurückdrängen.“ Schon jetzt ist er sich sicher, dass die Erfahrungen seine Sicht aufs Leben für immer prägen werden.

„Ich möchte meine Freundschaften zu Hause bewusster leben, meine Zeit sinnvoller nutzen und mich noch stärker politisch engagieren“, sagt Frieda-Marie. Beide sind sich einig, dass sie unbedingt ihre Erfahrung von der Vielschichtigkeit dieses afrikanischen Landes weitergeben wollen.

Draußen tobt das Leben

Dann müssen sie los, um den Jugendclub zu öffnen. Schnell füllt sich das einfache Gebäude. Zusammen mit der Leiterin Nchimunya Mandevu arbeiten die beiden an der Planung für die nächsten Monate. Sie wollen eine HIV-Aufklärungsgruppe gründen und mit den Kindern und Jugendlichen einen Gemüsegarten anlegen. „Die Ernte können sie dann mit nach Hause nehmen“, sagt Frieda-Marie.

Draußen vor der Tür singen und tanzen einige Jugendliche, andere albern herum oder zanken sich bei Mensch-ärgere-dich-nicht. Wie in einem Jugendclub in Deutschland – und dennoch ganz anders.

Anmerkung der Redaktion: Aufgrund des Ausbruchs der Corona-Pandemie mussten Frieda-Marie Schmitz und Simon Katzmair im März 2020 vorzeitig nach Deutschland zurückkehren.

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Lachender Junge

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