Blog-Beitrag

Simbabwe im Lockdown

Ein Mitarbeiter von Brot für die Welt berichtet aus Harare über die Auswirkungen der staatlichen Maßnahmen gegen die Ausbreitung der Pandemie, die Ernährungssituation im Land, über die desolate wirtschaftliche Situation, aber auch über die konstruktive Arbeit der Partnerorganisation von Brot für die Welt, Kunzwana Women‘s Association (KWA), bei der Steffen Wiese als Berater tätig ist.

Von Isabelle Uhe am
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Isabelle Uhe Projektkommunikatorin Afrika
Telefon: +49 (0) 30 65211-1477 isabelle.uhe@brot-fuer-die-welt.de
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Interview mit Steffen Wiese, Berater für Kleingewerbeförderung bei Kunzwana Women‘s Association (KWA). 

Das Ziel des gemeinsamen Projektes von Brot für die Welt und Kunzwana Women’s Association ist die Verbesserung der Lebensverhältnisse von 6.300 ehemaligen Farmabeiter*innen in etwa 300 Dörfern landesweit, vor allem in benachteiligten Regionen Simbabwes. Innerhalb der Gruppe der ehemaligen Farmarbeiter*innen waren Frauen und Jugendliche immer besonders benachteiligt. Deshalb nimmt KWA diese spezifische Zielgruppe besonders in den Fokus, wählt besonders bedürftige Frauen und Jugendlichen aus, formt Gruppen nach ausgewählten handwerklichen Bereichen – sogenannte Clubs -, begleitet die Frauen und Jugendlichen bei der individuellen Gründung und Weiterentwicklung eines Geschäfts und bietet ihnen damit eine Grundlage, sich in die Gemeinschaft einzubringen. Die NGO beschäftigt sich mit der Wiedereingliederung von ehemaligen Farmarbeiter*innen intensiv und erfolgreich seit mehr als 20 Jahren und hat in diesem Themenbereich eine umfassende Expertise aufgebaut. Die Aktivitäten sind sehr gut auf das unterschiedliche Niveau der Frauen und Jugendlichen abgestimmt: die Unterstützung wird an die individuellen betriebswirt-schaftlichen und sozialen Kompetenzen der Begünstigten angepasst. 

Simbabwe ist durch die Corona-Pandemie nun neben der desolaten wirtschaftlichen Situation von einer weiteren Krise erfasst worden. Wie wirken sich die Pandemie und die Beschränkungen im öffentlichen Raum auf das Leben in Simbabwe und auf das Projekt aus, in dem Sie als Fachkraft tätig sind?

Steffen Wiese: Die Corona-Pandemie und die damit verbundenen drastischen Einschränkungen des wirtschaftlichen und öffentlichen Lebens beschränkt und belastet die Mehrheit der Menschen in Simbabwe enorm. Nach einer fast achtwöchigen und umfassenden Ausgangssperre (Lockdown), wurden Ende Mai Lockerungen für die informelle Wirtschaft, die den größten Teil des Landes ausmacht, verkündet. Gleichzeitig hat die Regierung einen unbefristeten Lockdown auf Level 2 bekannt gegeben. Das bedeutet, dass nur essentielle Dienstleistungen wie Gesundheitspersonal und Lebensmittellieferungen offiziell erlaubt sind. Wenn man auf den Straßen in Harare unterwegs ist, zum Supermarkt z.B., ist jedoch ein anderes Bild zu sehen. Es scheint ein gewisser Alltag zurückgekehrt zu sein. Die Mehrheit der Menschen ist wie erwähnt im informellen Sektor tätig und vom täglichen Einkommen verkaufter Waren abhängig. Es gibt keinerlei soziale Absicherung oder staatliche Unterstützung in diesen harten Zeiten. Es gab zwischenzeitlich einmal pro Woche eine subventionierte Ausgabe für Maismehl, Brot und Öl, woraufhin lange Schlangen vor den Supermärkten zu sehen waren. Die Lockdown-Regelungen werden ziemlich strikt mit Militär- und Polizeipräsenz sichergestellt. Leider wird immer wieder von groben Menschenrechtsverstößen berichtet, wenn Menschen angeblich die Corona-Regelungen nicht einhalten.

Wie verhält es sich mit der Zahl der bestätigten Fälle in Simbabwe bzw. gibt es Testmöglichkeiten? Gibt es viele Todesfälle, die auf Covid-19 zurückzuführen sind? Werden die Empfehlungen für persönliche Schutzmaßnahmen von der Bevölkerung eingehalten?

Steffen Wiese: Laut offizieller Berichterstattung des Gesundheitsministeriums gibt es mit Stand 13. Juli insgesamt 985 bestätigte Fälle und 18 Todesfälle. Eine gute Nachricht ist, dass die bisher bestätigten Fälle milde oder gar keine Symptome nachweisen. Test- und Behandlungsmöglichkeiten im Land sind sehr begrenzt und es gibt viel Korruption in der offiziellen Beschaffung von Schutz- und weiterer medizinischer Ausrüstung, welche international gespendet wird. Die wenigen staatlichen Krankenhäuser im Land, die es noch gibt, sind oft in einem maroden Zustand mit nicht vorhandener oder veralteter medizinisch-technischer Ausrüstung. Medikamente stehen auch nicht zur Verfügung. Im Kontext von Corona gibt es zu wenige Schutzausrütungen und das Gesundheitspersonal ist unsicher und verängstigt über Ansteckungsmöglichkeiten. Ärzte, Gesundheits- und Pflegepersonal streiken immer wieder für bessere Arbeitsbedingungen und existenzsichernde Gehälter.

Es gibt im Land zu wenige Ärzte und Pflegekräfte. Im vergangenen Jahr wurden mehr als 500 Ärzte nach ‚illegalen Streiks‘ für bessere Arbeitsbedingungen entlassen und teilweise verhaftet. Die Dunkelziffer von Covid-19 Infektions- und Todeszahlen wird von vielen im Land wesentlich höher vermutet, nicht zuletzt auch wegen Vorerkrankungen und Infektionen wie Malaria, HIV und TB. Eine Malariawelle Anfang dieses Jahres im Land hat bisher mehr als 300 Todesopfer gefordert. Die Malariafälle haben dieses Jahr um 78% zugenommen! Darüberhinaus ist die Zahl der HIV- und Tuberkulose-Infektionen in Simbabwe weiterhin hoch.

Sind unmittelbare Folgen des Lockdowns auf den Straßen in Harare erkennbar?

Steffen Wiese: Reisen im Land sind noch nicht erlaubt, außer bei genehmigten Ausnahmen. Es gibt viel Polizeipräsenz und Straßensperren des Militärs im ganzen Land. Wenn man öffentlich unterwegs ist, muss eine Maske getragen werden und die meisten Geschäfte und Supermärkte bestehen auf Handdesinfektion vor Eintritt des Ladengeschäfts.

Hat sich die Lage um die Inflation noch weiter verschärft?

Steffen Wiese: Leider ja, sehr zum Nachteil der Mehrheit der bereits enorm wirtschaftlich leidenden Bevölkerung. Man geht davon aus, dass sich die Inflationsrate weiter erhöhen wird über die nächsten Monate. Es gibt aber auch Versuche, zumindest die Angestellten im öffentlichen Dienst etwas zu unterstützen. So wurde deren lokales Gehalt um 50% angehoben und es gibt einmalig einen extra Zuschuss von 75 USD pro Monat für drei Monate. Die Situation bezüglich der Währungswechselkurse und Preiserhöhungen ist weiterhin undurchsichtig und ungewiss. Seit Anfang April hat die Regierung den US Dollar wieder als offizielles Zahlungsmittel erlaubt. Jedoch verdient die Mehrheit der offiziell Angestellten ihr Geld nur in der wertlosen lokalen Währung. Viele Geschäfte verlangen inzwischen nur noch den US-Dollar, sehr zum Nachteil der Mehrheit der Bevölkerung. Dies soll sich nun anscheinend ändern und Geschäfte sollen in beiden Währungen auspreisen. Zusätzlich hat die Zentralbank die Benzin- und Diesel-Subvention abgeschafft. Das bedeutet, das die Benzin und Dieselpreise enorm in die Höhe schnellen werden und es wieder verstärkt Knappheit geben wird. Die Mehrheit der Bevölkerung kann sich dann kein Benzin oder Diesel mehr leisten.

Sind Märkte und kleine Straßenstände geschlossen?

Steffen Wiese: Einige Märkte haben seit Anfang Juni wieder geöffnet. Dies hilft insbesondere informellen Händlern, wie auch vielen Kunzwana-Mitgliedern, das so dringend benötigte Einkommen zu generieren. Einige konnten die Lockdown-Zeit nutzen für die Kreation neuer Designs und konnten vorhandene Materialien verarbeiten, die nun verkauft werden können. Es bleibt allerdings abzuwarten, wie erfolgreich insbesondere der Verkauf von Kunsthandwerk sein wird, denn es gibt keine Touristen im Land seit der Schließung der Grenzen im Frühjahr.

Gibt es von Seiten der Regierung Hilfestellung für Menschen, die im informellen Sektor arbeiten?

Steffen Wiese: Nein, eher das Gegenteil ist der Fall. Insbesondere seit Anfang der Corona-Krise Ende März diesen Jahres wurden alle informellen Märkte geschlossen, informelle Marktstände und Waren teilweise zerstört und Straßenhändler wurden aus den Stadtkernen entfernt. Für eine große Mehrheit dieser Menschen war es eine bittere Realität zwischen Verhungern und einer möglichen Corona-Infektion entscheiden zu müssen. Also ein Spiel mit dem Feuer: illegal Waren verkaufen, um auch nur ein Minimum an Einkommen für etwas zu Essen pro Tag zu generieren, gepaart mit einer hohen Wahrscheinlichkeit von der Polizei oder dem Militär verhaftet zu werden, da man die Corona-Regulierungen missachtet.

Was passiert mit den Kindern, die vor der Pandemie auf das Essen, das sie in der Schule erhalten haben, angewiesen waren, jetzt da die Schulen geschlossen sind. Gibt es Ersatzprogramme?

Steffen Wiese: Seitdem die Schulen geschlossen sind, gibt es keine direkten Schulersatzprogramme. Einige internationale Organisationen mit Hilfe lokaler Partner unterstützen besonders gefährdete Haushalte solange die Schulen geschlossen bleiben. Man hört immer wieder, dass die Schulen Ende Juli teilweise wieder öffnen sollen, da dann in den öffentlichen Schulen Examen stattfinden. Viele der öffentlichen Schulen haben seit der Schließung durch Corona keine Möglichkeiten und keine Finanzen den Schulbetrieb weiter aufrecht zu halten. Es gibt keine Internet- und Computer-Infrastruktur, die Online-Schule bzw. ein Fernstudium möglich machen würde. Dies bleibt leider nur priviligierten Schülern in Privatschulen vorbehalten. Ich habe vor kurzem erfahren, dass es ein paar Pilotmodelle von Radio Education gibt. So können zumindest einige Schüler*innen manchen Unterrichtsstoff über das Radio verfolgen.

Ist die befürchtete Verschlechterung der Ernährungssituation eingetroffen?

Steffen Wiese: Leider hat sich die Ernährungssicherheitssituation seit Corona noch weiter verschlechtert und es wird davon ausgegangen, dass viele Haushalte in den kommenden Wochen und Monaten noch drastischer darunter leiden werden. Laut internationalen Organisationen hat zur Zeit nur etwa die Hälfte der Bevölkerung eine gesicherte Ernährung.

Wie ist Ihre ganz persönliche Einschätzung der aktuellen Lage hinsichtlich der sozioökonomischen Auswirkungen auf die Armen?

Steffen Wiese: Meine persönliche Einschätzung klingt sicher schon etwas durch in meinen vorherigen Antworten. Die sozioökonomischen Auswirkungen des aktuellen Regimes sind absolut dramatisch. Es gibt weiterhin keine Maßnahmen zur Rechenschaftslegung oder Rechtssicherheit. Die Menschen, die nicht offiziell die ZANU PF Partei des sogenannten Präsidenten unterstützen, leben in ständiger Angst vor dem Militär und der Polizei.

Sie arbeiten bei der KWA, einer Partnerorganisation von BfdW. Wie wirkt sich der Lockdown auf die Arbeit von Ihnen und Ihren Kolleg*innen aus?

Steffen Wiese: Zuerst einmal ist es wichtig zu erwähnen, dass KWA auch weiterhin vor Ort aktiv ist. Wir betreiben wichtige Aufklärungsarbeit über das Virus und über geeignete Schutzmaßnahmen in den ländlichen Gemeinden und verteilen selbst hergestellte Schutzmasken und Desinfektionsmittel an besonders Beduerftige und Mittellose Menschen (s. Bildergalerie). Die lokale Anbindung an die Dörfer hilft uns da sehr gut weiter.

Ich gehöre als Expat in Simbabwe zu den Privilegierten. Mit einer relativ stabilen Internetverbindung arbeite ich seit dem Lockdown Ende März von zu Hause im Homeoffice. Ich habe in meiner bisherigen Arbeit bei Kunzwana einige wichtige Kontakte aufgebaut für Märkte und Geschäfte zum Verkauf von diversen landwirtschaftlichen Produkten und handgefertigten Waren vieler Kunzwana-Mitglieder. Diese Kontakte halte ich nach und versuche, so weit dies zur Zeit möglich ist, die Märkte und Geschäfte die geöffnet sind, mit Kunzwana-Waren logistisch in Verbindung zu halten und darüber den Verkauf zu gewährleisten. Die Kolleg*innen von unserem Hauptbüro in Harare arbeiten auch so weit es geht von zu Hause mit mobilem Internet für wichtige administrative Aufgaben, wie Berichte und Finanzen. Alle zwei Wochen haben wir ein virtuelles Meeting mit der Direktorin über WhatsApp oder Skype und bringen uns einander über erreichte Aktivitäten auf den Stand. Ich arbeite u.a. auch an der sozialen Medienpräsenz von Kunzwana und aktualisiere die jeweiligen Plattformen wie Facebook, Instagram und unsere neu aufgelegte Webseite mit einem Online Shop. Ich möchte erreichen, dass wir mehr internationale Kunden und Märkte erreichen. Dies wird auch mit unserer angestrebten Mitgliedschaft (hoffentlich noch dieses Jahr) bei der World Fair Trade Organisaton WFTO erwartet.

Das Interview führte Isabelle Uhe.

 

 

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