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Corona verschärft Ungleichheit

Die indische Friedens- und Menschenrechtsaktivistin Kamla Bhasin, Partnerin von Brot für die Welt, spannt in ihrem Interview einen Bogen von Indien um die ganze Welt und macht klar: Die Corona-Krise verstärkt Armut und Ungleichheit lokal und global. So wie bisher können wir nicht weitermachen.

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Frau Kamla Bhasin, Neu Delhi, Indien

Kamla Bhasin engagiert sich seit 50 Jahren für nachhaltige Entwicklung, Gleichberechtigung und Menschenrechte.

Larissa Breitenegger: Können Sie die aktuelle Situation in Indien vor dem Hintergrund der Corona-Krise kurz beschreiben?

Kamla Bhasin: Der indische Premierminister kündigte den totalen Lockdown mit nur wenigen Stunden Vorbereitung an: Am Abend verkündete er ihn, und bereits am nächsten Tag war alles zu, keine öffentlichen Verkehrsmittel waren mehr unterwegs. Die Menschen, die in Delhi arbeiten, verzweifelten: Sie wollten zurück nach Hause aufs Land fahren, weil ihre Existenzgrundlage in der Stadt von einem Tag auf den anderen vernichtet war. Sie strömten zu Hunderttausenden auf die Straßen, um zu Fuß in ihre Heimatdörfer zu gehen – 200, 300, 400 Kilometer entfernt. Das war nicht erlaubt – die Polizei stoppte sie, schlug sie. Reiche Menschen konnten sich ihre Transfers noch organisieren.

Larissa Breitenegger: Ungleichheit wird durch den Lockdown noch einmal stärker sichtbar.

Kamla Bhasin: Das ist unser Hauptproblem: Überall, wo Ungleichheit herrscht, gibt es diese Probleme. Es wird den Menschen gesagt: wascht eure Hände mehrmals am Tag. Wer gibt ihnen aber Wasser? Dann wird ihnen gesagt, sie sollen Sicherheitsabstand ein, zwei Meter einhalten – manche Menschen leben zu zehnt in einem Zimmer!

Larissa Breitenegger: Indien ist nicht das einzige Land, das diese Probleme durch den Lockdown hat.

Kamla Bhasin: In den USA haben sich 6,5 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet. Und die müssen versorgt werden. Und das ist machbar, wenn du nicht Jahrzehnte kapitalistischer Entwicklung durchgemacht hast. So wie in meinem Land: In den letzten 70 Jahren Unabhängigkeit haben wir uns nicht um unsere Armen gekümmert. Auch Amerika nicht, dort gibt es kein öffentliches Gesundheitssystem. Länder mit guten Sozialsystemen, guten öffentlichen Krankenhäusern, mit dieser Art Ausstattung – die werden sich leichter tun.

Indien ist eines jener Länder mit extremer Ungleichheit: Wir haben Millionen von Menschen, die keinen Job haben oder sehr wenig verdienen. Viele davon sind Tagelöhner. In unserem Land sterben 8.000 Menschen jeden Tag auf Grund von Hunger. Und wie viele Frauen sterben durch häusliche Gewalt? Hunderte jeden Tag, und das ist nicht nur in Indien der Fall – das ist auf der ganzen Welt so.

Larissa Breitenegger: Gibt es Unterschiede innerhalb Indiens?

Kamla Bhasin: Kein Gebiet ist frei von Ungleichheit – ich denke, es ist überall das Gleiche. In großen Städten, in welchen mehr Menschen von außerhalb sind, ist mehr Corona, weil es aus dem Ausland kommt: Das heißt, hauptsächlich reiche Menschen, oder die, die im Ausland leben, bringen es ins Land – aber die, die leiden, sind die Armen – nicht wegen Corona, sondern wegen Arbeitslosigkeit, Lockdown, Hunger.

Wenn Du Dich so lange nicht um die Armen gekümmert hast, kannst Du das nicht in zwei Wochen beginnen – dafür braucht es große Systeme.

Wir müssen unsere Werte überdenken. Für welche Werte leben wir? Ist Profit alles im Leben? Welches Wohlfahrts-System wollen wir? Kann Kapitalismus – der nur an Profit orientiert ist – sich wirklich um die Welt kümmern? Corona hat uns erneut gezeigt: wir sind eine Welt, wir sind verbunden, und wir müssen aufeinander achten. Die Ungleichheit in der Welt, wir müssen darauf Acht geben, und auch darauf, wie wir mit Mutter Natur leben. Die Art, wie wir bisher gelebt haben: Ich glaube nicht, dass das funktioniert.

Larissa Breitenegger: Gibt es einen Unterschied zwischen Männern und Frauen in der Krise?

Kamla Bhasin: Berichte auf der ganzen Welt zeigen: häusliche Gewalt steigt. Wie ich bereits sagte: Was auch immer das Muster in der Welt ist - wenn das Muster ist, dass Männer Gewalt gegen Frauen ausüben in normalen Zeiten, wird es sich in diesen Zeiten verstärken. Wenn das Muster ist, dass Arme Reichen dienen, wird sich das verschlimmern. Was auch immer wir für Leben führen: Es wird durch die momentane Situation verstärkt.

Larissa Breitenegger: Sie sagten, Sie hoffen, dass sich etwas ändert – glauben es aber nicht.

Kamla Bhasin: Es muss sich etwas ändern. Aber jene Regierungen wie die von Trump etc. – diese ganzen Regierungen hatten 250 Jahre lang Demokratie. Und schauen Sie sich die Ungleichheiten dort an, Armut, Feindlichkeit gegen andere Religionen, Ausländer… Das ganze System ändert sich nicht in zwei Wochen. Und es ist immer noch Geldmache dahinter – Menschen wollen immer noch Geld machen. Das kapitalistische System ist so. Wir leben da drin, wir tun es die ganze Zeit. Die meisten denken nicht, dass es eine andere Möglichkeit gibt, sie denken, dass Sozialismus tot ist.

Kamla Bhasin, 73, ist Sozialwissenschaftlerin und lebt in Neu Delhi. Sie engagiert sich seit 50 Jahren für nachhaltige Entwicklung, Gleichberechtigung und Menschenrechte. Sie ist im Netzwerk South Asia Network of Gender Activists and Trainers (SANGAT) tätig, das seit vielen Jahren von Brot für die Welt unterstützt wird. Als Vizepräsidentin der internationalen Organisation „FriedensFrauen weltweit“ gibt sie wichtige Impulse in der internationalen Friedensbewegung.

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