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Konferenz hofft auf Ende von Aids

Internationale Aidskonferenz in Melbourne sieht ambitioniertes Ziel vom Ende von Aids für 2030 erreichbar. Aber nur, wenn die internationale Gemeinschaft und jedes Land große Anstrengungen unternimmt. Das Aktionsbündnis gegen AIDS fordert von der Bundesregierung einen Beitrag von 400 Millionen Euro für den Globalen Fonds gegen AIDS.

 

Von Ehemalige Mitarbeitende am
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Die Eradikation des HI-Virus werden wir so schnell nicht sehen, wobei weiterhin darauf hingearbeitet wird. Es stellt sich jedoch als schwierig heraus, das Virus gänzlich zu eliminieren. Bisher ist die Eradikation nur einmal erfolgt und zwar beim sogenannten Berliner Patienten, dem Amerikaner Timothy Brown, der Knochenmark von einem Spender erhielt, welcher eine Genveränderung bei einem wichtigen Rezeptor hatte, der für die Übertragung des Virus entscheidend ist, so dass HIV nicht übertragen werden konnte. Nach der Knochenmarktransplantation war das HI-Virus nicht mehr nachweisbar.

Behandlung von HIV-positiven Babies muss früh einsetzen

Andere konnten bei sehr frühem Therapiebeginn für einige Zeit das Virus auch ohne Medikamente unter der Nachweisgrenze halten – aber immer nur für eine bestimmte Zeit. Irgendwann war dann das Virus doch wieder nachweisbar, wie auch bei dem geheilt geglaubten Mississippi-Baby, bei dem nach zwei Jahren ohne Therapie nun wieder das Virus nachweisbar ist und das Mädchen nun wieder auf die anti-retrovirale Therapie gesetzt werden musste. Es hat sich jedoch klar gezeigt: ein früher Therapiebeginn sorgt dafür, dass Menschen sehr schnell unter die Viruslastnachweisgrenze kommen, sehr viel weniger Begleit-Erkrankungen erleiden und Babies sehr viel bessere Überlebenschancen haben und sich bei ihnen keine großen Virus-Reservoirs bilden können.

Eine Podiumsdiskussion heute zur Behandlung von Kleinkindern sprach sich klar dafür aus, Viruslasttests nicht erst nach vier bis sechs Wochen durchzuführen (da bisher nur 44 Prozent der Babies von HIV-schwangeren Frauen auf HIV getestet werden), sondern möglichst schon gleich nach der Geburt. Die bisher eingesetzten Tests würden zu 80 Prozent auch schon gleich nach der Geburt ansprechen – damit wüsste man dann auch gleich, welches Baby man sofort auf Behandlung setzen müsse. Bisher werden die Babies nach etwa sechs Wochen getestet und man muss oft zwei Monate und länger auf das Ergebnis warten, so dass kostbare Zeit verloren geht, da über 30 Prozent der HIV-positiven Babies, die keine Behandlung bekommen, das erste Lebensjahr nicht erreicht.

Es werden gerade eine ganze Reihe von Viruslastgeräten hergestellt, die zum Teil auch in ländlichen Gebieten gut einzusetzen sind (kein geschultes Personal benötigen, hitzebeständig sind) und innerhalb von zwei Stunden Resultate liefern können. Ich habe mir heute selbst ein solches Gerät angeschaut, allerdings sind die Kosten bei Zehntausenden Euro pro Gerät und zwischen 30 und 50 US-Dollar pro Test für Entwicklungsländer kaum zahlbar, besonders wenn die Geräte möglichst nah an den Menschen, das heißt in ländlichen Kliniken eingesetzt werden sollen.

90/90/90 für die Überwindung von Aids

UNAIDS stellte mehrmals auf der Konferenz sein 90/90/90 Konzept für die Behandlung vor: Bis 2020 müssen 90 Prozent aller HIV-Positiven ihren HIV-Status kennen. Von denen, die HIV positiv testen, müssen 90 Prozent den Zugang zu Behandlung bekommen und von denen, die Zugang zu Behandlung haben, müssen 90 Prozent unter der Viruslastnachweisgrenze sein. Wenn wir das bis 2020 schaffen, ist nach Berechnungen von UNAIDS ein Ende von Aids bis zum Jahr 2030 möglich. Zusammen mit dem Globalen Fonds sprach sich UNAIDS dafür aus, sich nun hauptsächlich auf die Lokalitäten und Gruppen zu konzentrieren, die am stärksten von HIV betroffen sind – das heißt jedes Land nochmal genau unter die Lupe zu nehmen, um zu sehen, wo die meisten Neuinfektionen stattfinden, wo die meisten Menschen mit HIV leben und sich auf diesen Distrikt oder diese Örtlichkeit zu konzentrieren. Damit würde man am leichtesten die Epidemie beenden und die Finanzmittel am sinnvollsten einsetzen.

Das ist sicherlich ein strategisches Vorgehen, aber es beinhaltet weiterhin eine Kaskade, das heißt, es gehen uns unterwegs Menschen verloren. Und wenn auch prioritäre Maßnahmen in den am meisten von HIV betroffenen Gebieten Sinn machen, so bleibt unsere Forderung weiterhin, dass alle HIV-Positiven, die die Behandlung nach den neusten WHO-Empfehlungen benötigen, diese auch erhalten. Allerdings begrüßen wir als Zivilgesellschaft, dass UNAIDS erstmals auch die Qualität der Behandlung mit in sein Konzept aufnimmt. Bisher ging es darum, möglichst viele Menschen auf Behandlung zu setzen, was immer noch wichtig ist, da knapp 14 Millionen die Behandlung inzwischen bekommen, aber weitere 14 Millionen die Behandlung noch benötigen. Das allein wird Riesenanstrengungen benötigen. Genauso wichtig ist es jedoch zu sehen, dass die Behandlung erfolgreich ist, denn schließlich muss man HIV ein Leben lang behandeln und dafür verschiedene Behandlungsoptionen haben.

In den meisten Ländern wird alle drei bis sechs Monate ein sogenannter CD4-Test durchgeführt. Die Messzahl gibt Auskunft über die Stärke des Immunsystems, die Werte können jedoch stark fluktuieren, wenn noch andere Infektionen wie zum Beispiel ein grippaler Infekt dazukommen. Eine sehr viel bessere Methode um festzustellen, ob die Behandlung erfolgreich ist, sind sogenannte Viruslast-Tests, die das Virus im Blut nachmessen und damit feststellen können, ob das Virus unter der Nachweisgrenze ist (weniger als 50 Kopien pro Mikroliter Blut) oder wieder ansteigt. Damit ist auch klar, wann auf neuere Medikamente umgestellt werden muss. Diese Tests sind jedoch bisher kaum vorhanden – im öffentlichen Gesundheitssektor selbst von Hochprävalenzländern findet man sie oft nur in der Hauptstadt. Der Preis der Geräte und Tests spielt hier natürlich eine große Rolle. Michel Sidibé, Direktor von UNAIDS, forderte zu recht: „Wir benötigen dringend einen Viruslasttest, der weniger als 5 Dollar kostet.“

Finanzierung der erweiterten Therapie für arme Länder schwierig

Bisher ist der Großteil der HIV-positiven behandelten Menschen in Ländern geringen und mittleren Einkommens auf der ersten Therapielinie. Die zweite Therapielinie ist in den meisten Ländern noch vorhanden, kostet jedoch mindestens das Dreifache, die dritte Therapielinie besteht aus Medikamenten, die auch in Ländern wie Indien und China unter Patent stehen, so dass man hier nur sehr, sehr teure Originalpräparate einsetzen kann und diese pro Person und Jahr etwa 3.000 Dollar für Länder wie Südafrika und Nigeria kosten, für Länder wie Brasilien etwa 13.000 Dollar, für die russische Föderation sogar 30.000 Dollar. Summen, die für die Länder nicht mehr leicht aufzubringen sind. Da HIV ein Leben lang behandelt werden muss, müssen Länder auch in die Lage versetzt werden, die Therapie ein Leben lang für HIV-Positive zur Verfügung zu stellen. Deshalb fordern wir auch, dass diese neuen Medikamente in den Patentpool gestellt werden, so dass Generikafirmen geeignete Kombinationspräparate zu billigeren Preisen für Länder geringen und mittleren Einkommens herstellen können. Hier wollen wir auf der Konferenz auch Lobbygespräche mit Unternehmen führen, die diese neuen Medikamente herstellen. Bei der heutigen Demonstration ging es hauptsächlich um die Menschenrechte von HIV-Positiven, unter anderem auch um die Überwindung von Patentbarrieren, um ein Ende von Aids herbeizuführen und die lebenslange Behandlung zu ermöglichen.

Konkrete Zahlen zur Finanzierung von einem Ende von Aids wurden bisher auf keiner Podiumsdiskussion vorgestellt. Es wurde dazu aufgerufen, dass die Länder selbst mehr Mittel zur Verfügung stellen und auch die internationale Gemeinschaft mehr Mittel für den Globalen Fonds bereitstellt.

Forderung an die Bundesregierung: 400 Millionen für den Globalen Fonds

2013 trugen die Länder selbst schon 53 Prozent der gesamten zur Verfügung stehenden Mittel für HIV bei, die bei 19 Milliarden lagen. Südafrika – das Land, das schon jetzt 2,5 Millionen Menschen in Behandlung hat und etwa 50 Prozent von ihnen mit Viruslasttests abdeckt, hat vor, im Jahr 2016/2017 über 30 Milliarden Rand für HIV Maßnahmen auszugeben – der Großteil davon geht in die Behandlung. Aber die Gelder der internationalen Gemeinschaft werden weiterhin für viele Länder sehr wichtig bleiben. Wenn der internationalen Gemeinschaft das Ende von Aids wirklich am Herzen liegt, muss HIV sowohl im Post-2015 Prozess wie auch bei den monetären Zuwendungen zu wichtigen Finanzierungsinstrumenten wie dem Globalen Fonds, einen höheren Stellenwert bekommen. Als Aktionsbündnis gegen AIDS fordern wir schon seit Jahren von der Bundesregierung, 400 Millionen Euro für den Globalen Fonds zur Verfügung zu stellen. Das wäre ein erster wichtiger Schritt, um einen deutschen Beitrag zum Ende von Aids zu leisten.

Aber es ist auch klar, dass die rein technischen Interventionen nicht ausreichen. Wie Mark Dybul, Direktor des Globalen Fonds, heute sagte: ‘HIV feeds on discrimination.’ Stigma und Diskriminierung müssen weiter bekämpft werden, damit Menschen überhaupt Zugang zu Informationen, zu Prävention und Behandlung erhalten. Diskriminierende Gesetze müssen abgeschafft werden, sonst werden stark von HIV betroffene und einem hohen Risiko ausgesetzte Gruppen wie Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), SexarbeiterInnen, Drogennutzende nicht erreicht. Auch eine Kriminalisierung von HIV führt lediglich dazu, dass sich Leute nicht mehr testen lassen wollen und ist deshalb eine sehr kontra-produktive Maßnahme. Beim Zugang zu Behandlung muss vor allem Stigma in Gesundheitseinrichtungen bekämpft werden, so dass MSM, Teenagern, SexarbeiterInnen, Drogennutzenden und HIV-Positiven offen begegnet wird und sie die Leistungen in Anspruch nehmen können, die sie benötigen.

Nachdem Mark Dybul sein Konzept : ‘From Epidemic to Low-Level Endemicity‘  vorgestellt hatte mit der Fokussierung auf besonders betroffene Gebiete und Regionen und einer Zurverfügungstellung aller Angebote, die wir in der Prävention und Behandlung haben, meinte er: ‚Can we do it?‘ Das wäre nicht die Frage, sondern: ‚Will we do it?‘

 

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