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Mittelmächte und Halbwahrheiten in Davos

Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos räumt der kanadische Premierminister Mark Carney offen ein, dass die regelbasierte internationale Ordnung nie fair war. Seine Antwort darauf ist jedoch nicht Gerechtigkeit, sondern Selbstschutz. Sein Aufruf zu Allianzen der Mittelmächte klingt weniger nach Transformation als nach dem Versuch, nicht selbst zum nächsten Ziel imperialer Zwangsmaßnahmen zu werden.

Von Daniel Belalcázar Serna am
Mine San Andres in Copán

Die Mine San Andres wird in Honduras vom kanadischen Bergbauunternehmen Aura Minerals ausgebeutet.

In Davos hielt Mark Carney eine viel beachtete Rede, die in Politik, Medien und Wirtschaft als ungewöhnlich scharfsinnig und schonungslos gelobt wurde. Kommentator*innen hoben hervor, dass er offen das Ende der regelbasierten internationalen Ordnung benannte und die geopolitische Lage vor und seit der Trump-Ära präzise analysierte. Was dabei als neue Klarheit gefeiert wurde, ist aus der Perspektive vieler Benachteiligter dieser Welt jedoch seit langem Realität.

Eine Anklage ohne Umverteilung

Es ist bemerkenswert, dass diese Aussagen von einem Staatschef stammen, dessen Land durch die Vertreibung und Ausrottung indigener Völker sowie koloniale Ausbeutung entstanden ist. Neu sind sie jedoch nicht. Wissenschaftler*innen, Aktivist*innen, Indigene und dekoloniale Denker*innen haben schon seit langem aufgezeigt, dass die „regelbasierte” Ordnung nie zu allgemeiner Stabilität geführt hat, sondern zu einer zutiefst ungleichen Form relativer Stabilität. Diese stützte sich auf selektive Rechtsdurchsetzung, wirtschaftlichen Zwang, militarisierte Gewalt und Ausbeutung. Dieses Ordnungssystem diente vor allem den Ländern mit dem höchsten Verbrauch an natürlichen Ressourcen, deren Ausbeutung in fremden Territorien wiederum untrennbar verbunden war mit Logiken der Enteignung und gewaltsamen Vertreibung. All dies wurde unter dem Paradigma der „Entwicklung“ legitimiert. Regierungen wie die Kanadas agieren innerhalb dieser Dynamiken und profitieren von ihnen.

Carney benennt diese Ungerechtigkeit, geht jedoch nicht auf ihre Folgen ein. In seiner Rede bleibt offen, wie das System so verändert werden könnte, dass es für jene gerecht wird, die systematisch Gewalt und Enteignung ausgesetzt waren und sind. Deutlich wird diese Logik in Carneys Warnung: „Wenn wir nicht mit am Tisch sitzen, stehen wir auf der Speisekarte.“ Doch wer stand historisch gesehen auf dieser Speisekarte? Rassifizierte und kolonisierte Gemeinschaften, die Kriegen, Sanktionen, Ausbeutung und Umweltzerstörung ausgesetzt waren. Indigene Völker, darunter die First Nations des heutigen Kanadas, deren Enteignung die materielle Grundlage für denselben Staat schuf, der sich nun vor  geopolitischer Unsicherheit schützen will. Unweigerlich stellt sich die Frage: Will Carney, dass niemand mehr auf der Speisekarte steht? Oder vielmehr, dass Länder wie Kanada ihren Platz am Tisch sichern?

„In Wahrheit leben“, aber nur, wenn es anderen wehtut

Carney stützt seine Argumentation auf Václav Havels "Die Macht der Machtlosen" und verweist auf den Lebensmittelhändler, der einem ungerechten System Loyalität zeigt, um Ärger zu vermeiden. Er deutet an, dass sich die „middle powers“ ähnlich verhalten hätten, indem sie die regelbasierte Ordnung aufrechterhielten, während sie deren Widersprüche privat erkannten. Der Vergleich überzeugt, bleibt aber unvollständig. Die Mittelmächte hielten nicht nur aus Angst daran fest.  Sie beteiligten sich als sekundäre Nutznießer und als Unterstützer des US-Imperialismus.

Über Jahrzehnte hinweg schützten globale Vereinbarungen einige Bevölkerungsgruppen, während andere Gewalt, Ausbeutung und frühem Tod ausgesetzt waren, oft entlang rassischer, geschlechtsspezifischer und kolonialer Linien. Was Carney heute als „angenehme Fiktion“ bezeichnet, funktionierte für jene, die der Macht nahestanden. Dringlichkeit entstand nicht, als Ungerechtigkeit sichtbar war, sondern erst, als ihre destabilisierenden Folgen jene erreichten, die lange Zeit davor geschützt waren.

Dies erklärt Carneys Rückgriff auf Thukydides und die Warnung, dass „die Starken tun, was sie können, und die Schwachen leiden, was sie müssen“. Seine Antwort besteht nicht darin, diese Logik infrage zu stellen, sondern sicherzustellen, dass die Mittelmächte nicht zu „den Schwachen“ werden. „In Wahrheit leben“ findet sich mit einer Welt ab, in der Leiden unvermeidlich bleibt, solange es andere trifft.

Stärke, Ausbeutung und wessen Land die Kosten trägt

Carney beschreibt Kanadas Antwort auf globale Instabilität als Hinwendung zur Stärke und verweist dabei auf Energievorkommen, kritische Mineralien, Investitionen und steigende Verteidigungsausgaben. Diese Darstellung verknüpft Stärke mit der Kontrolle über Ressourcen, Infrastruktur und Kapitalflüsse, die weltweit weiterhin sehr ungleich verteilt sind.

Ein genauerer Blick auf die Geschäftspraktiken vieler kanadischer Bergbauunternehmen in Teilen Lateinamerikas macht dies deutlich. Diese Industrien stützen die grüne Wende und die strategische Autonomie Kanadas. Sie fördern die für diese Transformation zentralen Rohstoffe überwiegend außerhalb des eigenen Territoriums und sind dabei häufig mit Landenteignung, Umweltzerstörung und Konflikten mit lokalen und indigenen Gemeinschaften verbunden, die nur begrenzte Möglichkeiten haben, sich der Ausbeutung zu widersetzen. Dies sind keine Ausnahmen, sondern Merkmale einer globalen Wirtschaft, die an einigen Orten Stabilität sichert, indem sie andere Orte und Gesellschaften entbehrlich macht.

Das gleiche Muster zeigt sich auch innerhalb Kanadas. Der Reichtum, den Carney hervorhebt, beruht auf nicht abgetretenem indigenem Land und auf der historischen wie fortdauernden Enteignung der First Nations, Inuit und Métis. Wenn Kanada sich als Vorreiter in Energie- oder Nachhaltigkeitsfragen präsentiert, rücken ungelöste Fragen indigener Souveränität, der Kontrolle über Ressourcen und der Umweltgerechtigkeit selten in den Mittelpunkt. Stärke reproduziert hier Hierarchien, die festlegen, wessen Land ausgebeutet und wessen Zukunft aufgeschoben wird.

Was Ehrlichkeit von der internationalen Zusammenarbeit verlangen würde

Wenn es den Mittelmächten ernst ist mit dem Anspruch „in Wahrheit leben“, muss Ehrlichkeit über das bloße Anerkennen von geopolitischer Unsicherheit hinausgehen. Teilwahrheiten, die als visionär präsentiert werden, bergen die Gefahr, Gemeinschaften und Völker zu verdecken, die systematisch von den vorgeschlagenen, angeblich kollektiven Lösungen ausgeschlossen bleiben.

Vor der gleichen Herausforderung steht die internationale Zusammenarbeit. Sie entstand als Reaktion auf die Entkolonialisierung und übersetzte Forderungen nach Gerechtigkeit häufig in technische Interventionen, während koloniale Machtverhältnisse weitgehend bestehen blieben. Zwar hat sie Leid gelindert, doch sie wirkte zugleich in einer Welt, die von einer massiven und zutiefst ungleichen Verteilung von Wohlstand, Risiken und Lebenschancen geprägt ist. Bis heute bleibt internationale Zusammenarbeit eng mit Machtverhältnissen verflochten, die in der Kolonialzeit entstanden sind. Voranzukommen hieße, Standards konsequent anzuwenden, auch gegenüber Verbündeten. Das würde bedeuten, indigene Souveränität, Umweltgerechtigkeit und globale Ungleichheit als grundlegend zu behandeln.

Davos mag glauben, Zeuge eines Bruchs in der Weltordnung zu sein. Eine dekoloniale Lesart legt nahe, dass dieser Bruch nie verschwunden war. Neu ist, dass jene, die lange am Tisch saßen, sich zunehmend von einem Wirtschaftssystem bedrängt fühlen, dessen Appetit von Natur aus unstillbar ist.

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Kleinbäuerin Claudine Hashazinyange mit Avocados vom Baum ihres Schwiegervaters. Schülerinnen in Äthiopien

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