Interview

Hunger: Wie schlimm die Weizenkrise Ägypten trifft

Eish – das ist das ägyptische Wort für „Brot“, es steht auch für „Leben“. So wichtig ist Brot in dem nordafrikanischen Land. Aber Ägypten ist ein Hauptabnehmer von Weizen aus der Ukraine und Russland. Der Krieg und die dadurch ausbleibenden Exporte treffen Ägypten besonders hart, mahnen Andrea Zaki und Samira Luka von unserer Partnerorganisation CEOSS.

Von Maike Lukow am
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Maike LukowRedakteurin für entwicklungspolitische Publikationenmehr zur Person

Verkauf von Weizenbrot in Ägypten

Weizenbrot ist in Ägypten ein Grundnahrungsmittel.

In Ägypten wird sehr viel Weizen-Brot gegessen. Ist es seit Ausbruch des Ukraine-Kriegs weniger oder teurer geworden?

Andrea Zaki: Weizen war in den vergangenen Jahrzehnten immer ein Problem für Ägypten, weil er überwiegend importiert wurde. Jetzt will die Regierung angesichts der ausbleibenden Importe aus der Ukraine wieder verstärkt selbst Weizen anbauen lassen, ganz im Süden Ägyptens, vor allem in Toshka. Momentan reichen die Weizenbestände in den Speichern noch bis etwa Ende des Jahres. Aber schon jetzt ist Brot viel teurer geworden.

Was kostet ein Laib Brot denn aktuell?

Samira Luka: Früher haben die meisten Ägypterinnen und Ägypter für einen Laib Brot, der 90 Gramm wiegt, weniger als ein Euro-Cent (0,05 ägyptische Pfund) bezahlen müssen. Denn der ägyptische Staat subventionierte bisher den Brotpreis; 63 der 100 Millionen Ägypterinnen und Ägypter hatten bisher Anspruch auf dieses subventionierte Brot. Das gibt es in etwa 30.000 Bäckereien. Dieser Anspruch wurde vielen wegen der Weizenknappheit gestrichen, nur die Ärmsten der Armen können noch Brot zu diesem niedrigen Preis kaufen. Die Mittelschicht zahlt ohnehin ein Vielfaches für nicht subventioniertes Brot, das jetzt nochmal um 25 Prozent teurer geworden ist. Nun hat die Regierung den Preis für unsubventioniertes Brot im März gedeckelt: Er darf nicht den Preis von einem ägyptischen Pfund pro 90-Gramm-Laib übersteigen, das sind umgerechnet fünf Euro-Cent.

Könnte der Staat angesichts der fehlenden Weizen-Importe die Subventionen für Brot ganz streichen?

Andrea Zaki: Das glaube ich nicht. Es drohen sonst Revolten, wie es sie schon früher gab. Allerdings hat der Staat die Subventionen beispielsweise für Benzin und Strom zurückgefahren.

Was sind die Folgen des höheren Brotpreises?

Andrea Zaki: Es ist extrem hart für die Familien.

Samira Luka: Ja, und es sind auch andere Lebensmittel wie Obst und Gemüse teurer geworden, auch als Folge der Klimakrise und von Extremwetter, wodurch Ernten geringer oder ganz ausfielen. Tomaten sind beispielsweise zur Ernte viel kleiner als früher – und kosten mehr. Früher hat ein Kilo drei ägyptische Pfund gekostet (15 Euro-Cent), auf einmal kostet dieselbe Menge 20 bis 25 ägyptische Pfund (bis zu 1,25 Euro). Außerdem ist Wasser bei uns knapp, gerade Getreide wie Reis braucht jedoch beim Anbau viel Wasser. Der Preisanstieg hat aber auch seine guten Seiten, plötzlich werden die Lebensmittel viel mehr wertgeschätzt, beispielsweise das Brot. Es wird viel weniger weggeworfen.

Bei CEOSS arbeiten Sie eng mit Bäuerinnen und Bauern zusammen. Warum bauen nicht mehr Bauern in Ägypten Weizen an?

Samira Luka: Für die Bäuerinnen und Bauern ist der Anbau von Getreide eine Herausforderung, denn er ist teuer, man braucht Düngemittel usw. Aber jetzt ist es ja Regierungsstrategie, selbst Weizen anzubauen. Sie unterstützt die Bauern verstärkt dabei. Sie hat sich auch verpflichtet, den Bauern mehr Getreide abzunehmen.

Was tun Sie, um diese Bauern zu unterstützen?

Wir unterstützen im Rahmen eines großen Projekts Bauern dabei, sich beispielsweise in Kooperativen zu organisieren und gemeinsame Wertschöpfungs- und Vermarktungsstrukturen zu schaffen. Auf diese Weise haben sie am Markt mehr Gewicht und können ein besseres Einkommen für ihre meist in Armut lebenden Familien erreichen. Das macht sie resistenter gegenüber Krisen. Wir schulen auch, wie sie verschiedene Lebensmittel nachhaltiger und ertragreicher anbauen können, nicht zuletzt durch eine App mit Beratung zu klima-angepasstem Anbau. Wir stellen Saatgut bereit, das resistenter ist beispielsweise bei Dürre. Außerdem geben wir Kredite zur Anschubfinanzierung. Und wir stärken die Vernetzung zwischen lokalen und staatlichen Angeboten und den Kleinbäuerinnen und -bauern. All das macht mich optimistisch, die drohenden Nahrungsmittel-Engpässe durchzustehen.