Blog

Südsudan: Zehn Jahre nach der Unabhängigkeit

Der Südsudan ist seit zehn Jahren unabhängig, doch die Freiheit hat erhebliche Schattenseiten. Marina Peter kennt das Land seit seiner Gründung und zieht Bilanz.

Von Renate Vacker am
Bild von Renate Vacker
Renate VackerPressesprecherin
Telefon: +49 (0) 30 65211-1833renate.vacker@brot-fuer-die-welt.de
mehr zur Person

.

Vor zehn Jahren, am 9. Juli 2011, wurde der Südsudan als eigener Staat gegründet. Damit ging eine lange Phase der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen der Zentralregierung im Nordsudan und Befreiungsbewegungen im Süden zu Ende. Marina Peter von Brot für die Welt hat die Entwicklung des afrikanischen Landes von Anfang an begleitet und berichtet im Gespräch mit Renate Vacker über die Situation heute. 

Mit der Unabhängigkeit ihres Landes haben die Menschen im Südsudan große Hoffnungen auf ein besseres Leben in Frieden und Sicherheit verbunden. Wie haben Sie diesen historischen Moment erlebt?

Marina Peter: Ich erinnere mich noch sehr lebhaft daran, wie ich vor zehn Jahren zusammen mit Tausenden Menschen auf der Tribüne im Stadion in Juba, der Hauptstadt des Südsudan, stundenlang in der erbarmungslosen Sonne schwitzte, schier endlosen Reden ausgesetzt. Als schließlich die Fahne des Sudan heruntergeholt, die des Südsudan aufgezogen und die neue Nationalhymne noch etwas holprig gespielt wurde, brach ohrenbetäubender Jubel aus, Schweiß mischte sich mit Tränen. Bei mir ebenfalls, wenn auch vielleicht aus anderen Gründen. Trotz oder vielleicht gerade wegen all der unbändigen, nie zuvor und niemals wieder erlebten Freude ringsum musste ich selbst in diesem historischen Moment daran denken, wie schnell all die mit der Unabhängigkeit verbundenen enormen Erwartungen und Hoffnungen in Enttäuschung und Wut umschlagen würden. An Zeichen, dass es zunächst einmal nicht gut gehen würde in diesem neuen Staat, mangelte es nämlich schon damals nicht.

Welche Zeichen waren das?

Seit der Übergangszeit nach dem Friedensschluss 2005 saßen größtenteils politik-unerfahrene ehemalige Rebellen in höchsten Ämtern, auch der Regierung. Sie waren es gewohnt, sich mit Gewalt alles zu nehmen und glaubten nun, als „Befreier des Landes“ jedwedes Recht zu haben, damit weiter zu machen, ohne Rücksicht auf die Versorgung und den Schutz der Bevölkerung. Durch den langen Krieg fehlte praktisch jedwede Infrastruktur. Es gab so gut wie keine Beschäftigungsmöglichkeit außerhalb von Administration, Militär und Regierung. Zugleich war viel zu viel Geld in den Händen weniger, durch Einnahmen aus der Ölförderung, aber durchaus auch ins Land gepumpt von der internationalen Gemeinschaft.

Welche Folgen hatte das?

Die Korruption breitete sich immer mehr aus. Schnell kam es zu internen Machtkämpfen, oft entlang ethnischer Linien. Die im Friedensvertrag angestrebte Versöhnung als Basis für ein friedliches Zusammenleben hatten nur ganz wenige ernst genommen. Es ging nun nicht mehr um die Aufarbeitung von tiefsitzenden Traumata und die Frage, in welcher Form genau denn das Zusammenleben der vielen verschiedenen Gruppen im Südsudan den Verhältnissen angepasst gerecht gestaltet werden müsste. All dies gepaart mit unterschiedlichen Erfahrungen und oft mangelndem Verständnis für vielen der neu ins Land Kommenden oder aus der Diaspora Zurückkehrenden sowie schließlich Unmengen von Waffen in den Händen von fast allen Männern bildete eine höchst gefährliche Gemengelage. Sie führte dann schließlich im Dezember 2013 fast zwangsläufig zum erneuten Krieg, dieses Mal zwischen Regierung und diversen Gruppen im Süden. Die unbändige Freude bei der Unabhängigkeit kurz zuvor verwandelte sich schnell in erneutes unendliches Leid mit Gräueltaten bisher unbekannten Ausmaßes. Heute, im Juli 2021, ist die Lage insgesamt so sehr wie nie zuvor geprägt von Armut, Hunger, Angst, Rechtlosigkeit und Misstrauen aller gegen alle, auch gegenüber Menschen, die nicht aus dem Südsudan kommen. All das bedeutet aber nicht, dass es im Land nicht auch ganz viele Veränderungen zum Besseren gebe würde.

Welche Veränderungen sind das?

Allein, dass es seit dem Friedensschluss im Südsudan Ende 2018 nicht zu erneuten Kämpfen größeren Ausmaßes gekommen ist, dass die sexuelle Gewalt zurückgegangen ist, muss schon als Erfolg gewertet werden. Die Menschen sind ohnehin kriegsmüde und sehnen sich nach Ruhe und wenigstens dem Existenzminimum, um aus eigener Kraft überleben zu können. Es gibt immer mehr nicht-staatliche kleine Organisationen und Kirchen im Land, die an friedlicher Konfliktlösung und Versöhnung arbeiten, außerdem eine vielfältige Szene, die mit den kreativsten Ideen und kulturellen Mitteln zu friedlicher Veränderung aufruft.

Welche Hoffnungen hat die junge Generation?

Die meisten Menschen in Südsudan haben es längst aufgegeben, darauf zu hoffen, dass die alten und alternden Eliten und Kader sich noch ändern und auf ihre eigentliche Verantwortung besinnen werden. Vor allem die jungen Leute setzen stattdessen ganz eindeutig auf den natürlichen Faktor Zeit, und bereiten sich teils intensiv auf eine Zeit „danach“ vor. Kaum noch jemand setzt auf Veränderung von oben oder außen, sondern auf die von unten und innen. So gibt es gerade „vor Ort“ ganz lokal interessante vielversprechende Ansätze, über die leider viel zu wenig berichtet wird. Bei all den Konflikten gibt es benachbarte Gemeinden mit unterschiedlichen Ethnien, die ganz ausdrücklich zusammenarbeiten; andere besinnen sich auf gut funktionierende lokale Traditionen der Selbstverwaltung und Selbstversorgung, wieder andere berufen bewusst Frauen an die Spitze.

Welche Rolle spielen die Partnerorganisationen von Brot für die Welt?

Partnerorganisationen von Brot für die Welt spielen eine zunächst klein erscheinende, im Zusammenspiel mit anderen aber sehr entscheidende Rolle. Auch Projektpartner, die vor allem im Bereich Ernährungssicherheit oder Gesundheitsfürsorge arbeiten, haben schon vor Jahren eine friedensfördernde oder eine Versöhnungskomponente in ihre Programme aufgenommen. In den Flüchtlingslagern im benachbarten Uganda unterstützt Brot für die Welt ähnliche Projekte, damit die Menschen vorbereitet sind, für ihren Lebensunterhalt zu sorgen und in Frieden mit anderen zusammen zu leben, wenn sie denn endlich in ihre Heimat zurückkehren können.Andere Partner sind schon lange im Bereich der Bearbeitung von Traumata und von psychosozialer Begleitung tätig. Wir unterstützen ein Fortbildungsprojekt zu ziviler Aktion und friedlichem gesellschaftlichen Wandel, in dem Mitarbeitende in Partnerorganisationen und andere, die ja selbst oft seit Jahren unter äußerst gefährlichen, von vielen Rückschlägen geprägten Bedingungen leben und arbeiten, sich ihrer Stärke bewusst werden.

All dies hilft auch mit, dass Partner selbst nicht den Mut verlieren, dass sie weiter an positive Veränderungsmöglichkeiten glauben und aktiv mit friedlichen Mitteln den gesellschaftlichen Wandel mitgestalten. Dass die Menschen im Südsudan diese Veränderung schaffen, davon bin ich immer noch zutiefst überzeugt. Es braucht eben nur Zeit, gutes Zuhören und genaues Hinschauen jedes und jeder Außenstehenden, im Bewusstsein dessen, wie wenig wir selbst nach Jahren wirklich begriffen haben - und möglichst wenig interessegeleitete Beeinflussung von außen.