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Konfliktfeld Bioökonomie

Eine neue Publikation von Brot für die Welt beleuchtet Risiken und Herausforderungen der deutschen Bioökonomiestrategie aus entwicklungspolitischer Sicht

Von Eike Zaumseil am
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Eike Zaumseil Referent Klima und Landwirtschaft
Telefon: +49 (0) 30 65211-1851 eike.zaumseil@brot-fuer-die-welt.de
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Als die Bundesregierung vergangenes Jahr die Nationale Bioökonomiestrategie verabschiedete, war das Konzept, das in den nächsten Jahren mit mehreren Milliarden Euro gefördert werden soll, vielen Menschen noch weitgehend unbekannt. Bioökonomie beschreibt im weitesten Sinne eine Wirtschaft, die verstärkt auf biologischen Ressourcen - statt auf fossilen Rohstoffen – basiert. Sie verspricht Ökonomie und Ökologie miteinander zu verbinden und gilt vielen Entscheidungsträger*innen im Kontext der Klimakrise als wichtiger Lösungsansatz für die notwendige Abkehr von Kohle, Öl und Gas.

 

Mit nachwachsenden Rohstoffen zu mehr Nachhaltigkeit?

Schon der Begriff „Bioökonomie“ suggeriert etwas Positives und erinnert an die Bioprodukte im Supermarkt. Die zunehmende Mobilisierung, Nutzung und Kontrolle biologischer Ressourcen für wirtschaftliche Zwecke birgt jedoch weitreichende Risiken für Mensch und Natur, insbesondere in den Ländern des Globalen Südens. Schon heute sind die ökologischen Grenzen des Erdsystems - insbesondere durch die intensive Agrarproduktion - in vielen Bereichen massiv überschritten und Bioökonomie entsteht im Spannungsfeld bestehender Konflikte um Land, Wasser, Nutzungsrechte und Patente. In Ländern wie Indonesien oder Brasilien haben Abholzung, Vertreibungen und Flächenkonkurrenzen in Folge der gestiegenen Biokraftstoffproduktion die Zielkonflikte dieser Strategie mit Ernährungssicherheit, Landrechten und dem Schutz der Biodiversität plastisch vor Augen geführt.  

Dass die bloße Substitution fossiler durch nachwachsende Rohstoffe noch keinen Wandel zu mehr Nachhaltigkeit bedeutet, wird auch in der Nationalen Bioökonomiestrategie der Bundesregierung thematisiert. Das zugrunde liegende Wachstumsparadigma wird aber nicht grundsätzlich in Frage gestellt. Vielmehr wird der umfassende Anspruch formuliert, Natur in all ihren Facetten – von Pflanzen über Tiere, bis hin zu Mikroorganismen – wirtschaftlich zu nutzen sowie bio- und gentechnisch zu verändern. Statt die Wirtschaft auf die Einhaltung ökologischer Belastungsgrenzen hin auszurichten, sollen natürliche Prozesse nach den Anforderungen der Industrie optimiert werden. Diese ökonomistische Sicht auf Natur wirft nicht nur grundsätzliche Ethik-, Gerechtigkeits- und Verteilungsfragen auf, sondern kollidiert auch mit dem Schutz der Biodiversität und dem Naturverständnis indigener Völker, auf deren Territorien sich ein Großteil der noch unberührten Ökosysteme der Erde befinden.

 

Eckpunkte für eine nachhaltige Bioökonomie

Vor diesem Hintergrund beleuchtet die Publikation „Konfliktfeld Bioökonomie“ dominante Narrative und zentrale Handlungsfelder der Nationalen Bioökonomiestrategie und formuliert Eckpunkte für ihre sozialverträgliche und ökologisch tragfähige Umsetzung.

Zweifellos bietet die Nutzung nachwachsender Rohstoffe nach dem Vorbild und in den Grenzen natürlicher Kreisläufe, große Chancen für den Natur- und Klimaschutz. Um ihren Nachhaltigkeitsanspruch einzulösen, darf Bioökonomie aber nicht vorrangig als High-Tech Strategie definiert werden, die mit Gentechnik und Monokulturen die Intensivierung der Landnutzung vorantreibt und bei der die Machtkonzentration im globalen Agrarsektor genauso aus dem Blick geraten, wie das in der UN-Biodiversitätskonvention verankerte Vorsorgeprinzip.

Bioökonomie kann auch nicht bedeuten, den Import von Biomasse und damit unseren virtuellen Land- und Wasserverbrauch auf Kosten von Menschen und Ökosystemen in anderen Ländern immer weiter auszuweiten. Nicht nur Arbeitsplätze, Wettbewerbsfähigkeit und angeblich grünes Wachstum in Deutschland dürfen die strukturierenden Leitideen der Bioökonomie sein. Vielmehr ist es entscheidend, natürliche Ökosysteme zu erhalten, eine vielfältige agrarökologische Landwirtschaft zu entwickeln und insbesondere die Menschenrechte auf Nahrung und Wasser weltweit umzusetzen. Ohne einen drastisch verringerten Rohstoffverbrauch, echte Kreislaufwirtschaft und die Umsetzung der Menschenrechte, droht sich das Hamsterrad von Wachstum und Naturzerstörung gerade in einer biobasierten Wirtschaft immer weiter und schneller zu drehen. Die Länder des Globalen Südens blieben erneut die Rohstofflieferanten für eine konzerngetriebene High-Tech Bioökonomie, die den Ländern des Nordens ihre Wettbewerbsfähigkeit und ihren Wohlstand sichert.

Eike Zaumseil und Stig Tanzmann