Interview

„Bis 2030 müssen wir das Ruder herumreißen“

Mit dem Pariser Abkommen hat die Weltgemeinschaft die Grundlage dafür gelegt, die Klimakrise in den Griff zu bekommen. Noch drücken sich die Regierungen davor, es umzusetzen ‒ doch der Druck auf die Politik ist so groß wie nie. Es gibt Zeichen der Hoffnung, meint Sabine Minninger, Referentin für Klimapolitik bei Brot für die Welt.

 

Von Thorsten Lichtblau am

Sabine Minninger

Frau Minninger, erinnern Sie sich noch an den 12. Dezember 2015?

Klar! Diesen Tag werde ich mein Leben lang nicht mehr vergessen... Da wurde das Pariser Abkom­men verabschiedet ‒ ein Meilenstein in der internationalen Klimapolitik.

Was war das damals für ein Gefühl?

Ein wahnsinniges Gefühl der Erleichterung. Denn bis zur letzten Sekunde konnte ich mir nicht vorstellen, dass die 196 teilnehmenden Staaten an einem Strang ziehen würden. Als die Einigung über Lautsprecher verkündet wurde, hatte ich mir gerade einen Platz im Plenarsaal gesucht, um dort ein paar Stunden zu schlafen. Ich hatte mich auf eine lange Nacht eingestellt und dann plötzlich: der Durchbruch!

Wie kam es überhaupt dazu, dass Sie als Vertreterin von Brot für die Welt in Paris teilnehmen konnten?

Brot für die Welt hat seit 2008 einen Beobachter­status beim UNFCCC, dem Klimasekretariat der Vereinten Nationen. Das heißt, wir können bei den Klimakonferenzen unsere Stimme erheben. In der Regel tun wir das im Rah­men größerer Bündnisse wie dem Climate Action Network International, einem Dachverband von Umwelt­ und Ent­wicklungsorganisationen, oder unserem protestantischen Netzwerk, der ACT Alliance.

Wie sieht Ihr Engagement bei den Klimagipfeln genau aus?

Zunächst einmal veröffentlichen wir Positionspapiere, in denen wir unsere Forderungen darlegen. Dann infor­mieren wir die Medien Tag für Tag über den Fortgang der Verhandlungen und sagen dabei zum Beispiel auch, welches Land an welcher Stelle welchen Beschluss blockiert hat. Zudem führen wir direkte Gespräche mit politischen Entscheidungsträgern, wie der deutschen Umweltministerin. Last but not least organisieren wir Veranstaltungen wie den „Klimazeugenabend“. Dort schildern Vertreterinnen und Vertreter unserer Partnerorganisationen den politisch Verantwortlichen aus Deutschland, welche Folgen der Klimawandel für die jeweiligen Länder hat ‒ aber auch welche Lösungen sie vorschlagen.

Und: Bringt das etwas?

Auf jeden Fall. Dass die Bewältigung klimabedingter Schäden und Verluste Teil des Abkommens geworden ist, obwohl dies von den meisten Industriestaaten bis zur letzten Verhandlungsnacht abgelehnt worden war, ist sicherlich auch auf unsere Beharrlichkeit und die unserer Partnerorganisationen zurückzuführen. So hat man es mir jedenfalls von Seiten der deutschen Verhandlungsdelegation gesagt.

Worin liegt denn die Bedeutung des Pariser Abkommens?

Das Abkommen kann die Grundlage dafür sein, die globale Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen und die schlimmsten Folgen der Klimakrise abzufedern. Es kann dazu beitragen, Armut, Ungerechtigkeiten und Ungleichheit zu überwinden, die durch den Klimawandel hervorgerufen werden. Kurz gesagt: Es kann das Überleben unseres Öko- systems und der Menschen, die darin leben, sichern.

Aber?

Die entscheidende Frage ist, wie die einzelnen Staaten das Abkommen umsetzen. Die entsprechenden Regeln müssen erst noch vereinbart werden. Man kann sich das Abkommen wie eine neue Waschmaschine vorstellen, die voll funktionsfähig ist, für die es aber noch keine Bedienungsanleitung gibt. Daran arbeiten wir jetzt seit fünf Jahren. Einige Punkte konnten bereits geregelt werden, wie zum Beispiel ein einheitliches Berichtswesen. Andere sind noch offen, wie die Regulierung der Kohlenstoffmärkte.

Warum ziehen sich die Verhandlungen so lange hin?

Es mangelt am politischen Willen. Bislang warten alle Nationen darauf, dass sich die anderen zuerst bewegen. Dabei haben wir nur noch neun Jahre Zeit. Bis 2030 müssen wir das Ruder herumreißen, wenn wir die globale Erwärmung auf 1,5 Grad begrenzen wollen. Schaffen wir das nicht, wird es sehr schwer, die Folgen der Klimakrise noch zu bewältigen. Aktuell steuern wir auf eine Erwärmung von 3 Grad bis zum Ende des Jahrhunderts zu. Deswegen müssen wir jetzt beginnen, unsere Treibhausgasemissionen drastisch zu reduzieren.

Wie optimistisch sind Sie, dass das gelingen wird?

Sehr optimistisch. Und zwar in erster Linie aufgrund von „Fridays for Future“. Diese Bewegung hat den politisch Verantwortlichen klargemacht, dass sie den Klimawandel nicht länger ignorieren können ‒ zumindest nicht, wenn sie wiedergewählt werden wollen. Die Botschaft ist angekommen: Alle etablierten Parteien in Deutschland ‒ mit Ausnahme der AfD ‒ wissen um die Dramatik der Klimakrise. Ich habe den Eindruck: Es geht jetzt wirklich ein Ruck durch die Politik.

Woran machen Sie das fest?

Die EU hat sich zuletzt deutlich ehrgeizigere Klimaziele gesetzt, Deutschland scheint auf dem Weg dorthin. Und auch die internationale Klimapolitik nimmt wieder an Fahrt auf ‒ trotz Pandemie finden zahlreiche virtuelle Treffen statt. Schließlich gibt es auch positive Signale aus den USA: Joe Biden zeigt sich entschlossen, die Klimakrise einzudämmen.

Fürchten Sie nicht, dass die Parteien nach der Corona-Krise vor drastischen Maßnahmen zum Klimaschutz zurückschrecken werden ‒ mit dem Argument, jetzt müsse gespart und die Wirtschaft gestärkt werden?

Nein. Denn die Bevölkerung lässt sich das nicht länger gefallen. Zudem trifft die Klimakrise auch die Wirtschaft hart: Allein in Deutschland haben die Dürren der letzten Jahre Milliarden Kosten verursacht. Und nicht zuletzt hat das Bundesverfassungsgericht im Mai klargestellt, dass der Staat jetzt handeln muss. Er darf die Verantwortung für die Bewältigung der Klimakrise nicht zukünftigen Generationen aufbürden.