Blog-Beitrag

Neuer feministischer Dialog zu Fundamentalismus

Gläubige und feministische Frauen treten derzeit in Brasilien in einen neuen Dialog miteinander, um sich gegen Fundamentalismus zu wehren. Sie kritisieren die Nekropolitik der Regierung Bolsonaro unter christlichem Deckmantel und fordern Bekenntnis zu Diversität und Geschlechtergerechtigkeit.

Von Tina Kleiber am
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Tina Kleiber Beraterin Partnerqualifizierung zu Geschlechtergerechtigkeit
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Ansicht Zoom Videokonferenz

Ein besonderer austausch, der digital weitergeht

Der Bedarf nach Austausch über Strategien im Umgang mit religiösem Fundamentalismus ist groß. Dies wurde deutlich bei einer von Brot für die Welt einberufenen südamerikanischen Konsultation zu Geschlechtergerechtigkeit. Eingeladen von der Partnerorganisation Flora Tristán aus Peru kamen letztes Jahr in Lima 35 Expert*innen zusammen. Dort bildeten sich mehrere Arbeitsgruppen, die sich der Thematik nun in verschiedenen Regionen widmen. Eine davon wollte diesen Monat in Brasilia einen landesweiten Austausch zwischen Pastorinnen und Vertreterinnen feministischer Organisationen gestalten.

Nun verlagert sich dieser Dialog in eine Serie von Videokonferenzen. Zu der digitalen Gruppe zählen christliche Pastorinnen ebenso wie Vertreterinnen afro-brasilianischer und perspektivisch auch indigener Glaubenstraditionen als auch Repräsentantinnen feministischer Organisationen wie SOS Corpo und PACS. Gemeinsam setzen sie sich mit Diffamierung von Frauen und LGBT und der Vereinnahmung des Glaubens durch rechte Ideologie seitens der Regierung Bolsonaro auseinander. Ihr Anliegen ist es, mit einer landesweiten Kampagne, die fundamentalistische Propaganda im Kontext der Covid-19 Pandemie aufzuzeigen und dieser entgegen zu treten. Dabei ist ihnen das aufeinander zugehen, das Überwinden von Schubladendenken und der Respekt für Vielfalt besonders wichtig.

Schubladendenken überwinden – Diversität leben

Die Initiatorinnen der Kampagne zeigen, dass sich der christliche Fundamentalismus in Brasilien in Regierungshandeln übersetzt und sich einer „Theologie des Todes“ bedient. Sie entlarven ihn als unvereinbar mit Werten der Mitmenschlichkeit, Menschenrechte und Geschlechtergerechtigkeit. „Der Präsident und seine Hetze vergiften den Glauben der Menschen. Wir haben eine Regierung, die sich einer mörderischen Liturgie bedient und sie mit der Bibel legitimiert“ so Cibele Kuss, Leiterin der Lutherischen Stiftung und Diakonie FLD in Brasilien. „Gegenüber dieser Entwicklung muss die Kirche den Mund aufmachen.“

Fundamentalistischer Umgang mit Covid-19 in Brasilien

Ziel ist es, diejenigen Frauen zu erreichen, die die Pandemie unmittelbar trifft, weil sie kaum Zugang zu adäquater Information über schützende Verhaltensregeln bekommen. Frauen, deren Einkommen aus prekärer Beschäftigung wegbrechen und die aufgrund der sanitären Krise mangelnder Trink- und Abwasserversorgung, besonders gefährdet sind. Viele arme, in ihrer Mehrheit schwarze Frauen leben in den vom Staat in jeder Hinsicht vernachlässigten Vierteln am Rande der brasilianischen Millionenstädte. Sie bekommen die Grausamkeit der aktuellen Politik, welche wirtschaftliche Erwägungen über den Schutz von Menschenleben stellt, hautnah zu spüren: für die Gesundheit ihrer selbst und ihrer Familien kann das überforderte und seit 2016 kaputt gesparte öffentliche Gesundheitssystem nicht sorgen. Viele sind zudem mit zunehmender häuslicher Gewalt konfrontiert.

Von Nächstenliebe keine Spur!

“Die Haltung unseres Präsidenten ist unverantwortlich und menschenverachtend“ so Romi Bencke, Vorsitzende des Nationalen Rats der christlichen Kirchen - CONIC. Der selbsternannte „Messias“ Jair Bolsonaro manipuliert christlichen Glauben, um seine rechtsextreme Haltung zu rechtfertigen. Er fordert seine Anhänger zum Protest gegen Schutzmaßnahmen auf und nimmt Ansteckung billigend in Kauf, indem er suggeriert, Covid-19 könne im Glauben gefestigten Menschen nichts anhaben. Religiöser und ökonomischer Fundamentalismus gehen hier Hand in Hand. Der Schutz der Wirtschaft ist wichtiger als die Rettung von Menschenleben.

Bei aller christlicher Rhetorik, arme Frauen und ihre Bedürfnisse sind unsichtbar und unwichtig für die Regierung Bolsonaro, daraus macht der Präsident keinen Hehl und das zeigt Covid-19 einmal mehr. Für die christliche Rechte und ihre Alliierten existieren weder strukturelle Ungleichheit, noch Diskriminierung und auch für die eklatant hohe Rate an Gewalt gegen Frauen haben sie ein eigenes Patentrezept. Bolsonaro propagiert schlicht, dass Frauen ihr Verhalten ändern müssten, nicht etwa gewalttätige Männer.

Unter den armen Frauen sind auch viele, die evangelikalen Kirchen angehören und Präsident Bolsonaro ihre Stimme gegeben haben. Das Mindeste, was sie jetzt brauchen, so die Einschätzung der Dialoggruppe, sind Schutz, Respekt und Hoffnung! Schutz vor Ansteckung und Gewalt, Respekt und Lohn für die Versorgungsarbeit, die sie leisten und Aufklärung darüber, dass diese fundamentalistische Politik nichts mit Glaube, Bibel oder Gottes Willen zu tun hat. Deshalb haben sie für die Kampagne das Motto „Was Dein Schweigen über Deinen Glauben sagt“, gewählt.

„Was Dein Schweigen über Deinen Glauben sagt“

Sie soll Botschaften zu Widerstand, Leben und einem menschenrechtsbasierten und auf Gleichberechtigung beruhenden Glauben entwickeln. Dabei soll es Raum für Vielfalt und Diversität geben. Noch ist die abschließende Wahl der Figuren der Kampagne nicht getroffen. Ideen reichen von biblischen Protagonistinnen wie Miriam oder den Königinnen Waschti oder Esther, afrikanischen Yabas oder der Nonne und Philosophin Sor Juana Ines de la Cruz. Zum Einsatz kommen sollen Hörbeiträge fürs Handy ebenso wie fürs Radio oder für Infofahrräder, wie sie derzeit mit Lautsprechern durch die Viertel fahren.

Nicht nur in Brasilien fühlen sich besonders gläubige Frauen derzeit berufen, ihren Glauben aus den Klauen des christlichen Fundamentalismus zu befreien. So haben beispielsweise Vertreterinnen der lateinamerikanischen Community of Practice Gender der ACT Allianz eine Webinarreihe gestartet, welche sich der Rolle der kirchlichen Organisationen im Kampf gegen Gewalt an Frauen widmet. Ebenfalls in Planung sind Schulungsmodule für Lobbyarbeit über sexuelle und reproduktive Rechte. So gehen Dialog und Vernetzung zu Geschlechtergerechtigkeit auch in Coronazeiten weiter.

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