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Guatemala: Coronakrise verstärkt Armut noch

Am 1. Oktober 2020 endete in Guatemala der Notstand. Kabinett und Parlament hatten ihn im März wegen der COVID-19-Pandemie ausgerufen. Der Lockdown bremste den Virus zwar leicht aus. Doch der rechtskonservative Präsident konnte die Rechte der Menschen im Land stark einschränken. Und noch mehr Familien rutschten in die Armut ab oder hatten nicht genug zu essen. Vor allem Indigene.

Von Gastautoren am
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Essensausgabe der Olla Comunitaria in Guatemala-Stadt

Essensausgabe der Olla Comunitaria in Guatemala-Stadt

17 Millionen Menschen leben in Guatemala, einem kleinen Land in Mittelamerika – und viele von ihnen leiden massiv unter den Folgen des Coronavirus. Bis zum 27. Oktober 2020 haben sich offiziellen Angaben zufolge fast 105.000 Menschen mit dem Virus infiziert, 3.651 starben daran. Die tatsächliche Zahl ist wohl sehr viel höher - im Land wird kaum getestet.

Nachdem am 13. März der erste Corona-Fall publik geworden war, verhängte der rechts-konservative Präsident Alejandro Giammattei mit Unterstützung des mehrheitlich konservativen Parlaments rasch einen Lockdown und legte das öffentliche Leben nahezu still: Grenzen wurden geschlossen, ganze Regionen des Landes isoliert – und die Menschen durften nur noch zwischen 4 Uhr morgens und 16 Uhr das Haus verlassen.

Anfangs begrüßte eine Mehrheit im Land diese Maßnahmen. Doch die Unterstützung schwand - und schwindet weiterhin - zusehends. Schnell stand die Regierung in Verdacht, nur die Interessen der Wirtschaftseliten zu bedienen. Sie machte den Unternehmen großzügige finanzielle Zusagen und erließ Dekrete, die Arbeitsrechte aushöhlten. Vielen Menschen wurde fristlos gekündigt.

Am stärksten trifft die Krise daher bis heute Beschäftigte sowie kleine und mittelgroße Firmen. Weil die Umsätze im Tourismus, in der Gastronomie sowie in der Transportbranche ab März einbrachen, verloren Tausende ihren Arbeitsplatz. Andere müssen für weniger Lohn mehr Stunden arbeiten – letzteres mit der Folge, dass sich beispielsweise in den Textilfabriken noch mehr Menschen mit dem Virus ansteckten, weil die Betreiber der Fabriken ihre Arbeiter nicht ausreichend schützten und auf Hygiene- und Abstandsregeln achteten.

Viele Familien, die sich mit informellen Arbeiten oder mit Billiglohnjobs über Wasser hielten, verloren schlagartig ihr Einkommen, weil der Verkehr stillstand und Märkte und Kleinhandel mit strengen Auflagen versehen wurden. Die Regierung kündigte zwar ein Sozialprogramm an, den Bono Familia. Einkommensschwache Familien sollten drei Raten in Höhe von umgerechnet je 110 Euro an staatlicher Hilfe erhalten. Bis zum 30. Juni hatten über 2,6 Millionen Familien die Soforthilfe beantragt. Doch die Auszahlung verzögerte sich. Viele Familien haben die letzte Rate bis heute nicht bekommen. Parallel dazu tut sich die Regierung schwer damit zu belegen, wohin ein Großteil des aufgelegten Hilfspakets von umgerechnet 1,2 Milliarden Euro floss. Die Zivilgesellschaft spricht von Korruption.

Viele Guatemalteken sind chronisch unterernährt

Schon vor der Corona-Krise hatten etwa 2,3 Millionen Menschen – mehr als jeder Siebte - nicht ausreichend zu essen oder waren mangelernährt. Diese Zahl könnte sich infolge der Pandemie kurzfristig mehr als verdoppeln, schätzten UN-Experten zu Beginn der Krise. Rund vier Millionen haben zudem kein sauberes Wasser, können sich ergo nur schwer vor dem Corona-Virus schützen.

Besonders schlimm sind Kinder dran: Laut UNICEF ist die Hälfte der Kinder im Land chronisch unterernährt – so viel wie nirgendwo sonst in Lateinamerika. Im weltweiten Vergleich landet Guatemala diesbezüglich auf dem traurigen 6. Platz. Von 1.000 Kindern sterben 44, bevor sie das fünfte Lebensjahr erreichen – gerade in den Regionen, in denen vor allem Indigene leben, etwa in Alto Verapaz oder Quiché.

Diese Regionen sind, wie ganz Guatemala, auch besonders hart vom Klimawandel betroffen. Nur zwölf Länder leiden nach Angaben von Germanwatch noch stärker darunter. Die Ursachen sind hausgemacht: Allein zwischen 1990 und 2015 wurde mehr als die Hälfte des Primärwaldes im Land abgeholzt. Bergbauunternehmen, Agrarindustrie und Wasserkraftwerke beuten Wasservorkommen aus, die durch giftige Rückstände und Abwässer privater Haushalte ohnehin zu 90 Prozent verunreinigt sind. Dürren oder massive Regenfälle erhöhen die Not der Menschen noch. Viele migrieren in die Städte. Oder Richtung USA.

Es herrscht extreme Ungleichheit im Land

Die sozialen Missstände in Guatemala haben mehrere Ursachen. Eine wesentliche ist, dass Land, Besitz und Macht noch immer in Händen weniger liegen. Als der sozialliberale Präsident Jácobo Árbenz in den fünfziger Jahren versuchte, das neofeudale System mit einer Agrarreform aufzubrechen, fegten ihn Oberschicht und US-amerikanische Konsortien wie die United Fruit Company aus dem Amt. Seitdem nimmt eine kleine Elite unverhohlen Einfluss auf Politik und Rechtsprechung – und sorgt dafür, dass Volkseinkommen und Böden weiterhin extrem ungleich verteilt sind. Das zeigen auch Zahlen: Die Agroindustriellen im Land stellen zwar nur knapp zwei Prozent der landwirtschaftlichen Produzenten - aber ihnen gehören zwei Drittel des Bodens. Hingegen müssen sich die 92 Prozent der Kleinbauern und Kleinbäuerinnen 22 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen teilen. Besonders die indigene Bevölkerung der Maya, Xinka und Garífuna leidet unter der ungerechten Verteilung in Guatemala. Sie leben meist von dem, was sie anbauen, oder arbeiten als Tagelöhner oder Hausangestellte zu oftmals unmenschlichen Bedingungen. Der Staat hat – wider seiner internationalen Verpflichtungen - bislang wenig unternommen, die Rechte der indigenen Bevölkerung zu schützen und zu fördern.

Kaum Intensivbetten und Beatmungsgeräte

Auch im Gesundheitswesen hat die Pandemie die bestehenden Missstände noch deutlicher gemacht. Krankenhäuser gibt es nur in den größeren Städten. Die ländlichen Gesundheitszentren sind kaum ausgestattet. Zudem ist der Gesundheitssektor so stark wie kaum ein anderer Bereich von Korruption durchzogen: 2015 kam heraus, dass ein kriminelles Netzwerk um den damaligen Präsidenten Otto Pérez Molina mehr als eine Milliarde Dollar aus dem Staatshaushalt (etwa 1,8 % des BIP) veruntreut hatte. Einen Großteil des Geldes haben die Beteiligten beim Bau von Krankenhäusern und dem Kauf medizinischer Geräte abgezweigt. Pérez Molina kostete dieser Skandal zwar sein Amt. Allerdings wurde auch die UN-getragene Internationale Kommission gegen Straflosigkeit (CICIG), die diesen und andere Korruptionsfälle in Guatemala mit aufklärte, 2019 des Landes verwiesen.

Den Preis zahlt die Bevölkerung: Anfang April, zu Beginn der Corona-Krise, gab es im ganzen Land nur 56 Notfallbetten mit Beatmungsgeräten. Als die Ansteckungskurve im Juni nach oben schnellte, wurden unzählige Patienten nach Hause geschickt, weil Krankenhäuser und medizinisches Personal heillos überfordert waren. Während des Höhepunkts der Krise im Juli starben in Guatemala mehr COVID-Erkrankte als in ganz Zentralamerika. Mittlerweile verfügt das Land – auch durch internationale Spenden – über 1.353 Beatmungsgeräte (Stand 15. Oktober).

Brot für die Welt half schnell

Während des Lockdown wurde die Not der Menschen Tag für Tag sichtbarer. Unzählige standen, mit weißen Fähnchen in der Hand, am Straßenrand und baten um Essen oder Geld. Spontan gründeten sich einige Bürgerinitiativen. Sie halfen dort, wo der Staat versagte. Ollas Comunitarias, „Bürgersuppenküchen“, versorgten die Ärmsten über private Spenden mit einer warmen Mahlzeit. Auch Brot für die Welt reagierte schnell. Über das Programm ACTuando Juntas Jotay, eine Gemeinschaftsinitiative verschiedener ökumenischer Hilfswerke, zu der auch Brot für die Welt gehört, wurden Projektmittel, die die Partnerorganisationen von Jotay wegen der landesweiten Beschränkungen nicht wie vorgesehen verwenden konnten, freigegeben – und damit Nothilfe- und Hygienemaßnahmen zu unterstützen. Das linderte die Not der Menschen. Auch in entlegenen Gemeinden.

Sorge vor „zweiter Welle“

Mitte Juli erreichte Guatemala den vorläufigen Höhepunkt der Gesundheitskrise mit rund 27.500 aktiven Infektionsfällen. Seitdem sank die Zahl auf derzeit rund 6.700 aktive Fälle. Deswegen hat die Regierung die Einschränkungen gelockert und die Ausgangssperren aufgehoben. Die Landesgrenzen und der internationale Flughafen sind ebenso wie Restaurants und Bars wieder geöffnet, doch Masken müssen weiterhin in allen öffentlichen Räumen getragen werden, auch auf den Straßen und Märkten. Denn noch immer melden 122 der landesweit 340 Munizipien mehr als 25 aktive Fälle pro 100.000 Einwohner. Auf dem von Mexiko übernommenen Ampelsystem heißt das: „Infektionsstufe Rot“. Im Grunde hatte die Regierung keine Alternative zur Lockerung des Lockdown. Zu hoch waren Armuts- und Hungerzahlen gestiegen, zu stark wurde der Druck seitens des mächtigen Unternehmerverbands CACIF.

Und doch sind viele Guatemalteken skeptisch, ob die Öffnung der richtige Schritt ist. Viele fürchten eine zweite Ansteckungswelle, und das wohl nicht unbegründet, denn die Infektionszahlen steigen bereits wieder leicht an. Und für viele bedeutet eine Rückkehr zur „Normalität“ ohnehin nur eine Rückkehr zu den Missständen - ohne große Aussicht auf Verbesserung.

 

Der Autor:

Jan Schikora wurde als Fachkraft im Entwicklungsdienst von Brot für die Welt nach Guatemala vermittelt und arbeitet dort im Büro des Programms ACTuando Juntas Jotay. Der Artikel erschien zuerst im FoodFirst 3/2020, einer Publikation von FIAN Deutschland. Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um eine aktualisierte Version.

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