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Sommermärchen in Russland – was bleibt?

Die Fußball-WM in Russland geht ihrem Ende zu. Russland hat sein Sommermärchen erlebt. Entgegen aller Erwartungen ist die russische Sbornaja bis ins Viertelfinale gekommen und hat Favoriten wie Spanien geschlagen.

Von Christina Margenfeld am
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Christina Margenfeld Kampagnenkoordinatorin 100 Millionen
Telefon: +49 (0) 30 65211-1540 christina.margenfeld@brot-fuer-die-welt.de
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NGOs leisten in Russland einen wichtigen sozialen Beitrag. Betreuung von HIV-infizierten Kindern in Jekaterinburg.

 Auf den Straßen haben die Menschen gefeiert und sich mit den internationalen Fans verbrüdert. Laut Nationaltrainer Stanislaw Cherchesov hat die russische Mannschaft „das Land auf den Kopf gestellt.“ 

Doch was bleibt vom größten Sportereignis der Welt zurück im Land? Die Kosten internationaler Mega-Events steigen immer weiter an. Die WM in Russland ist die teuerste in der Fußballgeschichte. Analysten der internationalen Beratungsfirma CBRE schätzen, dass für jeden Besucher 4.694 US-Dollar ausgegeben wurden, berechnet an der gesamten Infrastruktur, von denen die Kosten für Bau und Ausstattung der Sportanlagen ein knappes Drittel ausmachen. (Quelle: hub/russland.NEWS). Allein die Zenit Arena in St. Petersburg hat rund eine Milliarde Euro gekostet und gilt nach Wembley als teuerstes Stadion der Welt. In der zweitgrößten Stadt Russlands führten die enormen Ausgaben zu Einsparungen bei den Budgets für Bildung und Soziales. Die gesamten Kosten der WM übersteigen die Sozialausgaben im russischen Haushalt.  

Am Rande der Gesellschaft

Während über vier Milliarden US-Dollar in den Aufbau von 12 Stadien in 11 Städten geflossen sind, leben immer noch viele Menschen in Russland am Rande der Gesellschaft. Alleinerziehende Mütter, Arbeitslose, Obdachlose und Menschen, die mit Erkrankungen wie HIV/Aids, psychischen oder physischen Behinderungen leben, trifft es am härtesten. Informelle Arbeitsverhältnisse und Niedriglohnarbeit sowie häusliche Gewalt sind nur einige der vielen Probleme. Fürsprecher finden sie oftmals in Nichtregierungsorganisationen, die versuchen, die sozialen Probleme des Landes zu mildern und Versorgungsnetze zu schaffen. Mit ihrer Lobby- und Advocacyarbeit setzen sie sich für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte marginalisierter Gruppen ein, um ihnen Zugang zur Gesundheitsversorgung, zum Bildungssystem und zum Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Neben der sozialen Absicherung, geht es auch um gesellschaftliche Teilhabe.  Doch Nichtregierungsorganisationen arbeiten in einem schwierigen Umfeld und sind immer wieder selber bedroht. „NGO-Aktivistinnen und -Aktivisten sind teilweise Gewalt ausgesetzt, werden verhaftet und konstruierter Vergehen beschuldigt. Damit wird ein Klima der Angst und des Misstrauens geschaffen und die Zivilgesellschaft gespalten“, so Sabine Erdmann-Kutnevic, Projektverantwortliche für Osteuropa.      

HIV-Epidemie wird tabuisiert

Auch die Stigmatisierung und Diskriminierung von Randgruppen ist ein großes Problem. Eng damit verbunden ist die Ausbreitung von HIV/Aids in Russland. Das Land verzeichnet weltweit die höchsten HIV-Zuwachsraten. Doch systematische und umfangreiche Präventions- und Gesundheitsprogramme gibt es nicht. „Mit 100.000 Neu-Infektionen pro Jahr ist die Epidemie längst im Stadium der Generalisierung, das Virus breitet sich in der Durchschnittsbevölkerung aus. Dennoch lehnt die Regierung weltweit bewährte Programme sowohl zur Prävention als auch zur Behandlung von HIV und Drogensucht ab, Betroffene werden oftmals stigmatisiert und kriminalisiert“, so Susanne Müller, Referentin für Osteuropa.  

Während weltweit der Zugang zu antiretroviralen Therapien für Menschen, die mit HIV leben, weitgehend gewährleistet ist, geht die WHO davon aus, dass in Osteuropa und Zentralasien lediglich 35% der Betroffenen Zugang haben. „Eine Trendwende ist gerade in Russland nicht in Sicht, da Drogengebrauch, Homosexualität, Prostitution und HIV als Problem von Randgruppen abgetan wird und in der öffentlichen Diskussion so gut wie nicht vorkommt, so Susanne Müller. „Mit einer flächendeckenden Aufklärungsarbeit oder nationalen Informationskampagnen könnte man in Zukunft viel erreichen.“