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Von meinem lachenden und meinem weinenden Auge

Von Ehemalige Mitarbeitende am
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Ehemalige Mitarbeitende
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Jetzt wo der letzte Monat wirklich begonnen hat, bin ich schon ein wenig in Abschiedsstimmung. Ich bin nun wirklich im Stress noch alle Mitbringsel zusammen zu suchen, will noch ein wenig reisen und noch so viel kamerunisches Essen essen wie möglich.

Wo der Flug nun fast vor der Haustür liegt, habe ich ein lachendes und ein weinendes Auge zurückzukommen.

Mein lachendes Auge freut sich schon auf all das gute Essen, meine Familie und Freunde, auf die ganzen Freizeitbeschäftigungen wie Kino, Theater oder einfach nur am See sitzen aber auch wieder wirklich mein Gehirn anzustrengen und zu lernen. Natürlich habe ich unglaublich viel für mein Leben gelernt, aber Mathe, Chemie, Erdkunde etc. das alles hat sich leider in unergründliche Ecken meines Kopfes verzogen.

Aber auch über die zurückgewonnene Privatsphäre werde ich dankbar sein, denn zum Beispiel war ich letzte Woche zu Besuch in einem Dorf in der Nähe von Kumbo und habe nach der Toilette gefragt. Dass es nur ein Loch im Boden war, war für mich nicht verwunderlich und auch kein Problem, aber mir wurde gesagt: "zweite Tür rechts". Das Problem war, da war gar keine Tür, also schaute man von dem „Stillen Ort“ direkt in das Fenster eines Schlafzimmers.

Auch oft nur als „die Weiße“ assoziiert zu werden, werde ich nicht vermissen. Wie oft habe ich die Frage „ Willst du mich heiraten?“ von Männern gehört, die ich zum ersten Mal getroffen habe. Da geht es nicht um Liebe, sonderen wie ich vermute, leider um meine Hautfarbe und das damit assoziierte Geld oder die Aussicht in den „Westen“ zu kommen. Damit zusammenhängend fühle ich mich auch mit den ganzen „Whiteman“- und „La Blanche“-Rufen auf der Staße, die zwar bei Kindern meist nur Aufregung und bei Erwachsenen ein Mittel mit mir in Kontakt zu kommen sind, unwohl. Es gibt mir das Gefühl auf meine Hautfarbe reduziert zu werden und dieses Gefühl habe ich hier leider meiner Meinung nach viel zu oft.

Ich sehne mich auch vor allem wieder sehr nach Gleichberechtigung und Anonymität. Nicht in jedem Laden verhandeln zu müssen, weil man schon wieder einen viel zu hohen „Whiteman-Preis“ bekommen hat, nicht in der Schlage vor dem Ticketschalter vorgezogen zu werden, weil man eine Fremde ist, nicht alle Augen auf einen heften zu haben, wenn man durch die Straßen läuft, nicht so oft Leute, die sich mit dir unterhalten und deine Nummer wollen, einfach durch die Straßen zu laufen, ohne das es jemanden interessiert was man macht und wohin man geht. Ich weiß, dass es die Menschen hier auf keinen Fall böse meinen und dass ich mich darüber freuen sollte, dass sie an mir interessiert sind und das mache ich auch. Aber es gibt einfach Tage, da hat man keine Lust sich zu unterhalten und an solchen Tagen ist es schwer für mich das Positive darin zu sehen.

Mein weinendes Auge wird aber auch gerade diese Offenheit der Kameruner vermissen, dass man einfach irgendwo in ein Gespräch verwickelt wird, dass manchmal Vorurteile abbauen und andere Sichtweisen öffnen kann. Vor allen Dingen werde ich aber auch die lebendigen Straßen vermissen, die Musik, die schon morgens um sechs aus den Lautsprechern meines Nachbarn tönt, die kleinen Stände überall am Straßenrand, in denen man alles Nötige findet und die Frauen und Männer, die durch die Gegend ziehen und leckere Kleinigkeiten verkaufen.

Zudem werde ich die Freiheit vermissen, die ich hier habe - meine eigenen vier Wände -, die wenigen Regelungen überall, die auch Fahrten zu neunt im Auto möglich machen und das viele für mich recht kostengünstige Reisen innerhalb des Landes.

Ich werde es vermissen mir Kleidung schneidern zu lassen, auf Stoffmärkte zu gehen, frisches Ost und Gemüse bei den kleinen Läden um die Ecke zu kaufen und auf jeden Fall die Zeit, die hier so ganz anders tickt als in Deutschland. Wenn ich daran denke, dass der Zug in meinem Ort wieder um genau 13:27 Uhr abfahren wird, stellt sich bei mir schon die Frage, wie ich das denn eigentlich schaffen soll, denn hier habe ich nie die Not pünktlich auf die Minute zu sein. Nach einem Anruf mit einem „I’m coming“ (Ich komme) können auch schon mal 2 Stunden vergehen bis man auftaucht und keiner hier würde einem böse sein. In Deutschland wäre das wohl eher nicht der Fall, ich erinnere mich nur zu gut daran wie ich mich selbst gestresst habe, um pünktlich überall aufzutauchen. Egal wo hin man auf dem Weg ist oder was man macht, man hat hier immer Zeit für small talk mit Freunden und für jeden wäre das als Entschuldingung für Zuspätkommen vollkommen in Ordnung.

Somit bin ich im Moment gespaltener Meinung, ob ich gerne zurückkommen würde oder nicht. Aber mit Sicherheit kann ich sagen, dass ich meinen letzten Monat in meiner zweiten Heimat noch genießen werde und gespannt bin, wie es sein wird, wenn ich wieder in meiner ersten Heimat gelandet bin.

Bis dahin, liebe Grüße von mir!

 

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