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Faith on the Fast Track

Von Ehemalige Mitarbeitende am
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Ehemalige Mitarbeitende
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Die interreligiöse Vorkonferenz in Durban, die am Wochenende des 16. und 17. Juli stattfand und über 200 Teilnehmende hatte, setzte sich mit Medikamentenzugang, Menschenrechten und Stigma auseinander und verpflichtete sich dazu, große Anstrengungen zu unternehmen, um bis 2020 Präventions-, Stigma- und Behandlungsziele zu erreichen

Nach 16 Jahren kehrt die Aidskonferenz nach Durban zurück. Das Bild von Nkosi Johnson, dem 11-jährigen Jungen, der damals schon sehr krank war und dem es darum ging, dass HIV-Positive Behandlung erhalten und nicht stigmatisiert werden, geht wohl keinem mehr aus dem Kopf. Er sagte damals: "Care for us and accept us. Don’t be afraid of us." Nkosi starb wenige Monate nach der Konferenz, weil damals noch keine anti-retroviralen Medikamente in Südafrika zur Verfügung standen.

Südafrika ist Vorreiter bei HIV-Behandlung

Viel ist in Südafrika – aufgrund einer aktiven Zivilgesellschaft und vor allem aufgrund der unermüdlichen Arbeit der Treatment Action Campaign, deren Anliegen auch sehr stark von Kirchen unterstützt wurden, geschehen. Es waren auch die Kirchen, die damals mit Behandlung begonnen hatten, als der südafrikanische Staat die Behandlung hinauszögerte. Heute hat Südafrika das größte HIV-Behandlungsprogramm der Welt: 3,4 Millionen HIV-Positive erhalten anti-retrovirale Medikamente, aber Südafrika hat nach wie vor auch die höchste Anzahl an HIV-Positiven: knapp sieben Millionen Menschen leben in Südafrika mit HIV. Südafrika will ab September "Test and Treat" umsetzen und wird enorme Anstrengungen unternehmen müssen, damit doppelt so viele Menschen in Behandlung kommen wie momentan.

HIV-Positive werden weiterhin ausgegrenzt

Gleich auf dem ersten Panel der Vorkonferenz sprach Faghmeida Miller, eine muslimische Südafrikanerin, die seit 22 Jahren offen mit HIV lebt und sagt, sie ist immer noch die einzige in ihrer Muslimgemeinschaft, die offen mit ihrem HIV-Status umgeht. Eigentlich hätte sich nichts verändert. "Stigma is still the biggest killer". Die Kliniken in Südafrika seien nicht HIV-freundlich. Geistliche sprächen nicht mehr über HIV – nur am Weltaidstag würde jeder noch die rote Schleife tragen. Religiöse Führer sollten zur Veränderung beitragen.

Auch unter den Lutheranern sagen zwei HIV-positive  Pfarrer aus, dass sie, als sie offengelegt haben, dass sie HIV-positiv sind, von der Kirchenführung marginalisiert wurden, kein Gehalt mehr bekamen und dass sich die Kirchenführer immer noch so verhielten, als ob HIV irgendwo da draußen wäre und nicht in ihrer Mitte und dass noch viel getan werden muss, damit führende Geistliche auch die Führung in Sachen HIV übernehmen.

Fundiertes Wissen fehlt oft

Ist das wirklich das Jahr 2016? Mancher Bericht schockiert – haben wir gar keine Fortschritte gemacht oder schon wieder Rückschritte? Das Thema HIV ist im südlichen Afrika, dem Epizentrum der HIV-Epidemie heute nicht mehr so stark in der Gesellschaft verankert, wie das noch vor einigen Jahren der Fall war. Man redet kaum mehr über HIV und man kann nur hoffen, dass die Aidskonferenz die Alarmglocken laut genug ertönen lässt, so dass alle aus  ihrem Halbschlaf gerüttelt werden. Ohne fundierte Informationen zu HIV und Aids wird Stigma nicht überwunden und wir werden auch kein Ende der Epidemie herbeiführen können, denn es ist oft die Angst davor, stigmatisiert zu werden, die Leute davon abhält, sich testen und behandeln zu lassen. Und man kann nicht einfach davon ausgehen, dass nun alle Menschen Bescheid wissen und man HIV nicht mehr als eigenständiges Thema behandeln muss, weil es vor Jahren viele Aufklärungskampagnen gab.  Die neusten Statistiken von UNAIDS für Sub-Sahara Afrika weisen auf, dass nur 30 Prozent der jungen Frauen und 36 Prozent der jungen Männer korrektes Wissen über HIV haben.

Männer sind benachteiligt

Der neue Präventionsbericht von UNAIDS spricht für sich: bei der Reduzierung der Neuinfektionen wurden hauptsächlich bei Kindern Fortschritte erzielt. Seit 2010 stagnieren die Neuinfektionen bei Erwachsenen bei etwa zwei Millionen jährlich. In vielen Ländern steigen die Zahlen sogar weiterhin an – besonders in Osteuropa, Zentralasien und in der Karibik, aber auch im mittleren Osten und in Nordafrika wie auch in Lateinamerika. In Afrika gab es einen leichten Rückgang der Neuinfektionen, aber sie befinden sich immer noch auf sehr hohem Niveau und es ist klar, dass noch viel mehr Menschen getestet werden müssen, um ihren Status zu kennen und dann auch in Behandlung zu kommen. Laut neusten Angaben von UNAIDS kennen nun 57 Prozent aller Menschen mit HIV ihren HIV-Status. Männer hinken sowohl beim Testen wie auch beim Zugang zur Behandlung weit hinterher und haben höhere Sterberaten als Frauen. Dass zu wenig Augenmerk auf Männer gerichtet wird und Männer kaum als vulnerable Gruppe wahrgenommen werden und sehr viel schlechteren Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen als Frauen haben, wurde in einem von Brot für die Welt moderierten Workshop durch diverse Studien in Südafrika, Simbabwe und den Philippinen dargestellt. Hier muss mehr geschehen, sonst werden wir kein Ende von Aids bis 2030 erreichen.

Patente treiben Behandlungskosten nach oben

Auch der Zugang zu lebenslanger anti-retroviraler Behandlung und Behandlung von Ko-infektionen wurde auf der Vorkonferenz thematisiert. Die Mondpreise, die für neue Hepatitis C Medikamente zu bezahlen sind, erschweren den Zugang – inzwischen auch im globalen Norden. Das Patentparadigma hat bisher nur den Pharmakonzernen genutzt, die im Falle von dem neuen Hepatitis C Medikament Sofosbuvir einen unverfrorenen Profit einschieben – das Medikament hatte sich praktisch schon im ersten Jahr amortisiert. Patente haben nicht dazu beigetragen, dass benötigte Medikamente kostengünstig zur Verfügung stehen. Dies wird in der auf der Vorkonferenz lancierten Publikation zu Patenten und dem Zugang zu Medikamenten deutlich dargestellt und analysiert. Eine Teilnehmerin meinte, ob es denn nicht eine Kampagne der Faith Based Organisationen gebe, um sich für Alternativen zu Patenten stark zu  machen? Bisher gibt es diese noch nicht, aber es ist eine Anregung, die wir in die Ecumenical Adovcacy Alliance mit aufnehmen.

Erfolge bei Kindern

Aber es konnten auch Erfolge konstatiert werden, vor allem bei Kindern. 2015 haben sich 150.000 Kinder mit HIV infiziert – 2010 waren es noch doppelt so viele. Auch die Sterberate von Kindern ist seit 2009 um 62 Prozent zurückgegangen. Bessere Versorgung von Kindern und die Eliminierung der vertikalen Transmission war schon immer ein großes Anliegen kirchlicher Organisationen. Aber es geht nicht nur um die Verhinderung einer Übertragung bei der Geburt – auch Jugendliche müssen geschützt werden, bzw. Unterstützung erhalten, wenn sie HIV positiv testen und das geht nur durch Aufklärung, eine Senkung des Alters für Jugendliche, um sich testen lassen zu können und bessere Kommunikation auch zwischen Eltern und Kindern, wie dies mehrmals auf der Vorkonferenz angemahnt wurde. Auch bei der größeren Einbeziehung von Menschen mit unterschiedlicher sexueller Orientierung konnten Erfolge erzielt werden: Während das Thema auf der Ökumenischen Vorkonferenz vor zehn Jahren in Kanada noch sehr kontrovers diskutiert wurde, hatten hier in Südafrika Workshops zum Umgang mit Sexualität und sexueller Orientierung großen Zulauf.

90-Prozent-Ziel mit großen Anstrengungen erreichbar

Es wird nicht leicht sein, die gesetzten Ziele bis 2020 zu erreichen. 90 Prozent aller HIV-Positiven sollen ihren HIV-Status kennen, 90 Prozent davon in Behandlung kommen und 90 Prozent davon eine nicht nachweisbare Viruslast haben. Die Neuinfektionen müssen auf 500.000 reduziert werden und Stigma und Diskriminierung überwunden werden. Der Erfolg wird in engem Zusammenhang damit stehen, ob wir es schaffen, Stigma und Diskriminierung weiter abzubauen, mehr Menschen zu testen und Neuinfektionen zu verhindern, denn wenn die Neuinfektionen auf diesem Niveau bleiben, wird es schwierig werden, die Behandlung so schnell auszubauen. Aber damit wirklich alle Zugang erhalten, darf keine Gruppe mehr ignoriert, ausgegrenzt, diskriminiert, stigmatisiert oder gar kriminalisiert werden:  "Access Equity Rights Now"- so das Motto dieser 21. Welt-Aidskonferenz.

Wir hoffen, dass diese Welt-Aidskonferenz Regierungen, Zivilgesellschaft und dem Privatsektor die HIV-Müdigkeit aus den Knochen treibt und dafür sorgt, dass jetzt enorme Anstrengungen erfolgen, denn sonst wird diese Epidemie bis 2030 nicht gestoppt werden können. Phumzile Mabizela, die Direktorin von INERELA, dem Netzwerk von HIV positiven Geistlichen, drückte es in ihren Abschlussworten folgendermaßen aus: "We are on the fast track – when you are on the fast track, you cannot slow down."

 

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