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Ägypten im Spannungsfeld

Von Ehemalige Mitarbeitende am
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Wie fühlen sich die Menschen in einem Land, das nach dem arabischen Frühling ein Wechselbad der politischen Verhältnisse erlebt hat? Die anfängliche Aufbruchsstimmung ist schnell in Chaos umgeschlagen, das in eine autoritär und straff geführte und vom Militär bestimmte Führung mündete. Um einen Blick in die innere Befindlichkeit eines Landes zu ermöglichen, hatte Brot für die Welt in Berlin am 29. September zu einem Gesprächsforum geladen mit Vertretern aus dem Land am Nil unter dem Motto „Ägypten im Spannungsfeld“.

Die Frage, auf die die das evangelische Hilfswerk eine Antwort suchte, lautete: „Wie gestalten ägyptische Kirchen den Dialog mit Gesellschaft, Politik und anderen Religionen?“. Zum  Austausch mit den Besucherinnen und Besuchern stand das siebenköpfige Leitungsteam von CEOSS bereit. Die Vertreter  des sozialen Hilfswerks der koptischen Kirche (Coptic Evangelical Organisation for Sozial Services) waren zu den regelmäßigen Konsultationen mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Brot für die Welt nach Berlin gekommen.

Warning: "Neue Perspektiven entwickeln"

CEOSS ist eine  der tragenden Säulen des Partnernetzwerkes in Ägypten, mit dem sich das evangelische Hilfswerk seit 35 Jahren in dem Land am Nil für Entwicklung, Frieden und Gerechtigkeit einsetzt. Professor Dr. Claudia Warning, der zuständige Vorstand für Internationale Programme und Inlandsförderung bei Brot für die Welt, betonte, dass während des einwöchigen Arbeitsbesuches es intensiven Austausch und Dialog gab mit Vertretern der Regierung und des Bundestags.

Warning betonte weiter, dass es in Gesprächen mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Brot für die Welt nicht nur darum ging, „die Freundschaft zu stärken, sondern vor allem auch darum, Perspektiven zu entwickeln“. Schließlich ist Ägyptens Wahrnehmung in der deutschen Öffentlichkeit längst nicht mehr geprägt von der Aufbruchsstimmung des arabischen Frühlings und der Euphorie der protestierenden Menschen auf dem Tahir-Platz in Kairo.

Hilfswerk im Dialog mit dem ägyptischen Staat

In einer von Krisen geprägten Region gilt das Land zwar als relativ stabil und es ist deshalb auch wichtiger Dialogpartner der Bundesregierung. Dennoch gibt es scharfe Kritik von deutschen Medien sowie Vertretern von Politik und Zivilgesellschaft wegen Anwendung der Todesstrafe, massiver Eingriffe in Bürgerrechte und fehlender Rechtssicherheit.

Für die Arbeit von Brot für die Welt in Ägypten ist CEOSS von zentraler Bedeutung. Das koptische Hilfswerk gehört nicht nur zu den ältesten und bekanntesten Entwicklungsorganisationen Ägyptens, sondern nimmt auch eine bedeutende Stellung ein im interkulturellen und interreligiösen Dialog zwischen politischen Entscheidungsträgern in Ägypten und weit über die Landesgrenzen hinaus.

Entwicklung auf lokaler Ebene

Zu Gast bei Brot für die Welt war das siebenköpfige Leitungsteam von CEOSS mit Direktor Dr. Andrea Zaki an der Spitze. Er ist außerdem Kirchenpräsident der koptisch-evangelischen Kirche und Generalsekretär des ägyptischen Kirchenrates. Die Delegation von CEOSS zeigte auf, wie breit ihre sozialen Aktivitäten aufgestellt sind. Dazu gehören Hilfe für Kleinbauern, Gesundheitsstationen, Bildungsprogramme, Geld für Arbeit, friedliche Konfliktlösung, die Inklusion von Behinderten sowie der Kampf gegen die Beschneidung von Frauen.

Es geht um Entwicklung auf lokaler Ebene. Nach den Worten Zakis „ist CEOSS eine Organisation der Zivilgesellschaft, die sich der Armen annimmt und auf einen Wandel hinarbeitet“. Für ihn ist „es die größte Aufgabe, vor der wir stehen, die Armut auszurotten“. Zaki betonte, dass CEOSS rund zwei Millionen Menschen mit seinen Programmen erreicht. In den verganegenen drei Jahren wurden rund 120.000 Kleinbauern gefördert und 200.000 Kleinkredite vergeben.

Der Direktor betonte, dass sich CEOSS für die demokratische Entwicklung der Gesellschaft einsetzt und sich für die Menschenrechte einsetzt. Das ist nicht einfach in einem Land, das laut Zaki „gerade einen Prozess der Veränderung durchläuft“. Er betonte: „Wir wollen eine bessere Zukunft, aber es scheint, dass wir dafür Hilfe brauchen“.

Brot für die Welt ermöglichte Dialog mit Entwicklungsminister Müller

Er dankte Brot für die Welt dafür, dass das Hilfswerk den Dialog mit Vertretern der Politik ermöglichte. So hatte Entwicklungsminister Gerd Müller im Rahmen der Dialogreihe „Religion matters – Zukunftsfragen neu denken“ mit Reverend Dr. Andrea Zaki und Scheich Dr. Usama al-Sayyid Al-Azhari zwei ägyptische Persönlichkeiten eingeladen zum Austausch über die Rolle der Religionen und des interreligiösen Dialogs in gesellschaftlichen Transformationsprozessen.

Für Minister Müller sind Religion und Kultur wichtige gesellschaftliche und politische Gestaltungskräfte. Das bestätigte Zaki: „Glaubensbasierte Entwicklung kann dabei helfen, die neuen Entwicklungsziele zu erreichen. In Ägypten durchdringt Religion alle Teile der Gesellschaft“. Und er fügte hinzu, dass „die Christen als Minderheit für die Menschenrechte aller Ägypter eintreten“. Der Scheich, der unter anderem den Großmufti von Ägypten und den ägyptischen Präsidenten berät, bedauerte „dass religiöse Spannungen benutzt werden, um den christlich-muslimischen Dialog zu torpedieren“. Er wies darauf hin, dass „wir partnerschaftlich zusammenarbeiten“. Er fügte hinzu: „Wir haben durch Konferenzen eine gemeinsame Vision entwickelt. Außerdem sind auf Gemeindebene Initiativen entstanden, in denen ein Scheich und ein Pastor zusammenarbeiten.“

 

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