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Global Climate March: Weltweite Demonstrationen vor dem Klimagipfel in Paris

Von Dr. Klaus Seitz am
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Dr. Klaus SeitzAbteilungsleiter Politik
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Etwa17.000 Menschen haben am 29. November 2015 beim Climate March in Berlin für eine ambitionierte Klimapolitik und für den Kohleausstieg demonstriert. Unmittelbar vor Beginn des Klimagipfels fanden im Rahmen des „Global Climate March“ weltweit mehr als 2000 Demonstrationen statt. Klaus Seitz sprach auf der Auftaktkundgebung am Berliner Hauptbahnhof für die Klima-Allianz, bei der Brot für die Welt Mitglied ist:

Liebe Freundinnen und Freunde,

es ist großartig, dass Ihr Euch heute auf den Weg gemacht habt. Gemeinsam mit Millionen von Menschen in 175 Ländern tragen wir unsere Botschaft auf die Straße. Ja, wir  haben eine klare Botschaft an die Regierenden, die morgen in Paris den Klimagipfel eröffnen werden:  macht endlich Ernst mit einer ehrgeizigen Klimapolitik, die die Zukunft unseres Planeten sichert! Stellt die internationale Zusammenarbeit für den weltweiten Klimaschutz über eine kurzsichtige nationale Interessenpolitik!

Denn viel Zeit, das Ruder herumzureißen, bleibt nicht mehr. Was in den nächsten vierzehn Tagen in Paris vereinbart und was in den nächsten zehn Jahren getan oder nicht getan wird, das entscheidet darüber, wie sich die Erderwärmung im gesamten Jahrhundert entwickelt.  Und was wir jetzt klimapolitisch tun oder unterlassen, hat Einfluss darauf, wie sich das Gesicht der Erde im nächsten Jahrtausend verändern wird, ob die Generationen, die nach uns kommen, noch Gletscher, Polkappen und Korallenriffe kennen werden.

Der Klimawandel ist nicht nur eine ökologische Katastrophe, er verursacht auch ein soziales Desaster. Bereits heute stürzt er Millionen von Menschen vor allem in den ärmeren Ländern der südlichen Halbkugel ins Elend oder treibt sie in die Flucht. Orkane mit bisher nicht gekannter Wucht richten in der Karibik oder auf den Philippinen schreckliche Verwüstungen an, Dürren und Wetterkapriolen verschärfen Hunger und Mangelernährung in Afrika, der Meeresspiegelanstieg im Pazifik zwingt die Bewohner Kiribatis dazu,  ihre Heimat zu verlassen.

In mehreren südafrikanischen Provinzen herrscht derzeit die schlimmste Dürre seit Beginn der Temperaturaufzeichnungen. Auch in Äthiopien zeichnet sich eine verheerende Dürrekatastrophe ab, bereits die zweite in diesem Jahrzehnt. Dort sind durch die klimabedingten Wetterveränderungen mehr als 8 Millionen Menschen akut vom Hunger bedroht. Dabei trifft ein Land wie Äthiopien so gut wie keine Mitschuld an der globalen Erderwärmung. Jedes größere deutsche Kohlekraftwerk emittiert im Jahr mehr Kohlendioxid als dieses gesamte riesige Land mit seinen 100 Millionen Menschen. Und doch ist es gerade die arme Mehrheit der Weltbevölkerung, die die Folgen des Klimawandels besonders hart trifft.

Schon heute werden Tag für Tag etwa 60.000 Menschen durch klimabedingte Katastrophen aus ihrer Heimat vertrieben.  Nach Schätzungen der Internationalen Organisation für Migration werden zur Mitte des Jahrhunderts weitere 400 Millionen wegen klimabedingter Gefahren ihr Land verlassen müssen.

Aber schon heute, nicht erst morgen, wird der Klimawandel für Millionen zur Armutsfalle.  Vor wenigen Wochen haben die Vereinten Nationen einen wegweisenden Beschluss gefasst. Auf dem größten Gipfeltreffen aller Zeiten wurde vereinbart, Hunger und Armut bis zum Jahr 2030 auf diesem Planeten auszumerzen und zugleich weltweit auf den Pfad einer nachhaltigen Entwicklung einzuschwenken.

Paris wird nun zur Nagelprobe, ob es die Staaten mit diesem Versprechen tatsächlich ernst meinen.

Wir sind die erste Generation, die es in der Hand hat, extreme Armut und Hunger vollständig zu überwinden. Aber wir sind zugleich die letzte Generation, die noch in der Lage sein wird, den Klimawandel auf ein gerade noch tolerables Ausmaß zu begrenzen.

Paris muss und kann dafür die Weichen stellen.

Wir erwarten von der Bundesregierung, dass sie alles in ihrer Macht Stehende unternimmt, dass in Paris ein ehrgeiziges und verbindliches Klimaabkommen geschlossen wird. Es wird dabei nicht ausreichen, Ziele für die Minderung von Emissionen und den Ausstieg aus fossiler Energien zu verankern. Das Abkommen muss auch den solidarischen Umgang mit den sozialen und menschlichen Folgen vereinbaren, die der Klimawandel mit sich bringt. Ohne klare Absprachen über  die Bewältigung der Schäden und Verluste, die vor allem die verletzlichsten Länder erleiden und ohne Strategien zur Anpassung von Landwirtschaft, Infrastruktur oder Wassermanagement an die klimatischen Veränderungen wird es in Paris keinen Konsens mit den Entwicklungsländern geben.

Deutschland ist als Pionierland der Energiewende berufen, bei den Verhandlungen die Brücke zu den Entwicklungsländern zu schlagen. Klimagerechtigkeit heißt, dass wir nicht nur mit dem Ausstieg aus dem fossilen Zeitalter Ernst machen, sondern auch unserer Verantwortung gegenüber jenen Bevölkerungsgruppen Rechnung tragen, denen der Klimawandel die Lebensgrundlagen raubt. Eine faire Teilung der Lasten und Risiken ist dafür Voraussetzung und kann das Zünglein an der Waage sein, um die Verhandlungen zum Erfolg zu führen.

Frau Merkel, nutzen Sie diese Chance!

Wir gehen heute auf die Straße, weil wir davon überzeugt sind: eine klimafreundliche und solidarische Weltwirtschaft ist möglich. Wir lassen uns auch nicht weismachen, dass eine konsequente Energiewende und der Ausstieg aus der Kohle den wirtschaftlichen Fortschritt bei uns oder die Armutsbekämpfung im Süden behindern.  Das Gegenteil ist der Fall: die Dekarbonisierung der Weltwirtschaft ist Voraussetzung für globale Zukunftsfähigkeit.

Der Abschied von einem Entwicklungsmodell, das den Planeten geplündert hat  und zugleich Milliarden von Menschen die Teilhabe am weltweiten Wohlstand verwehrt, ist überfällig. Wir stehen am Beginn eines neuen, solaren Zeitalters. Also: machen wir uns auf den Weg in eine andere, bessere Zukunft!