Blog-Beitrag

„Mit der Not armer Menschen werden Gewinne erzielt”

EED-Agrarexperte Stig Tanzmann referierte am 15.02.2012 in der Protestantischen Kirchengemeinde Kusel (Westpfalz) über Nahrungsmittelspekulation.

 

Von Ehemalige Mitarbeitende am
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Ungefähr 50 Zuhörer kamen zum Vortrag von Stig Tanzmann im Katharina-von-Bora-Gemeindehaus in Kusel in der westlichen Pfalz. Das aktuelle, aber noch zu wenig wahrgenommene Thema der Nahrungsmittel-spekulation berührt letztlich alle. Denn es geht hierbei um das tägliche Brot für jedermann und darum, dass durch unkontrollierte Spekulation mit der Not der Armen Gewinne gemacht werden.

Tanzmann erklärte den Kontext der Spekulation mit Nahrungsmitteln: Nachdem der Handel an den Agrarbörsen im Jahr 2000 massiv dereguliert wurde, sind immer mehr marktfremde Spekultanten in den Markt eingestiegen und treiben die Preise. Und zwar nicht nur nach oben, sondern, wie wir 2009 gesehen haben, auch nach unten. Die Folge ist mehr Volatilität an den Märkten. Insgesamt sind in den letzten Jahren die Lebensmittelpreise auf dem Weltmarkt aber stark angestiegen. Ende 2011 lagen sie bereits höher als im Jahre 2008 während der Hungerkrise. Die Armen, die teilweise weit mehr als 50% ihres geringen Einkommens für Lebensmittel, also für das reine Überleben, ausgeben, sind hiervon massiv betroffen. Sie sind in Gefahr, wieder auf Dauer von der Armut in den Hunger abzurutschen.

Die marktfremden Spekulanten setzen vor allem angesichts der anwachsenden Weltbevölkerung auf mittlerweile über 7 Milliarden Menschen weiterhin auf steigende Preise. Denn die Nachfrage nach Nahrungsmitteln steigt, und das Angebot wird durch die Verwendung von pflanzlichen Rohstoffen (z.B. Soja, Zuckerrohr) für Agrartreibstoffe verknappt. Jede kleine Nachricht von Ernteausfällen wird so für neue Preissteigerungsrunden genutzt. Bei guten Ernten fallen die Preise dann rasant.

Auf dem Weltmarkt für Nahrungsmittel gab es schon immer Termingeschäfte, d.h., dass Ernten im Voraus zu einem festen Preis verkauft und gekauft wurden. Doch seit der Deregulierung der Agrarbörsen sind sie auβer Kontrolle geraten und haben den Bezug zur realen Ware völlig verloren. Besonders deutlich wurde dies nach dem Platzen der US-Immobilienblase in 2008. Damals wechselten viele Spekulanten vom Immobilien- zum Nahrungsmittelgeschäft über.

Für die Armen in den Entwicklungsländern kommt verschärfend hinzu, dass viele Länder des Südens in den letzten Jahrzehnten stark von Lebensmittelimporten abhängig wurden und jetzt die hohen Preise zahlen müssen. Die gestiegenen Weltmarktpreise für Weizen im Jahre 2007 schlugen sich z. B. im Senegal, Westafrika, in einem ca. 18%igen Anstieg des Brotpreises nieder. Es kam zu massiven Protesten, da das tägliche Brot für viele Arme einfach zu teuer geworden war. Um das Problem zu entschärfen, müssen die Länder des Südens ihre eigene Agrarproduktion erhöhen, damit sie aus dieser Abhängigkeit entkommen. Im Falle von Getreide müssen verstärkt traditionelle regionale Getreidesorten angebaut werden, das sind in Westafrika verschiedene Hirsesorten.

Tanzmann plädierte dafür, die Praxis der Spekulation mit allen Mitteln einzudämmen. Es ginge nicht an, „dass mit der Not der Hungernden weltweit satte Gewinne gemacht würden“

 

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