Die Straße von Hormus ist Engpass für einen erheblichen Teil der weltweit gehandelten Stickstoffdünger.20-22 Millionen Tonnen Harnstoff (Urea) werden hier pro Jahr verschifft; das sind 35-40 Prozent der global gehandelten Menge. Die Produktion von Urea ist energieintensiv, weshalb sie zu einem großen Teil in dieser Region stattfindet: in Golfstaaten wie Qatar, Saudi‑Arabien, den Vereinten Arabischen Emiraten und Iran – mit deren Gas.
Engpass Hormus: Dünger, Energie, steigende Preise
Mit der Blockade durch den Krieg im Iran explodieren die Gaspreise und damit die Kosten für die Herstellung von Dünger. Harnstoffpreise sind seit Kriegsbeginn um rund ein Viertel gestiegen. Viele Länder im Globalen Süden beziehen große Teile ihres Stickstoffdüngers direkt aus dem Golf oder aus Werken, die dessen Gas nutzen. Schon moderate Düngerpreissteigerungen zwingen bäuerliche Betriebe, weniger zu düngen. Folge: Die Ernten schrumpfen. Zudem sind viele Länder stark von Lebensmittelimporten wie von Reis, Weizen oder Mais abhängig.
Besonders gefährdet sind Regionen mit sehr hoher Importabhängigkeit bei Dünger und Grundnahrungsmitteln sowie geringen finanziellen Puffern. In Subsahara-Afrika stammen große Teile der Harnstoffimporte aus der Golfregion oder Ägypten, auch wenn der Düngereinsatz pro Hektar niedrig ist. Gerade beim dortigen Maisanbau, wo mehr Dünger zu deutlich höheren Erträgen führt, kann weniger Harnstoffeinsatz bis zu 50 Prozent Ernteausfall bedeuten. Aber auch Indien, weltgrößter Reisproduzent, importiert einen bedeutenden Teil seines Harnstoffs aus dem Golf; Bangladesch, wo Reis den Großteil der Kalorien liefert, hängt ebenfalls stark von diesen Lieferungen ab. Beim Reisanbau wird Stickstoffdünger während der Wachstumsphasen mehrfach ausgebracht, sodass kurzfristige Preissteigerungen zu sofortiger Unterdüngung, Ertragsverlusten oder Verschuldung führen können. Die großen Weizenimporteure Nordafrika und Naher Osten erleben ein Déjà-vu von 2022, als Russland beim Angriff auf die Ukraine die Weizenexporte stoppte. Weizenbrot ist in diesen Regionen das wichtigste Grundnahrungsmittel.
Am stärksten gefährdet: Dünger- und Nahrungsmittelimporte
Da auch die Ölpreise um 20 Prozent gestiegen und Schiffsversicherungen sich um die Hälfte verteuert haben, trifft der Krieg im Iran nicht nur den Düngerexport, sondern auch den Seehandel mit Reis, Weizen, Soja, Mais und anderen Nahrungsmitteln wie Speiseöle, Zucker, Fisch oder Hülsenfrüchte.
Auch die Getreidebörsen reagieren wie 2022 zu Beginn des russischen Angriffskrieges. Die Preise von Futures (Verträge, mit denen Marktteilnehmer einen Preis für eine Ware festlegen, die zu einem späteren Zeitpunkt geliefert oder abgerechnet wird) steigen für Mais, Weizen und Soja, getrieben von teurerem Öl, Spekulation und Inflationsängsten. Langfristige Lieferverträge werden teurer, da höhere Dünger-, Energie- und Frachtkosten eingepreist werden. Damit steigt die Gefahr einer Verschärfung der Welternährungssituation im Laufe des Jahres. Auch bei Bestellungen für das zweite Halbjahr 2026 müssen Regierungen und private Händler schon jetzt hohe Preisaufschläge hinnehmen. Vor allem in Ländern Südostasiens und Afrikas dürften diese sofort spürbaren Preiserhöhungen zu Einsparungen bei der täglichen Essensration führen.
Profiteure der Krise und fehlende Lehren
Düngerkonzerne wie Yara (Norwegen), CF Industries und Nutrien (USA/Kanada) – die weder Gas aus dem Golf beziehen noch dort produzieren – profitieren von der Verknappung, indem sie ihre Bestände zu stark gestiegenen Spotpreisen (Sofortpreis an den Börsen) verkaufen. Während kleinbäuerliche Betriebe und arme Haushalte zahlen, melden diese Firmen hohe Margen. Lehren aus der Nahrungsmittelkrise 2022 – Investitionen in organische Dünger, Saatgut und agrarökologische Beratung – wurden kaum gezogen; stattdessen ist das das System nach wie vor fossil, chemieabhängig und engpassanfällig.
Nach der Krise 2022 wären Anstrengungen nötig gewesen, arme Länder von externen Dünger- und Nahrungsimporten zu entkoppeln und auf agrarökologische, krisenresistente Landwirtschaft zu setzen. Doch vielerorts wurden Mittel für Entwicklungszusammenarbeit und zivilgesellschaftliche Akteure gekürzt, so auch der deutsche Entwicklungsetat.
Agrarökologie statt Monokultur und fossiler Abhängigkeit
Eine Antwort auf die ständigen globalen Ernährungskrisen kann nur Nahrungsvielfalt und Agrarökologie sein. Weltweit decken Mais, Reis, Weizen und Soja rund 60 Prozent der Kalorienversorgung ab. Hergestellt werden diese Güter im Rahmen eines fragilen, störanfälligen Systems. Die globale Getreideproduktion etwa basiert fast zur Hälfte auf synthetischem Stickstoffdünger. Dabei emittiert sie jährlich 1,13 Gigatonnen CO₂‑Äquivalente (10,6 Prozent der landwirtschaftlichen Emissionen und 2,1 Prozent aller globalen Treibhausgase) – während die Überdüngung Böden versauert und Humus abbaut. Dieses Modell verschärft die Klimakrise und macht die Welternährung krisenanfällig.
Ein radikal anderes Ernährungssystem auf Basis der Agrarökologie ist notwendig: Eines, das die Ernährungssituation im Globalen Süden widerstandsfähig macht gegenüber Klimaschocks, Kriegen, Konflikten und Preisspekulation. Bauern und Bäuerinnen würden unabhängig von genmanipulierten Sorten und Agrarchemie bei Saatgut, Dünger und Pestiziden werden, statt in Schuldenfallen zu geraten.
Anstelle von Monokulturen mit Reis, Weizen und Mais, die hohen Düngereinsatz erfordern, könnten Hülsenfrüchte wie Bohnen, Linsen und Erbsen Stickstoff binden und pflanzliches Protein liefern. Gemüse und Obst würden Vitamine sichern, Fisch aus Kleinfischerei und Fleisch aus extensiver Weidehaltung tierisches Eiweiß liefern ohne importiertes Kraftfutter. Hirse, Sorghum, Maniok oder Süßkartoffeln widerständen Dürren besser und benötigten weniger externe Inputs.
Wege aus der Abhängigkeit
Besonders für ärmere Familienbetriebe in Südamerika, Afrika und Asien ist Agrarökologie essenziell. Hohe Düngerpreise zwingen sie sonst, Ernten zu kürzen. Die Folge ist Hunger. Organisationen wie Brot für die Welt fördern daher lokale Kompost- und Biogasanlagen, Leguminosenfruchtfolgen, integrierte Vieh- und Acker-Systeme und handwerkliche Fischerei.
Der Iran-Krieg mahnt einmal mehr: Globale Ernährung darf nicht von fossilem Gas, der Straße von Hormus und wenigen Sattmachern abhängen. Agrarökologie – vielfältig, lokal, bodenschonend – minimiert Klimaschäden, schützt Böden und stärkt bäuerliche Familienbetriebe. Die Zeit für den Agrarwandel ist jetzt.


